Flucht vor Kapitalkontrollen Bulgarien, die neue Schatzkammer Griechenlands

Bis zu 14.000 Euro pro Woche können Griechen derzeit trotz der Kontrollen nach Bulgarien schaffen - völlig legal. So fließt das Geld weiter aus griechischen Banken ab. Nicht nur normale Bürger nutzen das, Unternehmen verlagern sogar ihre Firmensitze.
Bulgarische Zentralbank: Ein schneller Trip über die Grenze reicht

Bulgarische Zentralbank: Ein schneller Trip über die Grenze reicht

Foto: © Stoyan Nenov / Reuters/ REUTERS

Um ihr Bargeld vor den Kapitalkontrollen in ihrem Land zu schützen, müssen Griechen nur einen kleinen Trip ins Nachbarland Bulgarien unternehmen. Tausende Bürger haben dort bereits Bankkonten eröffnet. Unternehmer verlegen Filialen oder gleich ihre ganze Firma dorthin. Die strengen Kontrollen, die eigentlich Griechenlands Banken vor dem Kollaps schützen sollten, führen zu einem Massenexodus in den ärmsten EU-Staat.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist höflich: "Guten Morgen, für griechische Bürger ist es ganz einfach, bei uns ein auf Euro oder bulgarischen Lew laufendes Konto zu eröffnen. Sie müssen nur eine unserer Filialen besuchen und ihren Ausweis oder Reisepass mitbringen", sagt die Angestellte in einer Sofiaer Filiale der Unicredit Bulbank, Bulgariens größtem Geldhaus.

In perfektem Englisch erklärt sie, dass die Kontoeröffnung nur ein paar Stunden dauern würde. Bankgeschäfte über Internet und Smartphone wären dann direkt möglich, meine EC-Karte würde in fünf Tagen ausgestellt.

"Wir haben viele ausländische Kunden"

Als ich ihr sage, dass ich in Thessaloniki lebe, schlägt sie vor, dass ich mir die Fahrt in die bulgarische Hauptstadt spare und direkt in den beliebten Badeort Sandanski fahre, 20 Kilometer von der Grenze zu Griechenland und nur eine Stunde von Thessaloniki entfernt. Sie scheint das nicht zum ersten Mal zu machen. "Ja, wir haben viele ausländische Kunden. Natürlich auch Griechen."

Seit der Einführung der Kapitalverkehrskontrollen haben bulgarische Bankangestellte ständig mit den Nachbarn aus dem Süden zu tun. Manche versuchen so, die Grenze für Barabhebungen von 420 Euro pro Woche zu umgehen, andere um den Genehmigungsprozess für große Auslandsüberweisungen herumzukommen. Und nach wie vor regiert bei vielen Griechen die Furcht, eine mögliche Steuer auf Bankguthaben oder einer Rückkehr zur Drachme könnte sie einen Großteil ihres Geldvermögens kosten.

Aktuell nutzen viele Griechen ihr bulgarisches Konto, um verstecktes Bargeld aus Metallschatullen und unter Matratzen hervorzuholen. In den Monaten, in denen sich die Griechenlandkrise zuspitzte, haben sie rund 45 Milliarden Euro von ihren Bankkonten abgehoben. Jetzt bringen sie das Geld ins Ausland.

Für die Regierung von Premier Alexis Tsipras wird das zum wachsenden Problem: Inzwischen gestattet sie den Bürgern, pro Person und Auslandstrip 2000 Euro zu überweisen. Wer also eine Woche lang einmal pro Tag die kurze Fahrt nach Sandanski auf sich nimmt, hat schon 14.000 Euro in Sicherheit gebracht - völlig legal.

Manchen reicht nicht einmal das: Griechische Medien berichten von einer Frau in einem Bus nach Albanien, in deren Gepäck Zollbeamte 23.000 Euro entdeckten. Sie konfiszierten das Geld vorübergehend, die Frau musste eine Strafe zahlen.

Firmen bleiben wegen der niedrigen Steuern

Unternehmer, die nach Bulgarien kommen, lernen gleich die weiteren Vorzüge des Nachbarlandes kennen: Während Griechenland die Körperschaftssteuer auf Druck der Geldgeber auf 29 Prozent anhebt, lockt Bulgarien mit einem zehnprozentigen Einheitssteuersatz für Privatpersonen und Unternehmen. Niedrige Sozialabgaben, ein Mindestlohn von gerade mal 174 Euro im Monat und wenig Bürokratie für Gründer kommen dazu. Innerhalb von vier Wochen kann ein griechisches Unternehmen eine Tochtergesellschaft im Nachbarland aufbauen.

Laut dem bulgarischen Handelsregister waren im Jahr 2014 11.500 Unternehmen mit griechischer Beteiligung in Bulgarien tätig, 2500 mehr als im Jahr davor. Krasen Stanchev vom Institut für Marktwirtschaft in Sofia schätzt, dass griechische Unternehmen in den rund sechs Jahren seit Ausbruch der Krise zwischen 4,5 und 5 Milliarden Euro in Bulgarien investiert haben. Er geht davon aus, dass bis zu 60.000 Griechen in dieser Zeit ein Konto bei einer bulgarischen Bank eröffnet haben.

Nach Aussage eines griechischen Unternehmers, der anonym bleiben möchte, ist es eine reine Überlebensstrategie. "Das bulgarische Bankkonto hat meine Firma gerettet", sagt der Besitzer eines exportorientierten mittelständischen Unternehmens aus Thessaloniki. "Ich kann den langwierigen, bürokratischen und oft erfolglosen Genehmigungsprozess für Auslandstransaktionen umgehen." Mit den Überweisungen auf das bulgarische Konto kann er Lieferanten im Ausland bezahlen.

Die Regierung versucht gegenzusteuern: Banken dürfen für ihre Firmenkunden Überweisungen von bis zu 100.000 Euro ausführen, ohne dass das vom Finanzministerium geführte Bankentransaktionskomitee sie genehmigen muss. Ob das viele Firmen zu griechischen Banken zurückbringt, ist aber zweifelhaft.

Leicht fällt dem Unternehmer nicht, seinem Heimatland so den Rücken zu kehren, bestätigt es doch Griechenlands Abstieg in die unterste Liga Europas. "Vor ein paar Jahren war Griechenland noch Hoffnungsträger und Vorbild für andere Staaten auf dem Balkan. Wir waren eine entwickelte Wirtschaft, verankert im Westen, Teil des Zentrums von Europa", sagt der Unternehmer.

"Jetzt erscheint sogar Albanien attraktiver."


Zusammengefasst: Mit einem Konto in Bulgarien können viele Griechen die Kapitalkontrollen in ihrem Land umgehen. Für Export-Unternehmen ist der Umweg über das Nachbarland ein Segen, für Griechenlands Banken wird es zum Problem.

Übersetzung: Alexander Demling
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