Reformstau in Griechenland Leg dich nicht mit Spyros an

Spyros Priftis wollte nur einen Friseurladen eröffnen und scheiterte dabei an der griechischen Bürokratie. Der Friseur wehrte sich - mit Erfolg. Doch manche Veränderung kommt nicht nur für ihn viel zu spät.

Friseur Spyros Priftis: "Ich wollte doch einfach nur Haare schneiden"
privat

Friseur Spyros Priftis: "Ich wollte doch einfach nur Haare schneiden"

Von , Thessaloniki


Irgendwann hatte Spyros Priftis die Hoffnung schon fast aufgegeben. Der 38-jährige Friseur von der Insel Korfu war sich sicher: Eher würden auf seiner Glatze Haare wachsen, als dass ihm griechische Behörden seinen eigenen Friseurladen genehmigen.

Dabei sollte das nach den Reformen ganz einfach werden. Bis vor einigen Jahren gehörte der Friseurberuf zu den besonders reglementierten Branchen in Griechenland. Dann kam die Schuldenkrise und mit ihr die Troika. Die Geldgeber vom Internationalen Währungsfonds, der EU und der Europäischen Zentralbank verlangten Reformen und das griechische Parlament verabschiedete 2011 ein Gesetz, wonach Dutzende Branchen liberalisiert wurden. Das sollte die Rezession mildern, indem mehr Arbeitsplätze entstehen und die Nachfrage aufgrund sinkender Preise anzieht.

Diese neuen Freiheiten wollte Priftis nutzen. Die Gaststätte seiner Familie ging pleite, und er beschloss 2012 seinen Abschluss als Friseur zu nutzen und seinen eigenen Laden zu gründen. Doch den Behörden reichte sein Zeugnis nicht, sie verlangten - trotz einer Arbeitslosenquote von fast 30 Prozent - einen Nachweis, dass er zwei Jahre Berufserfahrung als Friseur gesammelt hatte. Für die bestehenden Läden waren solche Hürden eine Garantie, dass sie kaum neue Mitbewerber fürchten mussten.

Hilfe für den Friseur von mächtigen Leuten

"Ich war so sauer", erzählt Priftis. "Ich wollte doch einfach nur Männern die Haare schneiden und Bärte stutzen." Also beschloss er, für die Liberalisierung der Branche zu kämpfen. Er fand mächtige Unterstützer für seinen Feldzug. Priftis nahm Kontakt zu Vertretern der Troika auf, wie er anhand von Briefen und Mails belegt.

Schließlich bekam er vom Troika-Mitglied Matthias Mors im September eine gute Nachricht: Die griechischen Behörden hätten bei den Regelungen zum Friseurhandwerk nachgebessert. Priftis Kampf hatte sich ausgezahlt, seine Forderungen sind umgesetzt. Ein neues Gesetz erlaubt es ihm, ohne vorherige Berufserfahrung einen Friseurladen zu eröffnen.

Friseur in Griechenland: Angst vor neuen Konkurrenten
REUTERS

Friseur in Griechenland: Angst vor neuen Konkurrenten

Man könnte Priftis Fall als Kuriosität betrachten. Aber in Wirklichkeit spiegelt er genau das wider, was beim griechischen Rettungs- und Reformprogramm schiefläuft: Auch Jahre nach Beginn der Rettungsaktion kratzen die Reformen in Griechenland in vielen Bereichen nur an der Oberfläche.

Wie die griechische Politik mit Reformen umgeht, das konnte auch Andreas Drimiotis erleben. Als plakatives Beispiel berichtet der Berater von einem Treffen mit mehreren Ministern der Regierung von Giorgos Papandreou, der bis 2011 Ministerpräsident war. Bei dem Treffen ging es um die Einführung der EU-Dienstleistungsrichtlinie. Anstatt darüber zu beraten, wie man diese Richtlinie umsetzen könne, ging das Gespräch in eine andere Richtung, berichtet Drimiotis. Die Politiker überlegten, wie Griechenland sich der Regelung entziehen könnte, um seine eigenen Interessen zu verfolgen und dabei möglichst eine EU-Strafe vermeiden könnte. "Wir wollten nie Reformen in Griechenland", sagt Drimiotis.

Die Troika machte jedoch Druck auf die Regierung in Athen, ihre bürokratische und ineffiziente Arbeitsweise neu zu strukturieren. Also wurde in allen Ministerien eine neue Organisationsstruktur eingeführt. Das sollte mehr Effizienz bringen.

