Kindeswohl in Deutschland Mehr Gewalt, etwas weniger Armut

Die Jugendämter melden mehr Fälle, in denen sie wegen Gewalt und Vernachlässigung eingreifen müssen. Zugleich sind laut Statistischem Bundesamt weniger Kinder von Armut gefährdet.

Die Armut unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland geht zurück
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Die Armut unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland geht zurück


Wie geht es Deutschlands Kindern und Jugendlichen? Anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Uno-Kinderrechtskonvention hat das Statistische Bundesamt dazu seine Daten zusammengestellt. Die schlechte Nachricht dabei: Gewalt und Vernachlässigung unter Minderjährigen nehmen zu. Bei zehn Prozent mehr Kindern und Jugendlichen stellten die Jugendämter im Jahr 2018 eine Kindeswohlgefährdung fest. Insgesamt 50.400 unter 18-Jährige waren betroffen.

Angesichts der zunehmenden Gefährdung seien mehr Minderjährige in Obhut genommen worden, teilten die Statistiker mit. In je etwa 6000 Fällen waren die Gründe Misshandlungen oder Vernachlässigungen, in weiteren 840 Fällen sexuelle Gewalt.

Als "alarmierend" bezeichnete Heinz Hilgers, der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, diese Entwicklung. Die Kinderrechte sollten ins Grundgesetz übernommen werden, forderte er.

Gleichzeitig ist die Kinderarmut in Deutschland leicht gesunken: Um sechs Prozent ging die Zahl der armutsgefährdeten Minderjährigen 2018 zurück. Laut Statistischem Bundesamt waren insgesamt 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche betroffen.

Als armutsgefährdet gelten Personen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügen. Für eine vierköpfige Familie mit Kindern unter 14 Jahren liegt die entsprechende Grenze bei 2385 Euro im Monat.

Mehr Kinder können in Urlaub fahren

Auch konnten wieder mehr Kinder in den Urlaub fahren: Während 2017 noch 15,5 Prozent der Haushalte mit Kindern sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten konnten, waren es 2018 nur noch 13,4 Prozent.

Doch laut Kinderschutzbund geben diese Zahlen die tatsächliche Situation der Kinder nicht wieder: Allein drei Millionen Kinder bezögen Sozialleistungen zur Sicherung des Existenzminimums, vier Millionen hätten Anspruch darauf, so Hilgers. Kinderarmut zeige sich vor allem in den Bereichen der Bildung, der sozialen Teilhabe und der Gesundheitsvorsorge.

Während in Deutschland 17,3 Prozent der Kinder armutsgefährdet sind, sieht die Situation in manchen europäischen Ländern deutlich besser aus: In Slowenien etwa fallen nur 13 Prozent der Minderjährigen in diese Kategorie. Der europäische Durchschnitt liegt bei 24 Prozent. Rumänien bildet das Schlusslicht mit 38 Prozent armutsgefährdeten Kindern.

"Es ist ein enormes Armutszeugnis, dass wir angesichts des Reichtums in Deutschland in diesem Ausmaß mit Kinderarmut, Gewalt und Vernachlässigung zu tun haben", sagte Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik im Studiengang Angewandte Kindheitswissenschaften von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Angesichts der vorhandenen finanziellen Mittel könne man klar entgegenwirken.

