Greenpeace-Chef Naidoo "Wir verlieren den Planeten"

Die Umweltbewegung verliert an Schlagkraft, Regierungen drücken sich um den Klimaschutz. Der Greenpeace-Chef gibt sich dennoch kämpferisch. Im Interview erläutert Kumi Naidoo seine Strategie für eine grüne Wirtschaftspolitik - und wie Gott ihm dabei helfen soll.
Dürre in Spanien: Umweltbewegung sucht neue Strategie

Dürre in Spanien: Umweltbewegung sucht neue Strategie

Foto: Fernando Bustamante/ AP

St. Gallen - Politiker und Konzernchefs reden viel vom Anbruch einer grüneren Wirtschaftsära. Doch in Wahrheit nimmt der Raubbau an der Natur zu. Das brasilianische Parlament dringt auf eine Lockerung des Regenwaldschutzes. Auf der Klimakonferenz von Durban scheiterte eine Vereinbarung zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes. In aufstrebenden Wirtschaftsregionen wie China und Indien sind Dutzende neue Kohlekraftwerke geplant.

Ein Regierung nach der anderen entzieht sich ihrer Verantwortung für das Klima. Die globale Umweltbewegung hat dem wenig entgegenzusetzen. Sie scheint an Schlagkraft zu verlieren. Nun versucht der Greenpeace-Chef eine neue Strategie umzusetzen: Kumi Naidoo verlagert den Fokus seiner Organisation auf die Schwellenländer; er verknüpft den Kampf gegen den Klimawandel mit dem Kampf gegen die Armut; er setzt verstärkt auf Kooperationen mit Konzernen.

Kritiker werfen Naidoo vor, die Marke Greenpeace zu verwässern. SPIEGEL ONLINE hat den Greenpeace-Chef auf dem Wirtschaftssymposium in St. Gallen  getroffen. Im Interview wehrt er sich gegen den Vorwurf, die Umweltorganisation sei zu soft geworden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Naidoo, Greenpeace wirkt im Kampf für den Klimaschutz hilfloser denn je. Ist der Planet schon verloren?

Naidoo: Für Millionen Menschen, gerade in Afrika, ist es schon zu spät. Sie spüren bereits die Folgen des Klimawandels. Das bedeutet aber nicht, dass wir die schlimmsten Konsequenzen nicht noch abwenden können - oder das Leiden der Betroffenen lindern können. Dafür müssen wir aber jetzt alles tun, was wir können, um das Klima zu schützen. Wir sind alles andere als hilflos, aber wir brauchen Unterstützung. Andere Interessengruppen, wie die Öl-Lobby, verfügen über ein größeres Finanzposter als wir.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denn zuletzt erreicht?

Naidoo: Zuletzt haben wir Nestlé dazu gebracht, die Zusammenarbeit mit dem indonesischen Palmölproduzenten Sinar Mas zu beenden, der für seine Plantagen großflächig Regenwälder vernichtet. Wir überzeugen ständig Unternehmen, ökologische Verantwortung zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Einzelne Entscheidungen in einzelnen Unternehmen mögen Sie beeinflussen. Wenn es ums große Ganze geht, sind Sie machtlos. Riskante Öl- und Gasförderungen nehmen dennoch zu, und der globale CO2-Ausstoß steigt.

Naidoo: Es stimmt leider: Wir gewinnen wichtige Schlachten, aber wir verlieren den Planeten.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie dagegen tun?

Naidoo: Wir müssen die Geschichte des Klimaschutzes neu erzählen und den Menschen Hoffnung machen. Die Frage ist: Wollen wir die Folgen des Klimawandels jetzt begrenzen - oder weiter zögern, bis der Klimawandel uns überrollt? Klimaschutz erfordert ein Umdenken, und ich bin sicher, wir sind dazu fähig.

SPIEGEL ONLINE: Bislang helfen Horrorszenarien nicht. In Japan ist ein Atomreaktor explodiert; im Golf von Mexiko verursachte eine Tiefseebohrung die größte Ölpest der US-Geschichte. Die meisten Länder setzen trotzdem weiter auf solch hochriskante Formen der Energieerzeugung.

Naidoo: Wir sind süchtig nach schmutziger Energie, das stimmt. Aber jede Sucht kann überwunden werden. Vielleicht kommen wir zur Vernunft, wenn wir uns all die katastrophalen Wetterereignisse bewusst machen. Der Inselstaat Kiribati versinkt wegen des Anstiegs der Meere. In einigen Ländern herrscht Wasserknappheit und die Agrarwirtschaft bricht zusammen. Millionen Klimaflüchtlinge aus Afrika drängen nach Europa. Wir müssen verheerende wirtschaftliche, soziale und ökologische Schäden abwenden. Die amtierenden Regierungschefs sind die größten Verlierer aller Zeiten. Sie laufen sehenden Auges in die Katastrophe...

