Streit mit Europartnern Griechenlands Emissäre bemühen sich um Schadensbegrenzung

Die griechische Regierung bemüht sich nach Tsipras' Auftritt vor dem Parlament um Entspannung im Verhältnis zu den europäischen Partnern. Finanzminister Varoufakis sucht in Berlin das Gespräch, Chefverhandler Tsakalotos reiste nach Brüssel.

Griechischer Finanzminister Varoufakis in Berlin: "Äußerst freundliche Art und Weise"
REUTERS

Griechischer Finanzminister Varoufakis in Berlin: "Äußerst freundliche Art und Weise"


Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis hat sich für einen gemeinsam erarbeiteten Kompromiss mit den Geldgebern zur Lösung der Schuldenkrise ausgesprochen. Nach einem Treffen mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in Berlin sagte Varoufakis, es müsse eine "gemeinsam entwickelte, geplante und vereinbarte Lösung" gefunden werden.

"Das sind schwierige Momente für die Europäische Union und insbesondere die Eurozone", sagte Varoufakis. Es sei die Pflicht gewählter Politiker, ihre Verantwortung auf hoher Ebene wahrzunehmen, um eine Vereinbarung zu erreichen. "Das ist absolut wichtig für die Integrität der Eurozone, absolut wichtig für die EU."

Varoufakis sprach von einem produktiven Gespräch mit Schäuble in "äußerst freundlicher Art und Weise". Das Treffen sei sehr hilfreich gewesen, um den Prozess der vergangenen Wochen und Tage zu festigen und in den andauernden Gesprächen zu einer abschließenden Lösung zu kommen: "Wir haben ein gemeinsames Verständnis des Problems."

Tsakalotos in Brüssel

Während Varoufakis die Wogen in Berlin zu glätten versuchte, reiste der Athener Chefkoordinator Euklidis Tsakalotos nach Brüssel, um mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu sprechen, der am Wochenende den griechischen Premier Alexis Tsipras ungewohnt deutlich kritisiert hatte. Tsakalotos, der die Verhandlungen zur griechischen Finanzkrise koordiniert, wolle dort die Positionen seines Landes erläutern, berichtete die griechische Presse übereinstimmend.

Tsakalotos soll in Brüssel auch das wichtige Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Tsipras und dem französischen Präsidenten François Hollande vorbereiten. Die drei Politiker wollen sich am Rande des EU-Lateinamerika-Gipfels am Mittwoch treffen.

Juncker hatte sich am Sonntag verärgert über den Linkspolitiker aus Athen gezeigt. "Um Freundschaften zu führen, muss man einige Mindestregeln einhalten", sagte der EU-Kommissionspräsident. Tsipras sollte eigentlich schon vergangene Woche Gegenvorschläge zu dem von den Gläubigern vorgelegten Sparprogramm machen, tat dies jedoch nicht. Stattdessen habe Tsipras im griechischen Parlament Dinge erzählt, die nicht dem Verhandlungsstand entsprächen, meinte Juncker.

"Schlimmer kann es nicht werden"

"Streit mit Juncker? Schlimmer kann es nicht werden", hieß es dazu am Montag in einem Radiokommentar in Athen. Wegen der Verzögerungstaktik von Tsipras stehe Griechenland nun vor dem Dilemma "schlechte Lösung oder Bruch (und Pleite)", schrieb die Athener Zeitung "Ta Nea".

Doch während Varoufakis und Tsakalotos in der Ferne die Gemeinsamkeiten mit den Gläubigern suchten, bekräftigte ein Sprecher in Athen die harte Haltung der Regierung. Man werde alle Optionen ausreizen, um eine Einigung in der Schuldenfrage zu erzielen. Dabei seien die Reformvorschläge der Griechen "definitiv der Ausgangspunkt" - nicht etwa die Forderungen der Geldgeber.

