Schuldenkrise Wie Europa auf einen Euro-Abgang Griechenlands reagieren muss

Griechenland wankt. Noch will niemand offiziell über den möglichen Austritt des Landes aus dem Euro reden. Doch hinter den Kulissen laufen bereits die Planungen. Sollte es wirklich dazu kommen, müssten sowohl die Europäische Zentralbank als auch der Rettungsschirm mit viel Geld einspringen.

Griechische Euro-Münze: Bei einem Austritt würde es sie bald nicht mehr geben
dapd

Griechische Euro-Münze: Bei einem Austritt würde es sie bald nicht mehr geben

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Hamburg - Es ist ein Samstag, als der neue Premierminister Alexis Tsipras die Nachricht verkündet: Alle Banken in Griechenland sollen für drei Tage geschlossen bleiben, auch Online-Geschäfte sind nicht mehr möglich. Alle Konten werden eingefroren und von Euro auf Drachme umgestellt - zum Wechselkurs eins zu zwei. Arbeitslosengeld, Renten und alle anderen Staatsleistungen werden ab jetzt in der neuen Währung ausgezahlt. Bis die Banknoten und Münzen gedruckt und geprägt sind, werden alle Geschäfte elektronisch getätigt.

Das Szenario ist fiktiv. Doch so ungefähr könnte es laufen, wenn Griechenland nach der Wahl vom 17. Juni wirklich aus der europäischen Währungsunion aussteigt. Betroffen davon wären rund 170 Milliarden Euro Einlagen, die derzeit bei griechischen Banken deponiert sind. "Man müsste das mit einem Überraschungscoup machen", sagt Währungsexperte Thorsten Polleit, Chefvolkswirt beim Edelmetallhändler Degussa. Möglichst wenige Leute dürften vorher davon wissen, damit nicht noch mehr Geld ins Ausland transferiert werden. Den Wechselkurs der neuen Währung könne man dann beliebig festlegen, sagt Polleit. "Wie viel das neue Geld wirklich wert ist, würde sich ohnehin erst nach einiger Zeit herausstellen, wenn sich ein Wechselkurs zum Euro gebildet hat."

Polleit ist nicht der einzige Experte, der sich derzeit Gedanken über einen möglichen Austritt Griechenlands macht. Auch in den Regierungen der Euro-Staaten wird bereits darüber diskutiert. "Selbstverständlich ist es so, dass wir uns auf alle Szenarien einstellen müssen, weil wir sonst unserer Aufgabe nicht gerecht würden", sagte Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker am Donnerstag.

Tatsächlich wäre ein Euro-Austritt nicht nur ein Problem für Griechenland - sondern auch eines für den Rest der Währungsunion. "Die entscheidende Frage ist, was in so einem Fall mit Spanien oder Italien passiert, weil diese Länder sehr groß und nicht unter dem Rettungsschirm sind", sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. So sei denkbar, dass die Investoren an den Finanzmärkten die Zinsen für Staatsanleihen dieser Länder drastisch in die Höhe trieben. Auch auf einen raschen Kapitalabzug aus den Krisenländern müsse man sich einstellen.

Konkret heißt das: Wenn Griechenland austritt, fürchten Anlegern und Bankkunden, dass auch Spanien oder Italien zu eigenen Währungen zurückkehren könnten. Deshalb verkaufen sie ihre Staatsanleihen und bringen ihre Sparguthaben ins Ausland, zum Beispiel nach Deutschland. Das wäre für die Staaten katastrophal, weil sie sich nicht mehr oder nur noch zu sehr hohen Kosten finanzieren könnten. Und für Banken gibt es ohnehin kaum etwas Schlimmeres als einen massenhaften Abzug der Kundengelder. Um zu überleben, wären sie wohl auf staatliche Hilfe angewiesen.

Die Experten der Deutschen Bank kommen in einer Analyse deshalb zu einem eindeutigen Schluss: "Wir glauben, dass das Risiko einer Ansteckung die europäischen Regierungen zu einem schnellen (und teuren) Umbau der bestehenden Rettungsmechanismen zwingen würde."

In der Diskussion ist eine ganze Reihe von Maßnahmen, mit denen sich die Euro-Staaten gegen die Nebenwirkungen eines Griechen-Austritts wappnen könnten:

  • Geldspritzen der EZB: Die Europäische Zentralbank müsste die Banken in den Krisenländern mit ausreichend Geld versorgen, um den erwarteten Kapitalabzug auszugleichen. Zudem müssten die nationalen Notenbanken sicherstellen, dass die Geschäftsbanken genügend Bargeld in ihren Kassen haben, um einem Ansturm der Kunden standzuhalten.
  • Aufstockung des Rettungsfonds: Die Deutsche Bank hat ausgerechnet, dass der im Juli startende Rettungsfonds ESM verdoppelt werden müsste, um die Folgen des Griechen-Austritts auf jeden Fall aufzufangen. Statt bisher 500 Milliarden Euro müsste sein Volumen auf eine Billion Euro erhöht werden. Am besten wäre es laut den Experten, den Fonds mit einer Banklizenz auszustatten, damit er sich unbegrenzt Geld bei der EZB leihen könnte.
  • Aufkauf von Staatsanleihen: Um die Zinsen für die Staatsanleihen der Krisenländer zu drücken, müssten entweder die EZB oder der Rettungsfonds ESM einspringen und die Papiere aufkaufen.
  • Stützung der Banken: Zusätzlich zu den Krediten der EZB bräuchten einige Banken womöglich frisches Kapital, um überleben zu können. Dieses Geld könnte zum Beispiel aus dem ESM stammen - doch dafür müsste man die Regeln ändern. Bisher darf der Rettungsfonds nur Staaten unterstützen, nicht aber deren Banken. Im Gespräch ist deshalb ein neuer europäischer Bankenrettungsfonds, der speziell den angeschlagenen Finanzinstituten helfen könnte. Er könnte auch die Einlagen der Kunden in der Euro-Zone garantieren und so einen Ansturm auf die Bankschalter verhindern.
  • Kapitalverkehrskontrollen: Der wohl stärkste Eingriff in den Bauplan der EU wäre die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen. Damit würde es zum Beispiel spanischen Sparern verboten, ihr Geld ins Ausland zu schaffen. Solche Kontrollen würden allerdings gegen ein Grundprinzip des europäischen Binnenmarktes verstoßen. Zudem könnten sie erst recht die Panik der Anleger schüren.
  • Hilfsmaßnahmen für Griechenland: Tritt Griechenland in Absprache mit den anderen Euro-Staaten aus, könnten diese zusätzliche Hilfen vereinbaren. So könnte die EZB die griechischen Banken während einer Übergangsphase erst einmal weiter mit Geld versorgen. Zudem könnte sie eine zu starke Abwertung der neuen griechischen Währung verhindern, indem sie sie am Devisenmarkt mit Käufen stützt.

