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15. April 2019, 15:56 Uhr

Maduros krumme Devisendeals

Wie Venezuelas Gold nach Uganda kommt

Aus Mexiko-Stadt berichtet

Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro steht unter Druck. Weil dringend nötige Devisen fehlen, plündert er nun die Rohstoffe des Landes - und womöglich die Goldvorräte der Zentralbank.

Gold, Coltan, Diamanten - Venezuela ist nicht nur das Land mit den größten Ölreserven der Welt, es verfügt auch über jede Menge andere wertvolle Rohstoffe. Für Nicolás Maduro sind diese Ressourcen der letzte Halt.

Der autoritäre Machthaber, dem seit den verschärften Sanktionen der USA die Devisen ausgehen, tauscht die Rohstoffe überall gegen Dollars, Euros und Lebensmittel. Er versucht so, den wirtschaftlichen Totalkollaps zu vermeiden. Dieser würde das sichere Ende seiner Regentschaft bedeuten.

So kommt es, dass seit Wochen wertvolle Edelmetalle, Erze und Mineralien in der ganzen Welt auftauchen, die offenkundig aus dem südamerikanischen Land stammen. Die italienische Staatsanwaltschaft beschlagnahmte vor wenigen Tagen im Hafen von Triest fünf Tonnen des wertvollen Handy-Rohstoffes Coltan. Der Oppositionsabgeordnete Américo De Grazia sagt, das Erz stamme aus einer Mine im Bundesstaat Bolívar, der an Brasilien und Kolumbien grenzt. Das inoffizielle Bergwerk unterstehe Nicolás Maduro Guerra, dem Sohn des Staatschefs.

"Die Menschen in der Mine nennen ihn bei seinem Namen, er befiehlt, er bezahlt", sagt De Grazia dem SPIEGEL: "Ich kenne die Leute, die in der Mine arbeiten, sie erzählen mir das." De Grazia ist der Abgeordnete der Linkspartei "CausaR", der den venezolanischen Bundesstaat Bolívar in der Nationalversammlung in Caracas vertritt. Bewacht würde das Bergwerk von Kämpfern der kolumbianischen Linksguerilla ELN, die in Venezuela ihre Rückzugsgebiete hat und von Maduro unterstützt wird.

Anfang März fanden die ugandischen Behörden 7,4 Tonnen Gold, die offenbar am Zoll vorbei in das afrikanische Land geschmuggelt wurden. Dort verarbeitete die African Gold Refinery (AGR), die größte Raffinerie Ugandas, das Gold. Der Gegenwert soll sich auf rund 300 Millionen Dollar belaufen. Das Gold soll nach Recherchen des Investigativportals Armando.info einem kolumbianischen Vertrauten von Machthaber Maduro gehören. Auch Diamanten habe das Regime schon aus Venezuela geschmuggelt, um sie zu Geld zu machen, versichert der Abgeordnete De Grazia. In den Augen des Ökonomen Ángel Alvarado ist "Maduro so verzweifelt, dass er den Reichtum Venezuelas plündert, um sich mit allen Mitteln an der Macht halten zu können".

Abbau ohne Rücksicht auf die Umwelt

Die Rohstoffe werden im Arco Minero Orinoco (Orinoco-Minenbogen) abgebaut, einem Gebiet von 111.000 Quadratkilometer Größe in den Bundesstaaten Bolívar und Amazonas. Das Gebiet hat die chavistische Regierung 2016 zur Ausbeutung ausgewiesen. In dem Areal von der Größe Kubas befinden sich auch Nationalparks, Flüsse und Waldschutzgebiete.

Dennoch werden dort weitgehend wild und ohne Rücksicht auf die Umwelt Gold, Coltan und Diamanten gewonnen. Laut De Grazia ist "die Elite der venezolanischen Streitkräfte" in der einen oder anderen Form an Abbau und Schmuggel der Rohstoffe beteiligt. Auch die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah mache bei der Ausbeutung der Goldminen mit, sagen De Grazia und Ángel Alvarado. Der Hisbollah habe der frühere venezolanische Vize-Präsident Tareck El Aissami die Tür geöffnet. El Aissami, heute Industrieminister, stammt aus einer Familie mit syrisch-libanesischen Wurzeln.

