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17. Juni 2017, 21:12 Uhr

Früher war alles schlechter

Die Reichen werden reicher - die Armen aber auch

Von und

Der Anteil der Menschen in extremer Armut hat in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Den Vermögenden dieser Welt geht es zwar immer besser; doch auch die Schwachen haben zunehmend mehr zum Leben.

Es ist nicht gerecht, wenn acht Männer so viel Geld besitzen wie 3,6 Milliarden Menschen. Doch dieses Phänomen begleitet uns seit Jahrhunderten. Die Einkommensungleichheit geht für gewöhnlich nur in Krisenzeiten zurück - während des Zweiten Weltkriegs etwa oder infolge der Finanzkrise. Doch gerade in den USA entfernt sich das oberste eine Prozent immer weiter vom Rest seiner Mitbürger.

Übrigens werden die Top-Verdiener ihrerseits auch abgehängt: Das Einkommen der reichsten 0,1 Prozent ist in den vergangenen Jahren nach Berechnungen von inequality.org sehr viel schneller gewachsen als das der reichsten ein Prozent.

Das alles sind keine guten Nachrichten. Doch ein Blick zurück kann uns Mut für die Zukunft machen. Denn zum Beispiel im Jahr 1970 war die Welt noch ungerechter als heute. Zwei Jahrhunderte der Industrialisierung hatten den Westen reich gemacht, während der Süden - Asien, Afrika, Südamerika - arm blieb. Die globale Einkommensverteilung, so zeigen Daten des Tübinger Ökonomen Jörg Baten, sah aus wie ein Kamel mit zwei Buckeln: ein zweigeteilter Planet mit einer reichen "ersten" Welt (der rechte dunkle Höcker im Bild über diesem Artikel) und einer armen "dritten" (linker Höcker).

Diese Welt, wie sie heute noch immer der Vorstellung sehr vieler Menschen entspricht, gibt es nicht mehr. Denn zahlreiche Entwicklungsländer, darunter Indien und China, folgten dem Westen auf dem Weg des Wachstums nach. Die Weltbank setzt die Armutsgrenze heute bei 1,90 Dollar pro Tag fest, kaufkraftbereinigt. Der Anteil der Menschen, die demnach in extremer Armut leben, hat von 37 Prozent im Jahr 1990 auf zehn Prozent im Jahr 2015 abgenommen.

Der größte Teil der Menschheit lebt heute irgendwo zwischen arm und reich und bildet so den großen Buckel in der Einkommenskurve des Jahres 2010: die Dromedar-Welt. Die Inflation hat Ökonom Baten übrigens herausgerechnet: Dass ein Dollar im Jahr 2010 weit weniger wert war als 1970, ist in der Grafik berücksichtigt.

An der Entwicklung hat die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte einen großen Anteil. Entwicklungsländer beseitigten Handelsschranken, Industrieländer investierten fernab der eigenen Grenzen. Davon haben die gut ausgebildeten und sowieso schon wohlhabenden Menschen in ärmeren Ländern besonders profitiert. "Aber größere Ungleichheit heißt nicht unbedingt größere Armut", wie die US-Ökonomin Nina Pavcnik einmal erklärt hat.

Zwei große, scheinbar widersprüchliche Entwicklungen prägen die Gegenwart: Während die Ungleichheit innerhalb vieler einzelner Länder zunimmt, nimmt sie global betrachtet ab. Die Reichen werden wohlhabender; die Armen aber auch.

Dies ist die Online-Ausgabe der SPIEGEL-Rubrik "Früher war alles schlechter" von Guido Mingels. Mehr Nachrichten mit Trends zur Verbesserung der Welt gibt es auf der Themenseite: Früher war alles schlechter.

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