Tsipras-Besuch bei Merkel Letzte Hoffnung

Beim Deutschland-Besuch des griechischen Regierungschefs Tsipras geht es um mehr als ein paar fehlende Milliarden. Das Treffen mit Kanzlerin Merkel ist die vielleicht letzte Chance, das zerrüttete Verhältnis beider Länder zu kitten.
Tsipras-Besuch bei Merkel: Letzte Hoffnung

Tsipras-Besuch bei Merkel: Letzte Hoffnung

Foto: Francois Mori/ AP/dpa

Es ist das Tragische am Euro, dass er die Länder Europas eigentlich näher zusammenbringen sollte und sie nun immer tiefer entzweit. Das beste (oder schlimmste) Beispiel dafür sind Deutschland und Griechenland.

Seit die von Berlin angeführten Eurostaaten dem Land im Mai 2010 zum ersten Mal mit Hilfskrediten beisprangen und ihnen im Gegenzug ein radikales Sparprogramm aufzwangen, gibt es Spannungen in den Beziehungen zwischen beiden Ländern. Und in den vergangenen Wochen ist diese Spannung so stark geworden, dass der Bogen mitunter auch manchmal überspannt wurde.

In Deutschland heizte die "Bild"-Zeitung diese Wut an, indem sie über die undankbaren "Pleite-Griechen" schimpfte. Flankiert wurde sie dabei von diversen Politikern aus CSU, CDU und SPD, die Regierung und Bürger eines befreundeten europäischen Landes im Schulmeisterton aufforderten, "endlich ihre Hausaufgaben" zu machen oder damit drohten, sie andernfalls aus der Eurozone zu schmeißen.

Auch in Griechenland brach sich die Wut Bahn: in absurden Drohungen, Flüchtlinge nach Deutschland zu schicken (womöglich auch Terroristen), in Nazi-Karikaturen und Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn Alexis Tsipras an diesem Montag nach Berlin kommt, schwingt das alles mit. Die Verwerfungen zwischen den beiden Ländern behindern die Lösung der griechischen Krise - obwohl die so dringend nötig wäre.

In einem Brief von Tsipras an Bundeskanzlerin Angela Merkel, der offenbar schon vor einer Woche abgeschickt wurde, warnt der griechische Regierungschef, dass es seinem Land nicht mehr möglich sein werde, die anstehenden Schuldenrückzahlungen in den kommenden Wochen zu erfüllen, wenn die europäischen Partner keine schnellen Hilfen bereitstellen. So berichtet es die britische "Financial Times". Als Gegenleistung will er Merkel offenbar eine Liste mit Maßnahmen präsentieren, die die Bundesregierung und die anderen Geldgeber gnädig stimmen sollen.

Deutschland füllt die Rolle des Aufrechners penibel aus

Das Treffen zwischen Merkel und Tsipras könnte die letzte Chance sein, so etwas wie gegenseitiges Verständnis herzustellen, ohne das weder Griechenland noch der Euro als Ganzes gerettet werden kann.

Die Idee der europäischen Währungsunion war vor allem eine politische: Das gemeinsame Geld sollte die Völker Europas enger aneinanderbinden, sie sollten eine Schicksalsgemeinschaft gleicher Interessen bilden. Doch genau das ist grandios gescheitert: Wenn es ums Geld geht, haben viele Staaten der Währungsunion heute genau gegensätzliche Interessen.

Zum Teil liegt das an der Konstruktion des Euro selbst: Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank etwa kann nicht für alle Staaten passend sein. Für die einen sind die Zinsen immer zu hoch, für die anderen sind sie zu niedrig. Staaten wie Griechenland konnten sich so billiger verschulden, als es ihnen langfristig ökonomisch gutgetan hätte.

Entscheidend für die Verwerfungen zwischen den Mitgliedstaaten aber war etwas anderes: die Konstruktion der Rettungspolitik, die vor fünf Jahren mit dem Fall Griechenland begann. Gerettet wurde nämlich erstens immer durch Kredit - und zweitens immer auf getrennte Rechnung.

So hat die Eurokrise einen Großteil des Kontinents in Gläubiger und Schuldner unterteilt. Ständig wurde aufgerechnet, wer wem wie viel schuldet - und was der Geldgeber im Gegenzug dafür erwarten kann. Deutschland hat diese Rolle des Aufrechners stets besonders penibel ausgefüllt. Welche Blüten das treibt, zeigte sich auch an diesem Montag wieder, als eine Zeitung es für erwähnenswert hielt, dass der deutsche Staat die Übernachtungskosten des griechischen Regierungschefs in einem Berliner Hotel zahlt.

Wenn Merkel und Tsipras nun miteinander sprechen, wird sich die Rollenverteilung nicht grundlegend ändern. Den Wunsch der griechischen Bürger und der neuen griechischen Regierung, nicht mehr durch immer neue Kredite und neue Schulden gerettet zu werden, hat die Bundesregierung längst abgeschmettert. Jetzt geht es nur noch darum, das kurzfristige finanzielle Überleben eines Landes zu sichern. Doch selbst dazu wäre es nötig, dass Deutschland seine Rolle des reichen Besserwissers zumindest mal kurz verlässt.

Das Mindeste, was dabei herauskommen sollte, ist ein Gespräch auf Augenhöhe, in dem sich die Partner auf die Lösung der finanziellen Probleme konzentrieren - und nicht auch die Aufrechnung von Schuld und Schulden.