Gesundheitssystem Arzneimittel - weshalb darf die Pharmaindustrie Preise diktieren

Medikamente: Geld sparen mit Generika
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Medikamente: Geld sparen mit Generika


Noch immer ist Deutschland ein Paradies für die Arzneimittelindustrie: In keinem anderen europäischen Land kann sie die Preise so frei festsetzen. Denn hierzulande gilt das Prinzip: Jedes zugelassene Medikament müssen die Kassen auch bezahlen. Und in der Regel bestimmt die Industrie, wie viel das ist.

Im europäischen Ausland gilt Deutschland wegen dieser Einzigartigkeit als Referenzmarkt - zur Freude der dortigen Behörden. In Frankreich zum Beispiel wartet man gern, welchen Preis die Hersteller in Deutschland den Kassen diktieren. Dort hat die Pharmaindustrie dann wenig zu melden - sogenannte Verhandlungen laufen vielmehr nach dem Prinzip: Preis in Frankreich = deutscher Preis minus 20 Prozent.

Warum die deutsche Regierung die Pharmaindustrie noch immer so großzügig behandelt, ist unverständlich. Früher, als Deutschland wegen der zahlreichen heimischen Hersteller noch als "Apotheke der Welt" galt, ließ sich das mit der besonderen Bedeutung der Branche für die hiesige Wirtschaft begründen. Inzwischen ist die beachtliche Freiheit in der Preissetzung aber vor allem ein Konjunkturprogramm für ausländische Produzenten.

Besonders problematisch ist die wohlwollende Politik gegenüber den Pharmaproduzenten auch, weil die Ausgaben in diesem Bereich geradezu explodieren. Von 2007 auf 2008 wuchsen sie um mehr als fünf Prozent. Die Kosten für Medikamente sind inzwischen der zweitgrößte Block im Etat der Krankenkassen.

Das zentrale Problem ist seit langem bekannt und wurde auch vom jüngsten Arzneimittelreport bestätigt: Die deutschen Ärzte verordnen noch immer zu viele und zu teure Mittel. Experten verweisen auf internationale Preisvergleiche, die Sparpotentiale von sechs Milliarden Euro für Deutschland offenlegen. Konkret: Wenn dieser Betrag gespart würde, könnte der Kassenbeitrag um 0,5 Prozentpunkte sinken.

Zwar wurde in den vergangenen Jahren dank Nachahmermedikamenten (Generika) viel Geld gespart. Doch am effizientesten Kosten drücken könnte man bei den Originalpräparaten: Sie machen nur einen geringen Teil der Verordnungen aus, aber das Gros der Ausgaben. Hochinnovative Biotech-Medikamente, die keine Massenprodukte sind, gelten inzwischen als Kostentreiber Nummer eins. Denn sie verursachen zum Teil Kosten von mehreren zehntausend Euro pro Jahr.

Wegen der Alterung der Gesellschaft birgt die Ausgabensteigerung bei Arzneien mittelfristig die größte Sprengkraft für das gesamte Gesundheitssystem. Die Krankenkassen wollen deshalb erreichen, dass kein Mittel mehr ohne vorherige Verhandlungen auf den Markt kommen darf - so wie es in vielen Ländern seit langem üblich ist. Doch sie konnten sich bislang nicht gegen die mächtige Pharmalobby durchsetzen, die gern mit dem medizinischen Fortschritt argumentiert - der angesichts vieler Scheininnovationen aber oft begrenzt ist.

Die Kassen setzen deshalb auf das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Jahrelang wurde über die richtigen Methoden zur Kosten-Nutzen-Bewertung von Medikamenten gerungen, nun sollen die IQWIG-Wissenschaftler endlich damit loslegen. Sie könnten ein großes Problem lösen: Medikamente, die wenig Zusatznutzen gegenüber etablierten Therapien bieten, aber deutlich teurer sind, würden künftig wohl nicht mehr erstattet.

Noch ist das aber eher Hoffnung als Realität.



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