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29. September 2017, 17:40 Uhr

Gerhard Schröder in Sankt Petersburg

Genosse Rosneft

Aus Sankt Petersburg berichtet

Gerhard Schröder hat sich an die Aufsichtsratsspitze des Kreml-Konzerns Rosneft wählen lassen. Dessen Chef Igor Setschin lobt den Altkanzler als "loyalsten deutschen Regierungschef".

Gerhard Schröder gibt sich gut gelaunt, als er vor die Medien tritt. Er wolle seinen Beitrag für ein stabiles Russland leisten, denn das sei es, was die friedliche Entwicklung der Welt sichere. Russland zu isolieren, etwa durch Sanktionen, bringe nichts. Deshalb engagiere er sich beim Erdölriesen Rosneft - trotz der heftigen Kritik, die der Altkanzler erneut abperlen lässt: "Das ist meine Entscheidung."

Gerade ist der Sozialdemokrat in der Bergbauuniversität von Sankt Petersburg zum Chef des Aufsichtsrats bei Russlands mächtigsten Konzern gewählt worden. Und Schröder gibt den Friedensstifter. Fragen zur SPD will er nicht beantworten, die muss gerade ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl überhaupt verdauen.

Schröder hat jetzt anderes zu tun. Der 73-Jährige führt den "Rat der Direktoren" an, wie es im Russischen heißt. Das entspricht weitgehend dem deutschen Aufsichtsrat. Insgesamt elf Direktoren gibt es in dem Gremium, darunter auch andere Ausländer. Matthias Warnig, der in der DDR hauptamtlich für die Stasi tätig war und in mehreren russischen Aufsichtsräten sitzt, dazu zwei Amerikaner: Donald Humphreys vom Ölkonzern ExxonMobil und BP-Vorstandschef Bob Dudley. Bis zu 580.000 Dollar bekamen die Aufsichtsräte 2016 für ihre Tätigkeit.

"Ich will meine Erfahrungen sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft dem Unternehmen zur Verfügung stellen", kündigt Schröder auf der Rosneft-Bühne vor den Aktionären an. Er spricht dabei ausschließlich Deutsch.

Rosneft ist eng verwoben mit dem Kreml, Konzernchef Igor Setschin macht immer wieder mit fragwürdigen Methoden Schlagzeilen. Rücksichtslos hat er sein Unternehmen ausgebaut, Konkurrenten geschluckt (Lesen Sie hier die Hintergründe). Kritiker bezeichnen Rosneft als Erdölministerium des Kreml. Setschin ist ein enger Vertrauter Putins, er gilt vielen als zweitmächtigster Mann Russlands. Sowohl die EU als auch die USA haben Rosneft und seine Führung mit Sanktionen belegt.

Schröder soll Setschin nun als Chefaufseher kontrollieren. Angesichts der Machtfülle des Rosneft-Chefs muss man sich fragen, ob das wirklich möglich ist. Sein Amt will er als Tätigkeit eines Privatmannes verstanden wissen, sagt Schröder.

Schröder und die "Blütezeit der deutschen Wirtschaft"

Rosneft-Boss Setschin sieht das etwas anders: Für ihn sei Schröder Moskau gegenüber der "loyalste deutsche Regierungschef in der ganzen Geschichte Deutschlands", sagt er. Setschin nutzt damit eine Formulierung, die das Magazin "Odnako" 2013 wählte, das vom heutigen Pressesprecher von Rosneft, Michail Leontjew, geführt wurde.

Schröder ist einer von uns, das ist Botschaft in Sankt Petersburg.

Setschin spricht ausführlich über den Sozialdemokraten, der in der ersten Reihe vor ihm Platz genommen hat und den die russische Regierung, Mehrheitsanteilseigner von Rosneft, als sogenannten unabhängigen Direktor vorgeschlagen hat. Formell ist Schröder damit an keinen Anteilseigner gebunden.

Setschin ist voll des Lobes: Schröder sei ein "bekannter und angesehener europäischer Politiker", der sich folgerichtig um die strategische Zusammenarbeit von Deutschland und Europa mit Russland bemühe. Schröders Reaktionen lassen sich nur erahnen: Die Journalisten müssen Setschins Rede vom Presseraum aus über Video verfolgen.

Anders als bei der Vorstellung der anderen zehn Kandidaten für den Aufsichtsrat, deren Lebensläufe Setschin vom Blatt abliest, spricht er bei Schröder überwiegend frei. Er betont, dass der Ex-Kanzler Befürworter der Ostseepipeline Nord Stream des zweiten russischen Energiekonzerns Gazprom sei und nennt seine Zeit als Regierungschef die "Blütezeit der deutschen Wirtschaft". Gerade der deutsche Markt sei für Rosneft strategisch enorm wichtig, der Konzern hält Anteile an drei Raffinerien, hat seit Mai eine Niederlassung in Berlin.

Schröder soll für Rosneft die "strategische Beziehungen zu westlichen Partnern" ausbauen, so wünscht es sich Setschin. Damit ist klar, dass Schröder so etwas wie Außenminister von Rosneft werden wird.

Was er genau vorhabe, wird Schröder anschließend auf der kurzen Pressekonferenz gefragt. Der Altkanzler gibt sich ahnungslos. Er wolle sich erst einmal in die Details einarbeiten.

Mitarbeit: Wladimir Schirokow

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