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07. Juli 2015, 11:35 Uhr

Griechenlandkrise

Die unheilvolle Rolle des IWF

Von , New York

Nach außen reagiert der Internationale Währungsfonds gelassen auf das griechische Nein beim Referendum. Doch auch der IWF muss nun um Milliarden fürchten - und Chefin Christine Lagarde um ihren Job.

Referendum? Welches Referendum? Das ist der irritierte Tenor, fragt man beim Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Griechenland.

Viele IWF-Mitarbeiter sind spürbar übernächtigt, klagen intern über die Kritik und die aktuelle Arbeitslast. Nach außen hin tun sie aber so, als rüttele das griechische Reform-Nein nicht an ihrem Terminkalender für diese Woche: Verhandlungen mit Tansania, ein Bericht zur US-Wirtschaft, eine Pressekonferenz zur Weltkonjunkturaussicht - business as usual.

Selbst IWF-Chefin Christine Lagarde stellt betonte Distanz zur Schau. "Der IWF hat das gestrige Referendum in Griechenland zur Kenntnis genommen", erklärte sie am Montag lakonisch - 18 Stunden, nachdem das Ergebnis feststand, und ohne sich selbst sehen zu lassen. Man sei "bereit, Griechenland zu unterstützen, so wir darum gebeten werden".

Lagardes zynische Sätze

Zwei Sätze nur. Zynische Sätze - denn statt sich als Griechenlands Retterin zu beweisen, hat Lagarde nun das Gegenteil erreicht. Sie steht vor den Trümmern einer gescheiterten Politik, die dem IWF lange nachgesehen wurde, da sie bisher nur machtlose Entwicklungsländer beutelte. Doch jetzt trifft diese Politik Europa - kein Wunder, dass nun nicht mehr nur die altbewährten IWF-Kritiker von Lagarde fordern, sie möge ihren Job abgeben.

Unter Lagarde sei der IWF zum Teil des Problems geworden, indem er die Krise nur verschlimmert habe, schreibt der Harvard-Politologe David Singh Grewal in der "Huffington Post". Er fordert eine "Ablösung an der Spitze": Mit ihrer kompromisslosen Haltung habe Lagarde als "Dienstmagd von Berlin und Brüssel" einen Regimewechsel in Athen provozieren wollen - und damit ihre Qualifikation endgültig verspielt.

"Der IWF tut in Griechenland jetzt das, was er in Afrika seit den Achtzigerjahren tut", kritisierte der Analyst Robert Naiman vom progressiven Thinktank Just Foreign Policy. Hinter der Kreditpolitik des Fonds stecke auch diesmal der Versuch, eine Regierung zu stürzen.

Schon werden in den sozialen Netzwerken alte Berichte über Lagarde wiedergekäut. Sie zahle für ihr 467.940-Dollar-Jahresgehalt keine Steuern. Sie habe als französische Finanzministerin auf einem Porträtfoto Schmuck wegretuschieren lassen. Und dann ist da auch noch dieser Finanzskandal in ihrer Heimat um den Geschäftsmann Bernard Tapie, in den sie verwickelt ist. Die Kritiker rüsten sich.

Video: Animation - Was macht der IWF?

Ähnliche Sorgen gibt es innerhalb des Fonds schon lange. Wie zerrissen der IWF ist, zeigte seine jüngste Griechenlandanalyse vorige Woche. Demnach wird Athen seine Schulden nie abzahlen können oder nur nach "bedeutsam verlängerten" Fälligkeitsdaten oder sogar einem Schuldenschnitt - bisher ein Tabu in Brüssel, da Europa dann Milliarden abschreiben müsste. Die düstere Prognose - die trotzdem nichts änderte an der IWF-Kreditvergabe - sorgte für großen Wirbel, wurde prompt politisiert und dürfte mit für das Ochi gesorgt haben.

Zeit für eine Reform der IWF-Personalpolitik

Allein die Veröffentlichung des Berichts drei Tage vor dem Referendum war intern so kontrovers, dass der Streit zur Presse durchsickerte. Nach Reuters-Informationen sperrten sich die europäischen IWF-Partner dagegen, weil sie einen Einfluss auf das griechische Votum befürchteten, wurden aber "schwer überstimmt" - darunter auch von den USA.

Damit liegt ein Schuldenschnitt auf dem Tisch - auch für den IWF, der ebenfalls um viele Milliarden fürchten muss. Als Griechenland seine letzte IWF-Rate verpasste, als erstes Industrieland überhaupt in der Geschichte, trat ein ungetesteter Mechanismus in Kraft: Parallel zu den Gesprächen in Brüssel muss der IWF nun mit Athen die Zukunft der offenen IWF-Schulden aushandeln. Das ist Neuland für den Fonds, der solche Probleme zuvor nur mit Entwicklungsländern hatte.

Lagardes Amtszeit endet Mitte 2016. "Als Geschäftsführerin wird von Ihnen erwartet, dass Sie den höchsten ethischen Verhaltensnormen genügen", schrieb ihr der IWF 2011 in den Vertrag. Diese Benimmpassage war eine Reaktion auf die Sexaffären ihres Vorgängers Dominique Strauss-Kahn - könnte aber nun auch ihr zum Verhängnis werden, wenn es nächstes Jahr um ihre Vertragsverlängerung geht.

Sollte sie gehen, vorzeitig oder nicht, wäre das ein guter Anlass für eine Reform der IWF-Personalpolitik. Per Tradition geht der Spitzenjob an einen Europäer und der Chefposten der Weltbank, der IWF-Schwesterinstitution nebenan, an einen Amerikaner. Schon länger fordern Afrika, Asien und Lateinamerika eine Änderung. Ein Lagarde-Nachfolger aus Europa scheint nun eine immer schlechtere Idee.


Zusammengefasst: Die verfehlte Rettungspolitik für Griechenland bringt IWF-Chefin Christine Lagarde in Bedrängnis. Ihre Amtszeit endet im kommenden Jahr. Eine Vertragsverlängerung ist ungewiss, Kritiker fordern gar ihren vorzeitigen Rücktritt.

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