Vorwurf gegen Varoufakis' Der falsche Antisemitismus-Vorwurf gegen Varoufakis

Vor zehn Jahren wurde der neue griechische Finanzminister Varoufakis wegen antiisraelischer Tiraden von einem Radiosender gefeuert. Doch ein Blick auf den Wortlaut zeigt: Mit Antisemitismus hatte das nichts zu tun.
Lebte zwölf Jahre lang in Sydney: Finanzminister Giannis Varoufakis

Lebte zwölf Jahre lang in Sydney: Finanzminister Giannis Varoufakis

Foto: KOSTAS TSIRONIS/ REUTERS

Der neue griechische Finanzminister fällt auf. Mit seinem Kleidungsstil. Mit seiner Streitlust. Und mit seinem Werdegang: vom griechischen Auswanderer zum griechischen Finanzminister. Bei Politikern wird gerne mal in der Vergangenheit gewühlt. Doch die Vorwürfe, die nun gegen Varoufakis erhoben werden, wiegen besonders schwer: Er sei judenfeindlich und stelle das Existenzrecht Israels infrage.

Doch ein genauer Blick auf das, was Varoufakis einst im australischen Radio gesagt hat, zeigt: Seine Haltung war zwar auf eine typisch linke Art israelkritisch. Vom generellen Vorwurf des Antisemitismus bleibt allerdings nichts übrig. Varoufakis kritisierte vor allem die Sperranlagen, die das Westjordanland von Israel trennen. Doch die werden auch von Amnesty International kritisiert, von den USA und selbst die UNO äußerten sich skeptisch. Die UN wollte 2003 sogar eine Resolution dagegen verabschieden, die jedoch durch das Veto der USA nicht zustande kam.

Doch der Reihe nach: Thomas Weber, Dozent an der Universität von Aberdeen, war der Erste, der die angeblich antiisraelische Gesinnung des Griechen thematisierte. "Im Aufruhr über die griechische Finanzpolitik wird die Judenfeindlichkeit der Regierung Tsipras glatt übersehen", schrieb er in einem Gastkommentar für die "Welt" . "Ein tiefer Graben" tue sich zwischen Berlin und Athen im Umgang mit Israel auf. Während Angela Merkel Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson erklärt habe, sei Varoufakis 2005 aufgrund antiisraelischer Tiraden als Radiomoderator des australischen Radiosenders SBS gefeuert worden.

Varoufakis reiste 1988, im Alter von 27 Jahren, nach Sydney. "Aus heiterem Himmel" sei ihm damals von der Universität von Sydney ein Job als Dozent für Wirtschaftswissenschaften angeboten worden, schreibt er auf seiner Homepage . Er blieb zwölf Jahre lang.

Ein guter Entertainer

In dieser Zeit heiratete er eine Australierin, wurde Vater einer Tochter, bekam die doppelte Staatsbürgerschaft - und war einmal pro Woche im Radio zu hören, im "Greek Language Program", einem Spartensender für griechische Exilanten, das der öffentlich-rechtliche Special Broadcasting Service (SBS) in Australien betreibt. Das Konzept ähnelt dem der Deutschen Welle, gesendet wird in 74 Sprachen. Auswanderer sollen so über Themen in der Heimat informiert werden und sich mit anderen Expats austauschen können, es geht um Unterhaltung, aber auch um Politik, Geschichte - und Wirtschaft.

Varoufakis sei ein guter Entertainer, seine Seminare seien ganz anders als die langweiligen Vorträge vieler Kollegen gewesen, erinnerten sich nach seiner Ernennung zum Finanzminister Griechenlands frühere Studenten der Universität von Sydney in australischen Medien. Sydney habe einen unauslöschlichen Eindruck auf den neuen griechischen Finanzminister gemacht, freute sich der "Sydney Morning Herald" . Seine Tochter lebe noch immer hier, und mindestens zweimal im Jahr komme er zu Besuch. An seine Radiosendung konnte sich offenbar niemand erinnern - das Publikum dürfte aber auch denkbar klein gewesen sein.

Im Jahr 2000 verließ Varoufakis seine neue Heimat und zog zurück nach Athen. Die Radiosendung behielt er, die Themen bestimmte er selbst - und nicht immer ging es um Wirtschaft.

Am 29. August 2005 kommentierte Varoufakis den Rückzug Israels aus dem Gazastreifen. Der australische Thinktank "Issues of Concern for Justice and Society" hat ein Transkript der Sendung auf Englisch online gestellt  - nachdem er eine Beschwerde beim Radiosender eingeleitet hatte.

Laut Transkript nennt Varoufakis Gaza ein "nutzloses, feindliches Land", das Israel gegen die Westbank getauscht habe, um Geld und Personal zu sparen und "das Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Westjordanland zu vollenden".

Kritik an Israels Mauerbau

Das Westjordanland werde von Israel illegal besetzt, und für die Palästinenser sei es unmöglich, dort ein normales Leben zu führen, heißt es weiter. Man solle sich nur mal anschauen, wo die Israelis ihre Mauer bauen würden, so Varoufakis: Dieses "Betonmonster" trenne die Palästinenser von ihrem eigenen Land.

Um jeweils auf die andere Seite zu kommen, müssten sie kilometerweit zum nächsten Checkpoint laufen und dort erniedrigende Durchsuchungen über sich ergehen lassen. "Es ist Sadismus", sagte er. "Erst bauen sie eine Mauer, um die Palästinenser zu isolieren und von dem Land zu trennen, das sie stehlen wollen. Dann machen sie ihnen das Leben unerträglich, indem sie ihnen nicht erlauben, ihr Land zu bewirtschaften. Und dann erklären sie das Land für verlassen." Die Welt schaue tatenlos zu - "und wundert sich, wenn sich einer dieser Palästinenser in die Luft sprengt".

Knapp drei Monate später antwortete der Radiosender auf die Beschwerde des Thinktanks: Varoufakis habe mit seinem Kommentar gegen die Regeln des Senders verstoßen. Als Lehrbeauftragter für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Athen sei er ein geeigneter Ansprechpartner für Wirtschaftsthemen, aber nicht für den Nahostkonflikt. Sein Kommentar hätte von einem Gegenkommentar begleitet werden müssen, dies sei aber versäumt worden. Man entschuldige sich und werde die weitere Zusammenarbeit überdenken. Varoufakis bekam also Probleme, weil er gegen die Ausgewogenheitsregeln des Senders verstoßen hatte, nicht aber, weil er sich spezifisch judenfeindlich äußerte.

Die Sendung wurde dennoch eingestellt, nach 16 Jahren. In einem Blogbeitrag  hat Varoufakis 2010 zu dem Vorfall Stellung genommen: Er habe damals nur gesagt, was selbst in der israelischen Zeitung "Haaretz" nachzulesen gewesen sei. Kritik am Bau der Mauer in Israel dürfe nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden.

In Israel wurde der nun ausgegrabene Nahost-Kommentar des Finanzministers relativ gelassen aufgenommen. Grund zur Sorge bestünde wohl nicht, schreibt die "Times of Israel" : Das sei "typisch linke Kritik", erklärt dort ein Politologe - und der Vorfall liege lange zurück. "Heute sind die meisten Mitglieder von Syriza deutlich moderater", zitiert die Zeitung Victor Eliezer vom Zentralvorstand der jüdischen Gemeinden in Griechenland.

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