Alter und neuer Staatsfunk Griechenlands Piratensender

Seit die Regierung den öffentlichen Rundfunk ERT dichtmachte, dominiert in Griechenlands Medienlandschaft die Guerillataktik: Die ERT-Mitarbeiter halten ihr Gebäude besetzt und machen einfach weiter. Und der neue Staatsfunk sendet aus dem Verborgenen.

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Aus Athen berichten und


Die Suche nach dem künftigen griechischen Staatsrundfunk ist kompliziert. Die erste Spur führt in den Athener Vorort Paiania, in ein ehemaliges Studio des Privatsenders Mega. Werden dort jene Filmkonserven abgespielt, welche die Griechen neuerdings auf den früheren Sendeplätzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ERT zu sehen bekommen? Mitarbeiter berichten, die Verantwortlichen seien bereits weitergezogen - ins griechische Presseministerium. Dort heißt es an der Pforte, von einem Studio wisse man nichts. "Dazu kann Ihnen hier niemand etwas sagen", erklärt drinnen ein sichtlich nervöser Mitarbeiter.

Der alte Staatsfunk ist leichter zu finden. Das ohnehin auffällige ERT-Gebäude ist jetzt mit zahlreichen Transparenten von Mitarbeitern geschmückt, die ihren Arbeitsplatz seit mehr als einem Monat besetzt halten. Sie wollen nicht akzeptieren, dass Premierminister Antonis Samaras ERT quasi im Alleingang dichtmachte - als vermeintlichen "Sündenpfuhl" öffentlicher Verschwendung. "Ich habe zu Hause den Fernseher eingeschaltet", erzählt eine 32-jährige Technikerin, "und plötzlich hörte ich: Ab Mitternacht hast du keinen Job mehr".

Was ist diese ERT-Schließung nun? Endlich einmal ein Beispiel für entschlossenes Handeln in einem Land, das bislang noch fast jede Reform verschleppt hat? Oder ein besonders krasser Beleg für die Willkür des griechischen Staates?

Der Moderator Fanis Papathanasiou spricht erstaunlich nüchtern über die Tatsache, dass er und knapp 2700 Kollegen seit kurzem de facto arbeitslos sind. Das liegt wohl auch daran, dass er schon dramatischere Situationen erlebt hat. Als Krisenreporter war der 43-Jährige im Irak und in Afghanistan, als Korrespondent berichtete er aus New York.

Jetzt sitzt Papathanasiou auf dem Moderatorenplatz im ERT-Nachrichtenstudio und erzählt vom neuen Arbeitsalltag. Die Verbindungen über Satellit sind ebenso gekappt wie die zur Nachrichtenagentur Reuters und selbst zum Telefonnetz. "Das hier ist mein privates Telefon", sagt Papathanasiou und zeigt auf sein Handy. "Wir haben große Probleme." Dennoch machen sie weiter - aus Hoffnung, die Schließung doch noch irgendwie abwenden zu können.

Endlich unabhängig

ERT ist ein Piratensender geworden, der sein Publikum fast nur noch übers Internet erreicht. Dennoch sei der Rundfunk, der bis zur Schließung mit niedrigen Einschaltquoten kämpfte, inzwischen sogar populärer, glaubt Papathanasiou. "Denn wir sind jetzt unabhängig und zeigen eine andere Sicht." Die Mitarbeiter entscheiden in einem Komitee über ihre Themen. Zum Besuch von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble etwa hätten sie auch über die drohende Lücke bei den Hilfszahlungen berichtet, sagt Papathanasiou. "Auf den privaten Kanälen war das nicht zu sehen."

Trotz des Widerstands macht die griechische Regierung keinerlei Anstalten, ihre Entscheidung zurückzunehmen. Sie will in den kommenden Monaten einen komplett neuen Staatsfunk aufbauen. Am Montag werden befristete Verträge für rund 600 Mitarbeiter ausgeschrieben. Sie sollen jenes Übergangsprogramm gestalten, das schon jetzt auf den bisherigen Sendeplätzen von ERT läuft - und über dessen Ursprung man sich im Presseministerium so verschlossen gibt.

Erst Pantelis Kapsis, Vizeminister für öffentlichen Rundfunk, beendet bei einem Treffen im griechischen Parlament die Geheimniskrämerei. Das Programm komme in der Tat aus seinem Ministerium, sagt er - das habe er gerade auch den Abgeordneten erzählt. Der angebliche Grund für das Versteckspiel: "Einige Gewerkschafter wollen uns den Stecker ziehen - davor wollten wir uns schützen."

In seinem früheren Leben war Kapsis einer der profiliertesten Journalisten Griechenlands, jetzt leitet er den Aufbau der neuen Anstalt. Die soll laut einem am Freitag verabschiedeten Gesetz mit deutlich weniger Kosten und Mitarbeitern auskommen und frei von der bislang üblichen politischen Patronage sein. "Die Verbindung zwischen Regierung und Journalisten wird gekappt", verspricht Kapsis.