Kein Happy End für Spyros Priftis

Herausgekommen aber sei ein großer Verhau, berichtet ein hoher Beamter, der ungenannt bleiben möchte. So sei in seinem Bereich eine neue Dienststelle geschaffen worden, die keine Aufgabe oder Existenzberichtigung habe. "Die Regierung will den Geldgebern einfach nur beweisen, dass sie den öffentlichen Sektor reformiert", sagt der Beamte. "Auch wenn sie ihn dabei tatsächlich nur noch ineffizienter macht als vorher - falls das überhaupt möglich ist."

Auch die Erfassung aller Staatsdiener sei nie umgesetzt worden, berichtet der Beamte. "Es gibt heftigen Widerstand sowohl in der Regierung als auch bei den Beamten. Denn sie fürchten, dass dann Stellen wegfallen." Den einzigen wirklichen harten Schnitt im öffentlichen Dienst mussten einfache Angestellte hinnehmen, denen die Gehälter nach dem Rasenmäherprinzip gekürzt wurden, um die Finanzvorgaben zu erreichen.

Das aktuelle Stützungsprogramm der Troika für Griechenland läuft Ende des Jahres aus. Aktuell streiten die Regierung in Athen und die Geldgeber über die Höhe des Haushaltsdefizits im kommenden Jahr. Nach Ansicht der Gläubiger wird es höher ausfallen, als die Regierung erwartet. Sie verlangen daher Änderungen. Athen muss sich mit der Troika einigen, damit überhaupt weitere Gespräche darüber geführt werden, wie Griechenland künftig unter die Arme gegriffen werden kann.

Reformbefürworter glauben kaum noch an einen großen Wurf. Ihre Befürchtungen sehen sie auch durch eine Initiative des neuen Finanzministers Gikas Hardouvelis bestätigt. Der will zwar auch das Problem der reglementierten Branchen angehen - allerdings hat er dazu erst einmal eine 40-köpfige Arbeitsgruppe ins Leben gerufen.

Bis diese Gruppe zu Ergebnissen kommt, könnte dem Friseur Priftis ein Zopf gewachsen sein. Und sein Traum vom eigenen Laden hat sich bisher nicht erfüllt. Denn der Kampf gegen die Bürokratie hat sein Erspartes aufgezehrt. "2012 hatte ich genug Rücklagen, um den Laden zu eröffnen. Aber seitdem sind fast drei Jahre vergangen", berichtet er. "Ich habe meine Ersparnisse zum Leben gebraucht. Nun sind sie weg."

Übersetzung aus dem Englischen: Maria Marquart



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kdshp 26.11.2014
1.
Das ist in deutschland nicht anders! Wer hier ein gewerbe anmeldet muss viele bürokratischen hürden nehmen. Die kosten viel zeit und nerven. Als erstes meldet sich die zuständige kammer und will beiträge nach umsatz haben. Gleichzeitig kommt die GEZ, krankenkasse, finanzamt und andere behörden je nach gewerbe. Dazu kommt das an "unternehmen" viele mit verdienen wollen. So sind die versicherungen zb. kfz für gewerbe treibende viel höher. Oder man muss eine extra mülltonne bezahlen selbst wenn der müll noch in die private tonne paßt. Und ohne steuerberater geht fast nix UND der ksotet richtig geld.
analyse 26.11.2014
2. Man stelle sich vor ,ROTGRÜNE Forderungen nach Abfluß
deutscher Steuergelder gen Süden wären nicht gebremst worden :Man sollte nicht Wasser in löchrige Fässer gießen,ehe die Löcher gestopft sind !Eigenmittel sind meist vorhanden:Bekämpfung der Korruption,Abbau sinnloser Privilegien,Reform des Steuersystems,eigene Goldvorräte und Milliardärsvertmögen(Italien/Berlusconi !)
kobmicha 26.11.2014
3. Fast so wie bei uns.
Da sollte man nicht so weit schauen..bis nach Griechenland. Unsere Behörden sind noch "gründlicher" An jedem Tag an dem wir aufwachen und zur Arbeit gehen steht auch einer auf der uns kontolliert und dafür von uns bezahlt wird! Bewusst oder unbewusst!
curiosus_ 26.11.2014
4. Da kommen die gut 300 Mrd. € ...
... des Herrn Juncker ja genau richtig. Damit löst man solche Probleme effizient und nachhaltig. [/Sarkasmus] Ohne "natürlichen" Druck (Staatsinsolvenz) läuft da gar nichts.
helle_birne 26.11.2014
5. Ich finde es gut, wie die
griechische Regierung und die griechischen Beamten den neoliberalen Einpeitschern von EU, IWF und Weltbank ein um's andere mal ein Schnippchen schlagen. Und wenn 2016 und vielleicht schon 2015 die linke Volkspartei SYRIZA an die Macht gewählt wird, werden von ihr einfach alle griechischen Auslandsschulden für null und nichtig erklärt und die Zinsen und Rückzahlung fordernden Blutsauger werden in die Röhre schauen...;-)
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