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18. März 2015, 13:47 Uhr

Entschädigung für NS-Gräuel

Experte sieht Stiftung als Lösung für Griechenland

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Soll Deutschland griechische NS-Opfer entschädigen? Der Wirtschaftshistoriker Ritschl hält Athens Anspruch für gerechtfertigt. Zahlen könnte wie bei den Zwangsarbeitern eine Stiftung.

Berlin - Im Streit um mögliche Zahlungen an griechische NS-Opfer hält der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl die Zwangsarbeiterstiftung für ein denkbares Vorbild. "Eine Stiftung wie für die Zwangsarbeiter ist auch eine mögliche Lösung für Griechenland", sagte Ritschl SPIEGEL ONLINE. Über die von der Bundesregierung und deutschen Unternehmen finanzierte Stiftung wurden bis 2006 knapp neun Milliarden Mark an überlebende Zwangsarbeiter ausgezahlt.

Die neue griechische Regierung setzt sich für Entschädigungszahlungen an zivile Opfer von NS-Massakern wie im Dorf Distomo ein und fordert die Rückzahlung eines Zwangskredits in Höhe von fast 500 Millionen Reichsmark. Die Bundesregierung hat wiederholt erklärt, sie halte beide Fragen für erledigt. Zuletzt sprach sich jedoch eine wachsende Zahl von Spitzenpolitikern für weitere Zahlungen aus, oft in Verbindung mit einem Stiftungsmodell.

Ritschl vertritt die Ansicht, dass Deutschland durch seine Verbindlichkeiten aus den zwei Weltkriegen und der Weimarer Republik eigentlich der "größte Schuldensünder des 20. Jahrhunderts" sei. "Aus Unterlagen der Reichsbank kennen wir die deutschen Schulden ziemlich genau", so der Historiker von der London School of Economics. "Sie lagen am Kriegsende bei 90 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung von 1938. Das wären nach heutigem Stand rund 2,6 Billionen Euro. Damit ließe sich die gesamte europäische Schuldenkrise lösen."

Die Bundesregierung hält weitere Forderungen jedoch spätestens durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 für erledigt. Sie verweist auf Reparationen über Sachleistungen und ein sogenanntes Globalentschädigungsabkommen, über das Griechenland 1960 rund 115 Millionen Mark erhielt.

Ritschl widerspricht jedoch der Darstellung, dass Griechenland es versäumt habe, rechtzeitig Anspruch auf weitere Zahlungen zu erheben. "Dass Griechenland nicht protestiert hätte, stimmt nicht. Sie haben schon 1960 protestiert." Zudem sei unklar, ob der zwischen Deutschland und den Siegermächten geschlossene Zwei-plus-Vier-Vertrag auch für Dritte wie Griechenland gelte.

Reparationen müssen nicht so heißen

Eine offizielle Rückzahlung der Zwangsanleihe durch Deutschland hält der Historiker für wenig realistisch, da dann zahlreiche weitere Länder Ansprüche erheben könnten. Denkbar sei aber eine individuelle Entschädigung von Opfern, die wie im Fall der Zwangsarbeiterstiftung nicht direkt über staatliche Stellen laufe würde. Alternativ könnte Deutschland laut Ritschl Griechenland einen Teil seiner Schulden erlassen, ohne dies offiziell als Entschädigung zu bezeichnen. "Auch in der Vergangenheit wurden für Reparationszahlungen fast immer andere Namen gefunden."

In der öffentlichen Diskussion um Entschädigungen sieht Ritschl schon jetzt einen "Punktsieg" für die Regierung von Premier Alexis Tsipras. "Erstmals wird in Deutschland anerkannt, dass auch wir ohne eine Entschuldungspolitik nach dem Krieg nicht wieder auf die Beine gekommen wären."

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