Ein besonderes Problem wären die griechischen Staatsschulden. Ob sie in die Währungsreform einbezogen würden, wäre laut Währungsexperte Matthes Verhandlungssache. "Das Problem ist, dass der Großteil der griechischen Schulden in öffentlicher Hand liegt", sagt Matthes, "und zwar bei den Euro-Ländern und der EZB." Stellt man diese Schulden zum offiziellen Wechselkurs auf eine neue griechische Währung um, erhält man am Ende wahrscheinlich weniger als zuvor. Belässt man die Schulden dagegen in Euro, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht zurückgezahlt werden. "Wenn die Kredite weiter auf Euro laufen und die neue griechische Währung abwertet, steigt die griechische Schuldenlast", sagt Matthes. "Dann ist ein weiterer Schuldenschnitt wohl unvermeidlich."

Die Deutsche Bank geht für einen solchen Fall von einem Abschlag von 70 Prozent aus. Der Großteil der 126 Milliarden Euro, die Deutschland und andere Euro-Länder bisher als Kredite nach Griechenland überwiesen haben, wäre also verloren.

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Seite 1
Olaf 25.05.2012
1.
Zitat von sysopdapdGriechenland wankt. Noch will niemand offiziell über den möglichen Austritt des Landes aus dem Euro reden. Doch hinter den Kulissen laufen bereits die Planungen. Sollte es wirklich dazu kommen, müssten sowohl die Europäische Zentralbank als auch der Rettungsschirm mit viel Geld einspringen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,835089,00.html
Wenn das alles Sinn machen soll, muss es überraschend kommen. Wahrscheinlich werden wir eines schönen Morgens aufwachen und im Radio hören, dass es den Euro nicht mehr gibt.
vincent1958 25.05.2012
2. Also..
Zitat von sysopdapdGriechenland wankt. Noch will niemand offiziell über den möglichen Austritt des Landes aus dem Euro reden. Doch hinter den Kulissen laufen bereits die Planungen. Sollte es wirklich dazu kommen, müssten sowohl die Europäische Zentralbank als auch der Rettungsschirm mit viel Geld einspringen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,835089,00.html
...die alte Drachme können die Griechen nicht mehr drucken.Die einzige Druckmaschine steht im Museum und funktioniert nicht mehr.Das war ein weitsichtiger Schachzug der Griechen...:-)
greenwasher 25.05.2012
3. Wieso immer Drachme?
Zitat von vincent1958...die alte Drachme können die Griechen nicht mehr drucken.Die einzige Druckmaschine steht im Museum und funktioniert nicht mehr.Das war ein weitsichtiger Schachzug der Griechen...:-)
Man könnte die neuen Münzen dann ja einfach "Athen-Platte" oder "Rhodos-Teller" nennen wenn man eh neues Gerät braucht, dann muss sich der deutsche Tourist nicht umgewöhnen ^^
ekel-alfred 25.05.2012
4.
Zitat von sysopdapdGriechenland wankt. Noch will niemand offiziell über den möglichen Austritt des Landes aus dem Euro reden. Doch hinter den Kulissen laufen bereits die Planungen. Sollte es wirklich dazu kommen, müssten sowohl die Europäische Zentralbank als auch der Rettungsschirm mit viel Geld einspringen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,835089,00.html
Das haben wir sowieso verloren. Oder hat jemand ernsthaft daran geglaubt, das Griechenland eine so immense Verschuldung jemals zurück zahlen könnte? Ausser unserem Rollifahrenden Sudoku Zocker wohl niemand. Bei diesen ganzen Warnungen vor einem Austritt Griechenlands frage ich mich immer, was eigentlich passieren wird, wenn es mal die Schwergewichte in der europäischen Gemeinschaft erwischt? Bei dem Bohei, der um 11 Millionen Einwohner und deren 2% Anteil an der europäischen Wirtschaftskraft gemacht wird, möchte ich mir andere Szenarien gar nicht vorstellen.
wibo2 25.05.2012
5. Griechische Handlungskompetenz erschöpft sich in Selbstsucht und Eigennutz!
Im Euro müsste Griechenland seine Preise und Löhne um 30 bis 40 Prozent senken, damit die griechischen Produkte billiger werden. Warum tun sie das nicht einfach? Die Würfel sind gefallen: Die EU hat Griechenland aufgegeben. Zypern kann jetzt auch gleich mit den Bach runtergehen. Wer nicht hören will muss fühlen!
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