caw/dpa

insgesamt 16 Beiträge
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isar56 19.11.2019
1. Kinderrechte
sollten ins Grundgesetz übernommen werden..... Misshandlungen sind bereits jetzt nicht erlaubt, was viele Eltern nicht wissen. Zudem stelle ich im Rahmen meiner hauptberuflichen Tätigkeit (Jugendamt) fest, dass Vernachlässigungen (oftmals kulturell- oder bildungsbedingt) recht unterschiedlich definiert werden können. Zwischen Helikopter und Gleichgültigkeit liegt ein weites Feld. Aus meiner - nicht unbedingt repräsentativen - Erfahrung, übersteigen verbale und psychische Misshandlungen körperliche um ein Vielfaches: Du hast mir meine Jugend versaut, schon wieder Geld für die Schule, Du bist dermaßen dumm, statt Deiner hätten wir die Nachgeburt großziehen sollen........ schaut mal welch blöden Gang der hat ....sind Originalzitate, die ich selbst erlebte. Teilweise gegenüber Kleinkindern.
minimalmaxi 19.11.2019
2. Mehr Kinder können in Urlaub fahren
Soll das eine Erfolgsmeldung sein? Ich gönne den Kindern und Eltern einen gemeinsamen Urlaub, aber eine Erfolgsmeldung wäre wohl eher "Kaum noch Unterrichtsausfall an den Schulen" oder "Schule macht Kindern wieder Spaß".
remedias.cortes 19.11.2019
3. Mehr Kinder können in Urlaub fahren
Zitat von minimalmaxiSoll das eine Erfolgsmeldung sein? Ich gönne den Kindern und Eltern einen gemeinsamen Urlaub, aber eine Erfolgsmeldung wäre wohl eher "Kaum noch Unterrichtsausfall an den Schulen" oder "Schule macht Kindern wieder Spaß".
Es ist eine Erfolgsmeldung, weil Reisen bildet. Urlaub ist ein Blick über den Tellerrand , fremde Sitten, Essen, Gerüche, Pflanzen, Tiere, anderes Wetter, Landschaft . Damit muss nicht umbedingt Ausland gemeint sein. Es ist traurig, wenn Kinder nie aus ihrem Kiez rauskommen, noch nie das Meer oder WaLD GESEHEN HABEN.
laroschee 19.11.2019
4. Das ist wirklich ein Armutszeugnis
Und zeigt: Wohlstand schafft nicht zwingend gesellschaftliche Besserung. Wir brauchen eine wirklich soziale Marktwirtschaft, eine Weiterentwicklung des Kapitalismus zum sozial regulierten Kapitalismus. Mir nützen all die Erfolgsmeldungen nicht, dass es unserer Gesellschaft historisch am besten geht. Mag ja sein, aber gleichzeitig hat noch keine Gesellschaft derart von der sexuellen Ausbeutung von Kindern "profitiert", wie die unsere. Ich schäme mich dafür, dass es unsere fortschrittliche Gesellschaft nicht geschafft hat ihr wichtigstes Gut besser zu schützen: die Kinder, ganz besonders die, die keine Hilfe haben.
Xiuhcoatl 19.11.2019
5. Von destatis.de herunergeladen, komme auf anderes Ergebnis
Ich habe mir von destatis.de heruntergeladen: Zahlen 2018 (von 2019): https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kinderhilfe-Jugendhilfe/Publikationen/Downloads-Kinder-und-Jugendhilfe/gefaehrdungseinschaetzungen-5225123187005.xlsx?__blob=publicationFile Zahlen 2017 (von 2018): https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kinderhilfe-Jugendhilfe/Publikationen/Downloads-Kinder-und-Jugendhilfe/gefaehrdungseinschaetzungen-5225123177005.xls?__blob=publicationFile In der 2018er-Zahlen steht: "Verfahren insgesamt" = 157.271 davon "keine Kindeswohlgefährdung aber Hilfebedarf" = 52.995 und "keine Kindeswohlgefährdung und kein (weiterer) Hilfebedarf" = 53.864 das heißt Kindeswohlgefährdung = 157.271 - 52.995 - 53.864 = 50.412 Das sind wohl die im Artikel besagten 50.400. Und das sind 32,05 %, für das Jahr. In der 2017er-Zahlen steht: "Verfahren insgesamt" = 143.275 davon "keine Kindeswohlgefährdung aber Hilfebedarf" = 48.949 und "keine Kindeswohl-gefährdung und kein (weiterer) Hilfebedarf" = 48.578 das heißt Kindeswohlgefährdung = 143.275 - 48.949 - 48.578 = 45.748 Und das sind 31,93 %, für das Jahr. Ich kann da keine (erst recht nicht zehnprozentige) Steigerung erkennen. Sondern das ist ca. genau gleich geblieben.
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