Finanzkrise in Italien 200.000 protestieren gegen Montis Sparprogramm

In Rom haben Zehntausende Italiener gegen Einschnitte im Sozialsystem demonstriert. Die Regierung solle in Jobs investieren, statt Ausgaben zu kürzen, forderten die Demonstranten. Das von Regierungschef Monti versprochene Wachstumspaket genügt den Gewerkschaftlern nicht.

DPA

Rom/Mailand - Aus Protest gegen Rentenkürzungen, Steuererhöhungen und Arbeitsrechtsreformen haben in Rom Zehntausende Italiener demonstriert. Auch in anderen Städten Italiens folgten einige Tausend Menschen dem Aufruf der großen Gewerkschaften des Landes. Nach Angaben der Arbeitnehmervertreter beteiligten sich 200.000 Menschen an den Kundgebungen.

Sie verlangen von der Regierung des Ministerpräsidenten Mario Monti ein entschiedenes Vorgehen gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise. Montis Technokratenregierung hatte jüngst ein neues Maßnahmenpaket zur Wirtschaftsförderung auf den Weg gebracht - dennoch taumelt das hoch verschuldete Land weiter dem Abgrund entgegen. Die Industrieproduktion ist seit Anfang 2008 um etwa ein Viertel geschrumpft, Italien rutscht einer Rezession entgegen. Die Arbeitslosenquote bei unter 25-Jährigen lag zuletzt bei 36 Prozent.

"Den wirklichen Wandel, den das Land braucht, gibt es nicht", sagte Susanna Camusso, Chefin der größten italienischen Gewerkschaft CGIL. "Wir sind hier, weil das Programm der Regierung zur Vertiefung der Rezession in unserem Land führt".

Die Demonstranten in Rom appellierten an die Regierung, nicht das Sozialsystem des Landes zu beschneiden, um Schulden abzubauen. Sie solle sich stattdessen darauf konzentrieren, angesichts einer der hohen Arbeitslosigkeit neue Jobs zu schaffen. Außerdem forderten die Gewerkschaftler ein härteres Vorgehen gegen Steuerhinterziehung.

Farbbeutel gegen die Deutsche Bank

Die Kundgebung in Rom verlief friedlich. Zu Zwischenfällen kam es bei kleineren Protestzügen in Bologna, das Monti am Samstag besucht hatte. Polizei und Demonstranten gerieten kurz aneinander, dann flogen Farbbeutel gegen den Sitz der Deutschen Bank, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete.

Regierungschef Monti wiederholte seine Warnungen vor einem wirtschaftlichen Abstieg Italiens. "Wir waren schon vom Abgrund zurückgetreten", sagte er. "Das Loch wird aber größer und droht uns zu verschlingen. Wir stecken wieder in einer Krise." Nach dem harten Sparprogramm soll nun die Wirtschaft stärker gefördert werden. Monti will Italien ohne europäische Hilfsgelder aus der Krise führen.

Unklar ist weiterhin, ob das gelingt: Die Ankündigung von Hilfsmaßnahmen für die spanischen Banken und ein drohender Euro-Austritt Griechenlands trieben jedoch zuletzt Refinanzierungskosten für italienische Schulden erneut in die Höhe. Die Renditen für zehnjährige italienische Staatsanleihen stiegen wieder auf mehr als sechs Prozent. Renditen von über sieben Prozent zwangen Griechenland, Irland und Portugal unter den internationalen Rettungsschirm.

usp/dpa/AFP

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Brennstoff 16.06.2012
1. Na ja,
es war klar, dass die Italiener gegen die Sparmaßnahmen anstinken würden. Deshalb ist es Monti wohl auch so zögerlich angegangen, inzwischen kann er aber nicht mehr anders. Griechenland ist im Prinzip ein Nebenkriegsschauplatz geworden, für Spanien dürften die Rettungsschirme reichen, aber Italien wäre die Götterdämmerung des Euro. Drücken wir also Monti die Daumen, dass er es allein schafft. Feste Daumendrücken soll helfen, aber ein wenig fehlt mir der Glaube.
schlummi1 16.06.2012
2. x
Zitat spon: Die Arbeitslosenquote bei unter 25-Jährigen lag zuletzt bei 36 Prozent. Na dann muss man sofort das renteneintrittsalter weiter erhöhen, ab 80? Wäre doch gelacht, wenn man die jugendarbeitslosenquote nicht auf 50% bekommt.
fuchs008 16.06.2012
3. Der Ausweg heisst Staatsbankrott
Argentinien hat es vorgemacht: Ehrlich sein, den Bankrott erklären. Die Staatsschulden sind nicht rückzahlbar. Seit Jahren immer nur Neuverschuldung, von Tilgung keine Spur. Herr Monti sollte zu seinem Brötchengeber (GoldmanSachs) zurückgehen und seinem Heimatland einen vernüftigen Neuanfang gönnen.
nalle84 16.06.2012
4. aha
Zitat von sysopDPAIn Rom haben Zehntausende Italiener gegen Einschnitte im Sozialsystem demonstriert. Die Regierung solle in Jobs zu investieren, statt Ausgaben zu kürzen, forderten die Demonstranten. Das von Regierungschef Monti versprochene Wachstumspaket genügt den Gewerkschaftlern nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839320,00.html
So viel zum Thema "Expertenregierung"! Wieso sieht man nicht zu, erst mal die Steuern einzutreiben, die zu entrichten sind! Von allen Bürgern. Steuerhinterziehung gibt es überall. Falls es dann immer noch nicht reicht, kann man an Kürzungen denken! Hinterzogene Steuern einzutreiben dürfte doch wohl schneller Geld in die Kassen spülen, als Kürzungen die erst mal ein paar Jährchen wirken müssen...
Herr Hold 17.06.2012
5. Verständnis
Zitat von sysopDPAIn Rom haben Zehntausende Italiener gegen Einschnitte im Sozialsystem demonstriert. Die Regierung solle in Jobs zu investieren, statt Ausgaben zu kürzen, forderten die Demonstranten. Das von Regierungschef Monti versprochene Wachstumspaket genügt den Gewerkschaftlern nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839320,00.html
Ich habe Verständnis für die Forderungen, ebenso wie für die anderer Länder.Wichtig und tröstlich finde ich, dass die Gewerkschaften dort erkannt haben, wo eines der grössten Probleme liegt: dass viele der eigenen Landsleute ihre Steuern nicht/ zu wenig zahlen.Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt, statt immer nur nach Geldgebern aus dem Ausland zu rufen, sind wir einen Schritt weiter.
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