Seit Ende Januar steckt die Regierung in Caracas in immer größeren Devisennöten. Damals verhängten die USA verschärfte Sanktionen gegen den venezolanischen Energiesektor und nehmen Maduro seither kein Rohöl mehr ab. Er muss daher mit täglich rund 35 Millionen Dollar weniger wirtschaften. So viel zahlten die USA für die rund 550.000 Fässer Schweröl, die sie aus Venezuela bezogen.

Kein Wunder, dass er auf der ganzen Welt nach Abnehmern für seine Rohstoffe sucht, die der Drohung der USA trotzen, in so einem Fall selbst sanktioniert zu werden. Vor allem geht es Maduro darum, Benzin und Nahrungsmittel zu beschaffen. Damit hält er seine wenigen verbliebenen Anhänger bei Laune und füllt die sogenannten CLAP-Kisten, die staatlichen Nahrungsmittel-Rationen, ohne die weite Teile der Bevölkerung verhungern würden.

Aber Maduro vertickt nicht nur die Rohstoffe direkt aus den Minen ins Ausland, er leere auch die Goldbestände der Zentralbank, kritisiert Ángel Alvarado. Der 38-jährige Abgeordnete der Oppositionspartei Primero Justicia hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verschlungenen Wege zu verfolgen, auf denen die Rohstoffe Venezuela verlassen.

Die Zentralbank ist wegen Stromausfalls geschlossen

Demnach wurden alleine in diesem Jahr bereits 24 Tonnen Goldreserven aus der Zentralbank BCV entnommen, um sie heimlich zu Geld zu machen. "Zuletzt sind am 5. April acht Tonnen des Edelmetalls verschwunden", sagt Alvarado dem SPIEGEL, der dies von Informanten in der Zentralbank erfahren haben will. Dabei sei das Gold "von Leuten, die nichts mit der BCV zu tun haben" heimlich aus den Tresoren geschmuggelt worden. Die Zentralbank sei seit einem Monat unter dem Vorwand von Stromausfällen geschlossen, die Mitarbeiter im Zwangsurlaub, so Alvarado. Die Regierung nutze das, um das Gold an der Bank vorbei "auf obskuren" Wegen mit Schnellbooten und Privatjets aus dem Land zu schaffen.

Wohin die bisher letzte Ladung Gold gegangen ist, sei unklar, sagt Alvarado. Die ersten acht der 24 Tonnen aber seien Ende Februar vermutlich in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gegangen und die zweite Ladung eben nach Uganda. "Schon vergangenes Jahr hat Maduro 21 Tonnen Gold im Wert von rund einer Milliarde Dollar an die Türkei veräußert und dafür Euro und Lebensmittel bekommen," sagt Alvarado. Laut Armando.Info bekam Maduro dafür 31.000 Tonnen Lebensmittel und 120 Tonnen Medikamente. Mittlerweile seien die Goldreserven der Zentralbank auf 100 Tonnen zusammengeschmolzen, warnt Ángel Alvarado.

Den Machthabern in Caracas läuft die Zeit davon. Denn Wirtschaftsexperten wie Luis Arturo Bárcenas, Chefökonom bei der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Ecoanalítica, vermuten, dass Venezuela noch in diesem oder dem kommenden Monat der Sprit ausgehen könnte. Laut Ecoanalítica gibt es inoffizielle Schätzungen, wonach die Treibstoffreserven noch bis Mitte des Monats reichen. Andere Ökonomen vermuten, dass sich die US-Sanktionen erst im Mai oder Juni bemerkbar machen könnten.

Schon seit Tagen ist in Caracas fast nur noch Normalbenzin mit 91 Oktan zu bekommen. Super (95 Oktan) ist mit den massiven Stromausfällen Ende März fast komplett von den Tankstellen verschwunden. In Bundesstaaten wie Táchira, Cojedes, Barinas oder Apure gibt es hingegen schon seit langer Zeit mitunter über Wochen keinen Sprit.

Und weitere Probleme drohen Maduros Regime auf internationaler Ebene. Der Internationale Währungsfonds erwägt offenbar, den selbsternannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó als Venezuelas Staatschef anzuerkennen. Die Entscheidung liege in der Hand der 198 Mitgliedsländer, sagte IWF-Chefin Christine Lagarde vergangene Woche in Washington. Der IWF hatte Maduro jüngst den Zugang zu Hilfskrediten von fast 400 Millionen Dollar verwehrt. Bis zur Einigung auf eine anerkannte Regierung könnten keine Gelder des Währungsfonds an Venezuela fließen, erklärt IWF-Vizechef David Lipton.

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