Gipfel in Cannes So wollen die G20 die Weltwirtschaft retten

Gelähmt, geschwächt, gereizt - der Zustand der größten Wirtschaftsnationen der Welt ist schlecht. Dabei warten gewaltige Aufgaben auf dem G-20-Gipfel: Die Staatschefs müssen die Finanzmärkte an die Kette legen - und brauchen eine Art Wunderformel, die zugleich Sparen und Wachsen erlaubt.

G20 in Cannes: Die Fülle an Problemen lähmt die Regierungschefs
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G20 in Cannes: Die Fülle an Problemen lähmt die Regierungschefs

Aus Cannes berichtet


Washington, London, Pittsburgh, Toronto, Seoul - fünfmal haben sich die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Wirtschaftsmächte seit 2008 getroffen, um Konsequenzen aus der weltweiten Finanzkrise zu ziehen. Herausgekommen ist dabei bisher vor allem Stückwerk. Nun, beim sechsten Treffen im französischen Cannes, wollen die Staaten endlich Ernst machen.

Nötig wäre das allemal. Schließlich hat sich die Krise im Vorfeld des Gipfels noch einmal zugespitzt: Die Banken wanken fast wie nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008, die Euro-Zone droht unter dem Druck der Finanzmärkte zu zerbersten - und selbst aus China kommen mittlerweile beunruhigende Berichte über ein wackelndes System sogenannter Schattenbanken.

All das sollte den Druck zur Einigung erhöhen. Die nötige Legitimation dazu haben die G20 sowieso. Schließlich repräsentieren sie zwei Drittel der Weltbevölkerung und knapp 90 Prozent der globalen Wirtschaftskraft.

Doch die Fülle an Problemen lähmt die Handelnden. Das gilt vor allem für die führenden Euro-Staaten Deutschland und Frankreich, die die Züchtigung der Finanzmärkte vorantreiben wollten. Nun, so scheint es, haben sie so viel mit der Krise Griechenlands zu tun ( aktuelle Entwicklungen hier im Liveticker), dass ihnen kaum noch Zeit und Kraft für ihr ursprüngliches Anliegen bleibt. Neben dem lange geplanten G-20-Programm wird es in Cannes deshalb immer wieder darum gehen, wie die Beschlüsse des Euro-Gipfels von Ende Oktober schneller umgesetzt werden können.

Hinzu kommt die konjunkturelle Schwäche, die nicht nur die Euro-Zone, sondern auch viele andere Teile der Welt erfasst hat. Der Weltwirtschaft droht ein Rückfall in die Rezession. Und anders als 2008/2009 fehlt den meisten Staaten diesmal das Geld, um das Desaster zu bekämpfen. Im Gegenteil: Sie haben so viele Schulden angehäuft, dass sie knallhart sparen müssen.

Viele Staatenlenker reisen diesmal mit so vielen Problemen an, dass sie auf internationaler Ebene kaum große Forderungen stellen können. Die Position Deutschlands und Frankreichs etwa wird durch die neue Unsicherheit geschwächt, die die geplante Volksabstimmung in Griechenland in den ohnehin holprigen Prozess der Euro-Rettung gebracht hat.

US-Präsident Barack Obama kämpft mit innenpolitischen Querelen und einer hohen Arbeitslosenquote - er muss um seine Wiederwahl im kommenden Jahr bangen. Und auch Briten und Japaner, die bis zum Hals in der Schuldenkrise stecken, können sich ein allzu forsches Auftreten kaum erlauben.

Gerade die Schwächen vieler Teilnehmer könnten allerdings dazu führen, dass sie noch starrer ihre Interessen vertreten, um ihr Land nicht noch tiefer in die Krise zu reißen.

Worüber verhandeln die wichtigsten Wirtschaftsnationen? Welche Positionen vertreten sie? Und welche Konflikte drohen?

Wachstum und Schulden

Sparen oder konsumieren? Das ist die Frage, die die G-20-Staaten entzweit. Auf der einen Seite stehen vor allem die Deutschen, die am liebsten der ganzen Welt einen Sparkurs verordnen würden. Einen Beschluss in diese Richtung gab es bereits auf dem Gipfel im kanadischen Toronto. Dort hatten sich die klassischen Industrienationen verpflichtet, ihre Haushaltsdefizite bis 2013 zu halbieren und den Schuldenstand bis 2016 zu stabilisieren. Für die Schwellenländer gilt die Selbstverpflichtung nicht.

Deutschland verweist gerne darauf, dass es diese Vereinbarung einhalten werde. Auch Kanada, Großbritannien und sogar Italien könnten die Vorgaben erfüllen. Die USA, Japan und Frankreich dagegen werden wohl scheitern.

Gerade die Amerikaner legen den Schwerpunkt in der Debatte denn auch lieber darauf, das weltweite Wachstum anzukurbeln und verlangen besonders von Deutschland in dieser Frage mehr Engagement. Länder wie Deutschland oder China, die hohe Exportüberschüsse einfahren, müssten mehr dafür tun, den Konsum der heimischen Verbraucher anzukurbeln - und damit die weltweite Nachfrage.