Die BBC als Vorbild

Doch wie sollen ausgerechnet Konservative und Sozialisten jenen Filz beenden, den sie selbst jahrzehntelang geprägt haben? "Deshalb wurde ich geholt", sagt Kapsis, dem es nicht an Selbstvertrauen zu mangeln scheint. Der Vizeminister verspricht, er werde keine Einflussnahme akzeptieren und die Unabhängigkeit der neuen Anstalt durch ein Aufsichtsgremium mit Treuhändern garantieren - Vorbild für das Modell ist die BBC.

Auf die neuen Stellen sollen sich ausdrücklich auch bisherige ERT-Mitarbeiter bewerben können. Moderator Papathanasiou will jedoch erst einmal andere Optionen prüfen, denn sein Vertrauen in die Reformbemühungen ist gering. "Ich glaube nicht, dass sich etwas ändern wird."

Sicher ist: Selbst mit einem neuen Staatsfunk wären Intransparenz und Vetternwirtschaft in der griechischen Medienlandschaft nicht beendet. So haben die vielen privaten TV-Stationen des Landes nie eine richtige Zulassung erhalten - auch sie sind eigentlich Piratensender. "Der Mehrheit müsste die Lizenz entzogen werden", sagt Kapsis. "Doch die meisten unterstützen örtliche Abgeordnete."

Sicher ist allerdings auch: Die Arbeitnehmerseite hat ihren Teil zur Eskalation bei ERT beigetragen. Im Jahr 2011 legte der damalige Regierungssprecher Elias Mossialos einen vergleichsweise maßvollen Reformplan vor. Demnach sollte einer der drei TV-Kanäle geschlossen werden, für die insgesamt 19 Radiostationen waren Zusammenlegungen geplant. Zudem wollte Mossialos "Radiotileorasi" einstellen - eine staatlich finanzierte Programmzeitschrift.

Der Plan stieß auf erbitterten Widerstand der Gewerkschaften. Wegen ihrer Streiks fiel das ERT-Programm immer wieder ganze Tage lang aus. Zu den Gegnern des Mossialos-Plans gehörten auch die damals noch oppositionellen Konservativen von Antonis Samaras.

Jetzt muss der ohnehin als Wendehals bekannte Samaras beweisen, dass er beim neuen Staatsfunk nicht wieder in alte Unsitten verfällt. Dazu würde auch gehören, den Apparat erneut mit politischen Günstlingen aufzublähen. Der eigens für den Neuanfang eingestellte Kapsis sagt jedoch, er habe derzeit nur sechs Mitarbeiter. Zumindest im Bezug auf seinen eigenen Job macht er ein Versprechen, an dem man ihn wird messen können: "Ich plane, innerhalb von einem Jahr wieder abzutreten."

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
brox/walker 23.07.2013
1. optional
Die alten, mit Günstligen der Gewerkschaften, Verbänden und Parteien durchsetzen, von höchstüberbezahlten Direktoren geleiteten ÖR in Deutschland abschalten und einen neune ÖR zu gründen wäre auch in D eine sehr gute Maßnahme. Gerne auch mit Bewerbungen aus den alten Sendern, aber bitte nicht an der Spitze.
curiosus_ 23.07.2013
2. In Vor-€-Zeiten...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESeit die Regierung den öffentlichen Rundfunk ERT dichtmachte, dominiert in Griechenlands Medienlandschaft die Guerillataktik: Die ERT-Mitarbeiter halten ihr Gebäude besetzt und machen einfach weiter. Und der neue Staatsfunk sendet aus dem Verborgenen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-der-staatsrundfunk-wird-zum-piratensender-a-912364.html
... hätte das uns nur rudimentär tangiert, eben PaL (Problem anderer Leute). Heute sind die Probleme "anderer Leute" (d.h. halb Europas) auch unsere, dem € sei Dank. Und das sicher noch auf Jahre hinaus. Als ob wir nicht genug eigene hätten. Ich glaube, ich muss das nicht gut finden.
Phoenix2006 23.07.2013
3. Griechenlands Piratensender
So kann man gezielt der Auschaltung der vierten Gewalt in einer Demokratie entgegenwirken. Wenn Sie jetzt auch noch eine kritisches Politikmagazin wie Panorama (ARD 50 Jahre) entwickeln oder schauen Sie doch mal folgenden Link:http://www.stoersender.tv/
brux 23.07.2013
4. -------------
Der Autor hätte die alten ERT-Mitarbeiter mal fragen sollen, wovon sie derzeit leben. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn deren Gehälter weiter gezahlt werden. So wie offenbar Streiktage in Griechenland keinen Lohnabzug zur Folge haben. Reformen sind in Griechenland nur Show für die Troika. Ändern tut sich gar nix.
alexissorbas1011 23.07.2013
5. Gez
Deutsche Propagandamaschine einer Merkelregierung, zwangszahlung für Programme die keiner will. Wo ist die unabhängige Presse und der Rundfunk in Deutschland....hat man schon soviel Angst vor dem Volk?? Demokratie ade...
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