SPIEGEL ONLINE: ...und Kritiker geben Ihnen die Mitschuld, dass Greenpeace das nicht verhindert. Sie schaffen schon beim Umweltschutz nicht die erwünschte Trendwende, nun wollen sie zusätzlich noch die Armut bekämpfen. Verlieren Sie dadurch nicht noch mehr Schlagkraft?

Naidoo: Im Gegenteil. Armutsbekämpfung und Umweltschutz hängen zusammen. Der Klimawandel zerstört die Lebensgrundlage von Millionen Menschen, er macht die Armen noch ärmer. Maßnahmen gegen den Klimawandel, wie erneuerbare Energien, helfen Menschen aus der Armut.

SPIEGEL ONLINE: Ökologisch bedenkliche Technologien können aber auch die Wirtschaft ankurbeln. Riskante Ölbohrungen auf See haben im Schwellenland Angola einen Boom angefacht. Wie wollen Sie der dortigen Regierung erklären, dass sie die Förderung der Umwelt zuliebe stoppen soll?

Naidoo: Von den Ölmilliarden kommt bei den Bürgern fast nichts an; es profitiert vor allem eine kleine, korrupte politische Elite. Nur wenige Menschen erleben also einen Boom. Zudem sind Atom- und Ölindustrien langfristig keine stabilen Investments. Diese Art von Energie basiert auf einem in die Jahre gekommenen Geschäftsmodell. Entwicklungsländer müssen aus den Fehlern der Industriestaaten lernen - und schmutzige Energietechnologien überspringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Naidoo: Wir könnten zum Beispiel Religion nutzen. Im Idealfall sollte der Papst die Leute fragen: Glaubt ihr wirklich, dass Gott Öl und Kohle tief unter der Erde versteckt, damit wir daraus Energie erzeugen? Es gibt doch genug Energiequellen, die viel leichter zu erschließen sind: Sonne, Wind und Wasser, um nur drei zu nennen. Angesichts des Schadens, den schmutzige Energiequellen anrichten, begreift doch jeder Mensch instinktiv, dass dies der falsche Weg ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie setzen vermehrt auf Kooperation, Sie beraten Vorstände in Sachen Umweltschutz. Legen Sie sich da nicht mit dem Feind ins Bett?

Naidoo: Nein. Es wäre ein taktischer Fehler, Konzerne nicht zu beraten. Wir begrüßen solche Kooperationen. Jeder Verbündete für den Umweltschutz ist wertvoll. Wir erreichen unsere Ziele besser mit Partnern als mit Gegnern. Übrigens: Es sind immer öfter die Konzerne, die auf uns zugehen. Sie hoffen, dass wir dann keine Kampagnen gegen sie starten. Wir nehmen stets eine neutrale Position ein.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie sich nicht für Greenwashing missbrauchen?

Naidoo: In manchen Fällen. Doch das hilft diesen Firmen nicht. Die meisten Missstände werden schnell aufgedeckt. Viele Konzernchefs, mit denen ich zusammensaß, sagten mir außerdem: "Wir würden gerne nachhaltiger wirtschaften." Nur sind sie im Teufelskreis von Quartalsberichten gefangen. Sobald sich Umweltschutz zu stark in der Bilanz niederschlägt, laufen den Firmen die Investoren weg. Wir helfen Vorständen mit Argumenten gegen diese falsche Logik.

SPIEGEL ONLINE: Greenpeace ist straff organisiert. Wenige Strategen entscheiden, was zu tun ist. Sie wollen möglichst viele Menschen mitreißen - ist ihr Ansatz dafür noch geeignet?

Naidoo: Die Möglichkeiten, Öffentlichkeit zu erzeugen, waren für Organisationen wie Greenpeace nie besser. Wir bauen unsere Social-Media-Aktivitäten stark aus. Mit erstem Erfolg: Dank YouTube und Facebook haben wir für die Kampagne gegen Nestlés Partnerschaft mit Sinar Mas Hunderttausende Menschen mobilisiert.

SPIEGEL ONLINE: Das war aber immer noch eine Kampagne. Reicht dieser Ansatz noch? Unternehmen setzen doch auf schmutzige Technologien, weil Konsumenten nicht bereit sind, für Umweltschutz ihren Wohlstand zu opfern. Um das System zu ändern, müssen Sie zuerst die Menschen ändern.

Naidoo: In der Tat. Trotzdem halte ich es für einen Fehler, traditionelle Medien und Kampagnen zu vernachlässigen. Noch können wir damit meist mehr Menschen mitreißen als auf Facebook, YouTube und Co. Es ist aber gut möglich, dass sich unser strategischer Schwerpunkt in den kommenden Jahren in Richtung soziale Medien verschiebt.