Finanzmarktregulierung

Halbwegs einig sind sich die Staaten bei der Regulierung der Finanzmärkte. Nachdem sie Ende 2010 auf dem Gipfel in Seoul im Grundsatz bereits strengere Eigenkapitalregeln für Banken vereinbart hatten, sollen nun weitere Auflagen für 29 Großbanken hinzukommen, darunter für die Deutsche Bank.

Diese sogenannten systemrelevanten Institute sollen künftig noch höhere Eigenkapitalanforderungen erfüllen als kleinere Banken. Zudem soll ein Verfahren ausgearbeitet werden, das es ermöglicht, Großbanken abzuwickeln, ohne damit einen Systemschock wie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 auszulösen.

Die Finanzregulierung soll künftig aber über den Bereich der klassischen Banken hinausgehen. Dazu wollen die G20 zunächst mehr Licht in das System der sogenannten Schattenbanken bringen. Darunter versteht man einerseits Zweckgesellschaften, die die Großbanken ausgelagert haben, um ungestört riskanten Geschäften nachzugehen - andererseits auch Hedgefonds.

Bankenaufseher wie der scheidende deutsche BaFin-Chef Jochen Sanio warnen seit Monaten davor, dass solche Schattenbanken den nächsten Crash verursachen könnten. Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass der Bereich inzwischen etwa 25 bis 30 Prozent des globalen Finanzsystems ausmacht.

Zwischen 2002 und 2010 soll das Schattenbank-Volumen von 25 Billionen US-Dollar auf 60 Billionen Dollar gestiegen sein. Allein in den USA wird mit 16.000 Milliarden Dollar ein größeres Kreditvolumen bewegt als von herkömmlichen Banken. Dichtmachen werden die G20 diesen Markt nicht, doch sie wollen zumindest dafür sorgen, dass etwas mehr Transparenz entsteht.

Die Finanztransaktionssteuer wird dagegen wohl kein Thema in der Abschlusserklärung am Freitag sein. Dagegen haben sich die USA und vor allem Großbritannien schon im Vorfeld des Gipfels heftig gewehrt.

Großbritannien ist angesichts seiner schwächelnden Wirtschaft darauf angewiesen, dass es wenigstens dem wichtigsten Sektor, der Finanzbranche, einigermaßen gutgeht. Die in London ansässige HSBC, die größte Bank Europas, hat zudem schon mehrmals damit gedroht, ihre Zentrale nach Asien zu verlegen.

Weltwährungssystem

Streit dürfte es auch beim Thema Wechselkurse und Währungssystem geben. Die USA und Europa werfen China seit längerem vor, den Yuan künstlich niedrig zu halten und sich so unfaire Handelsvorteile zu verschaffen.

Aber auch die Europäer werden sich rechtfertigen müssen. Eine Folge der europäischen Schuldenkrise ist, dass Anleger zeitweise im großen Stil aus dem unsicheren Euro ausgestiegen sind und sich vermeintlich sichere Häfen wie den japanischen Yen gesucht haben.

Darunter leidet die japanische Wirtschaft: Der starke Yen macht ihre Produkte in der Welt teurer - und hemmt so die Nachfrage.

Auch für Schwellenländer wie Brasilien sind die immensen Kapitalströme ein Problem. Sie sorgen sich zum einen um die Aufwertung ihrer Währung, fürchten sich zum anderen vor den Turbulenzen, die entstehen können, wenn das viele Geld plötzlich wieder abgezogen wird. Um die Kapitalflüsse besser zu steuern, haben einige Schwellenländer Kontrollen für den Devisenverkehr eingeführt. Die G20, die zum großen Teil für möglichst freien Kapitalverkehr eintreten, wollen nun beraten, in welchen Fällen solche Kontrollen zulässig und nötig sind.