Selbst in der französischen Regierung neigt sich die Geduld offensichtlich dem Ende zu. "Es wäre kein Drama für uns, wenn Griechenland den Euro verließe", sagte Frankreichs Finanzminister Michel Sapin am Montag dem Radiosender RTL. "Aus finanzieller oder ökonomischer Sicht wäre das nicht schwerwiegend." Allerdings wäre ein Grexit nach seinen Worten ein Schlag für das Projekt Europa. Dieses solle wachsen, nicht schrumpfen und Mitglieder willkommen heißen, statt zu verabschieden, sagte Sapin.

Dabei hatte gerade Frankreich in der Vergangenheit mehr Verständnis für das schuldengeplagte Griechenland gezeigt als etwa Deutschland oder andere Länder der Eurozone.

Unmut in der CDU/CSU-Fraktion wächst

Griechenland muss diesen Monat 1,6 Milliarden Euro an den IWF überweisen, an die EZB im Juli und im August insgesamt 6,7 Milliarden Euro. Das Hilfsprogramm läuft Ende Juni aus. Danach wären die Griechen finanziell auf sich allein gestellt.

Mit ihrem Zickzackkurs verärgert die griechische Regierung auch zunehmend die CDU/CSU-Abgeordneten im Bundestag. Der Unmut in der Fraktion könnte auch für die Bundesregierung zum Problem werden, wenn sie dort einen Kompromiss präsentiert. Der Bundestag müsste wesentlichen Änderungen an der Hilfs- und Reformvereinbarung der Euro-Länder mit Griechenland zustimmen.

mik/Reuters/dpa/AFP

insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
geo11a 08.06.2015
1. Die Griechen pokern bis zum Ende,
wenn es nicht klappt werden Neuwahlen anberaumt. Es zeigt sich, daß oberflächliche Politik, wie unsere deutschen Politiker sie allzuoft betreiben, unendliche Probleme nach sich ziehen. Man kann Deutschland auch ohne Krieg zerstören. Wenn das also Europa bedeutet!?
geo11a 08.06.2015
2. Die Griechen pokern bis zum Ende,
wenn es nicht klappt werden Neuwahlen anberaumt. Es zeigt sich, daß oberflächliche Politik, wie unsere deutschen Politiker sie allzuoft betreiben, unendliche Probleme nach sich ziehen. Man kann Deutschland auch ohne Krieg zerstören. Wenn das also Europa bedeutet!?
ratem 08.06.2015
3. Ach je ...
Es ist schon sehr bezeichnend, wenn Varoufakis jetzt die Verantwortung der Politiker der Euro-Zone so hervorhebt ... man fragt sich, was den mit der Verantwortung der gewählten Politiker in Athen ist!? Hat diese gewählte Bande von Spielern etwa keine Verantwortung zu übernehmen? Ach ja ... und wie wichting und kritisch Griechenland für den Euroraum tatsächlich ist, das wird dieses koplett überreizte Spiel bvald enthüllen! Griechenland ist nur duch eine Lüge überhaupt Bestandteil des Euro geworden. Diese Lüge ist viel zu lange getragen worden von Politikern, die die Wahrheit kannten, sie aber nicht sehen wollten. Nun ist es aus. Das ist schade, aber leider "alternativlos". Für Griechenland heisst die Kur nun "Katharsis".
SPONU 08.06.2015
4. Kein Wunder dass
in Griechenland nichts voran geht. Die wesentlichen Player sind entweder auf Reisen, schreiben Essays für Zeitungen, geben minütlich neue Interviews. Hach, schon tausendmal geschrieben...mich widert das nur noch an. RAUS mit denen! Beendet diese Posse endlich! Keine Daueralimentierung Griechenlands!
wurzer 08.06.2015
5. Grexis
Warum will Deutschland, dass diese unfähigen Politiker mit ihrem ausgebeuteten Einwohnern, unbedingt in der Eurozone halten? Seit Monaten lassen sich unsere Politiker an der Nase herum führen. Lächerlich. Langsam aber glaube ich, dass unsere Handlungen fremdbestimmt sind - nämlich durch unseren großen Bruder in Übersee. Anders kann ich mir das Handeln unserer Politiker nicht mehr erklären.
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