Mit Material von dpa

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Seite 1
Michael Giertz, 03.11.2011
1. Der Trailer legt den Finger auf die Wunde
Zitat von sysopGelähmt, geschwächt, gereizt - der Zustand der größten Wirtschaftsnationen*der Welt ist schlecht. Dabei warten gewaltige Aufgaben auf dem G-20-Gipfel:*Die Staatschefs*müssen die Finanzmärkte an die Kette legen - und*brauchen eine Art Wunderformel, die zugleich Sparen und Wachsen erlaubt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795643,00.html
Der Kernirrtum liegt doch im letzten Satz: "Wunderformel", "Sparen und Wachsen zugleich". Regel No 1. Das Sparen schließt Wachstum aus und Wachstum das Sparen. Sparen bedeutet lediglich, dass weniger Resourcen ausgegeben werden. Ggf. werden einmalige Optimierungseffekte erzielt, d.h. man erreicht mit weniger Aufwand die gleichen Ergebnisse, aber das Wachstum wird kaum davon beeinflusst. Es ist allerdings sehr leicht, jeglichen Wachstum kaputtzusparen. Regel No 2. Jedes System erlaubt nur Wachstum innerhalb seiner natürlichen Grenzen. Im Falle der Weltwirtschaft sind dies nicht nur Märkte sondern auch die zur Verfügung stehenden Resourcen. Im krassen Gegensatz dazu steht die Zinswirtschaft, welche ein grenzenloses Wachstum bedingt um dauerhaft zu funktionieren. Regel No 3. Es gibt keine Wunder. An Wunder glauben ist naiv. Auf Wunder zu vertrauen ist törricht. Auf Wunder bauen ist dumm. Regel No 4. Ohne realistische und pragmatische Ansätze wird sich die Weltwirtschaftskrise nicht entschärfen lassen. Es muss endlich das Zinswirtschaftssystem überprüft werden, es darf sich nicht Geld allein durch die Anwesenheit durch Geld vermehren können. Eventuell benötigen die großen Leitwährungen eine Reform von Grund auf. Ebenso sollte über darüber nachgedacht werden, eine Obergrenze für maximal auf eine Person konzentriertes Vermögen eingeführt werden, d.h. ein "Milliardärsverbot". Nur so ein paar Gedanken.
Carnival Creation, 03.11.2011
2. .
die Wunderformel heißt Forschung und Entiwcklung.
tomkey 03.11.2011
3. rein de va plus - nix geht mehr
Zitat von sysopGelähmt, geschwächt, gereizt - der Zustand der größten Wirtschaftsnationen*der Welt ist schlecht. Dabei warten gewaltige Aufgaben auf dem G-20-Gipfel:*Die Staatschefs*müssen die Finanzmärkte an die Kette legen - und*brauchen eine Art Wunderformel, die zugleich Sparen und Wachsen erlaubt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795643,00.html
Den Artikel braucht man ja im Prinzip gar nicht zu lesen. Die ganze Sache hat mittlerweile eine solche Eigendynamik entwickelt, dass sich irgendwelche Strategien, Lösungsvorschläge oder Konzepte durch die neuen Meldungen auch immer wieder ändern. Das Kartenhaus Euro mit unangepasster einheitlicher Wirtschaftspolitik kracht gerade gewaltig zusammen.
JaguarCat 03.11.2011
4. Wunderformel = Vermögenssteuer!
Zitat von sysopGelähmt, geschwächt, gereizt - der Zustand der größten Wirtschaftsnationen*der Welt ist schlecht. Dabei warten gewaltige Aufgaben auf dem G-20-Gipfel:*Die Staatschefs*müssen die Finanzmärkte an die Kette legen - und*brauchen eine Art Wunderformel, die zugleich Sparen und Wachsen erlaubt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795643,00.html
Die Wunderformel - an die derzeit noch niemand ran will - heißt ganz einfach "Vermögenssteuer". In substanzieller Höhe (also nicht nur ein halbes Prozent), weltweit oder zumindest in der kompletten "westlichen" Welt (die USA und Japan haben beispielsweise ebenso ein Staatsschuldenproblem), an den Quellen erhoben (also direkt auf Bankguthaben, Aktienguthaben, Fonds, kapitalbildende Versicherungen usw. usf.; Bargeld kriegt man evtl. durch einen Bargeldtausch in den Griff; Gold durch Zertifikate, ohne die Goldbarren nicht mehr handelbar sind) und dann nicht auf den Staat gutgeschrieben, wo das Geld liegt, sondern auf die Staaten nach einem Schlüssel gemäß der Verschuldung oder einfach "pro Bürger" verteilt. Bei so einer weltweiten Vermögenssteuer zum "Reset" nach der Finanzkrise wollen die "Steueroasen" natürlich nicht mitmachen. Wenn man ihnen aber stattdessen mit einer Währungsreform droht, sind sie doch ganz schnell auf Linie, denn die Währungsreform wäre noch teurer für sie. Jag
frubi 03.11.2011
5. .
Zitat von sysopGelähmt, geschwächt, gereizt - der Zustand der größten Wirtschaftsnationen*der Welt ist schlecht. Dabei warten gewaltige Aufgaben auf dem G-20-Gipfel:*Die Staatschefs*müssen die Finanzmärkte an die Kette legen - und*brauchen eine Art Wunderformel, die zugleich Sparen und Wachsen erlaubt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795643,00.html
Ich bin zwar Wirtschaftslaie aber eine Frage stelle ich mir bei dem Begriff "Rettung" immer wieder: Wieso muss eine Wirtschaft, ob lokal oder global, überhaupt gerettet werden? Ist es nicht so, dass in einem Wirtschaftsverlauf Krisen eine natürliche Begebenheit sind und sich die Wirtschaft von diesen Krisen irgendwann automatisch erholt? Wollen die Politiker nicht eher die Gesellschaftsordnung retten weil diese Anzugträger befürchten müssen, dass gewisse Leute für massive Verfehlungen verantwortlich gemacht werden würden?
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