Unternehmer in Griechenland Mit Gucci gegen den Grexit

Mandica Iljic betreibt einen Luxus-Secondhandladen in Athen - bei ihr bekommt die Krise Gesichter: Ihre Kundinnen wollen sich trotz allem noch etwas gönnen, ihre Lieferantinnen sind Neureiche, die sich den Luxus nicht mehr leisten können.

Läden in Athener Einkaufsstraße: Luxusartikel diskret zum Wiederverkauf
AP

Läden in Athener Einkaufsstraße: Luxusartikel diskret zum Wiederverkauf

Aus Athen berichtet


Rund 2500 Euro hat die beige Louis-Vuitton-Tasche neben der Ladentür einst gekostet. Jetzt sind es noch 589 Euro. Daneben ein blaues Modell von Dior, Neupreis etwa 1800 Euro, jetzt ebenfalls für knapp ein Viertel zu haben. Mandica Iljic führt weiter ins Kellergeschoss, hier gibt es Kleider von Oscar de la Renta oder Stella McCartney. Eines wurde nur einmal in Cannes getragen, ein anderes hatte die Vorbesitzerin sogar nie an. "Die verkauft jetzt alles", erzählt Iljic.

Die 44-jährige Deutschkroatin betreibt in Athen einen Secondhandladen für Edelmarken wie Gucci, Prada oder Chanel. Viele Waren kauft Iljic bei Griechinnen, die sich den Luxus der Vergangenheit nicht mehr leisten können. Auf Wunsch holt sie Kleidung oder Schuhe diskret zu Hause ab. Manchmal weinen die Anbieterinnen und erzählen Iljic ihre Geschichte. "Die Quellen sind unendlich", sagt sie. "Es gab viele Neureiche."

Fünf Jahre Dauerkrise haben Griechenlands Gesellschaft ebenso verändert wie seine Wirtschaft. Zehntausende von Geschäften mussten schließen, im ersten Quartal 2015 machten nach Angaben des Wirtschaftsverbandes ESEE täglich 59 Läden dicht. Dabei hatte es im vergangenen Jahr erste Anzeichen für eine Trendwende gegeben. Doch dann kamen der Regierungswechsel, monatelanger Streit mit Griechenlands Geldgebern und die vorübergehende Schließung der Banken.

Ladenbesitzerin Iljic: "Gefühl, eine Bank zu sein"
SPIEGEL ONLINE

Ladenbesitzerin Iljic: "Gefühl, eine Bank zu sein"

Mandica Iljic hat das Glück, dass ihr Geschäftsmodell auch in der Krise funktioniert: Die bisherigen Besitzerinnen der Luxuswaren versuchen, mit dem Verkauf ein bisschen Geld zum geringer werdenden Haushaltseinkommen beizusteuern. Die neuen Käuferinnen wollen sich häufig trotz der schwierigen Zeiten eine Freude machen.

Doch auch Iljics Verkauf endete de facto am ersten Tag der Kapitalverkehrskontrollen. In den Laden kamen kaum noch Kunden, stattdessen riefen zahllose Frauen an, für die sie Waren auf Kommission verkauft hatte. Die wollten nun schnell Bargeld, das sie am Automaten nicht mehr bekamen. "Während dieser Tage hatte ich das Gefühl, eine Bank zu sein", sagt Iljic.

Der Schock sitzt tief

Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt. Banken sind wieder geöffnet, Griechenland verhandelt erneut mit den Geldgebern, und Iljic macht wieder Umsatz - auch dank gesenkter Preise. Doch die Ereignisse der letzten Wochen nennt sie einen "Schock, der noch tief sitzt".

Die vorläufige Einigung auf politischer Ebene ist auch für andere Unternehmer kein Grund zum Aufatmen. "Im Wesentlichen ist die Bankenschließung nicht beendet", schrieb der Chef der Athener Handelskammer in einem Brief ans Finanzministerium. "Die große Mehrheit der griechischen Unternehmen ist einen halben Schritt von der Schließung entfernt."

Zwar wurden die Kapitalkontrollen mittlerweile gelockert. Statt ab 50.000 Euro brauchen Unternehmen nun erst für Auslandsüberweisungen ab 100.000 Euro die Genehmigung einer Regierungskommission. Doch das Signal an ausländische Geschäftspartner bleibt das gleiche: Handel mit Griechenland bedeutet erhöhtes Risiko. Ein Euro-Austritt, kurz Grexit, ist weiterhin denkbar.

"Die Angst vor einem Grexit und die Kapitalkontrollen haben komplett die Aussichten unserer Geschäfte verändert", berichtet Jannis Papagrigorakis. Er leitet ein Athener Ingenieursbüro, das durch die Krise der griechischen Wirtschaft schon vor Jahren nahezu alle bisherigen Auftraggeber im Inland verlor. Die Ingenieure reagierten, indem sie sich vor allem im Ausland um Aufträge bemühten.

Libyen, Irak, Nigeria: Innerhalb von nur zwei Jahren hat Papagrigorakis einen Reisepass verschlissen, so viele Stempel sammelte er an. Entlassungen konnte die Firma bis heute vermeiden, auch weil sich der Stundenlohn für Ingenieure gegenüber den Vorkrisenjahren halbiert hat. Doch zuletzt half auch das nichts mehr. Bis November 2014 seien die Geschäfte noch positiv gewesen, sagt Papagrigorakis. Jetzt seien sie "nicht mehr existent".

Die Hölle der Bürokratie

Wie Papagrigorakis ist jeder dritte Grieche selbstständig. Den griechischen Staat mit seiner ineffizienten Bürokratie sehen viele Unternehmer ähnlich kritisch wie die ausländischen Geldgeber. Papagrigorakis ist für Reformen. Er glaubt, dass viele Vorschriften bislang das Wachstum hemmen. Auch Ladenbesitzerin Iljic kann eindrucksvoll erzählen, mit wie vielen Auflagen sie bei der Gründung ihres Geschäfts vor acht Jahren zu kämpfen hatte. "Ich bin durch die Hölle gegangen."

Trotz aller Schwierigkeiten wolle sie nirgendwo anders leben, sagt Iljic. Sie wuchs in München auf, wurde aber in Jugoslawien geboren. Dort erlebte sie Warenmangel, der sie heute einen Euro-Austritt fürchten lässt: "Ich kann mich noch erinnern, wie die Regale leer waren, und es gab nur eine Kekspackung." Sollte es eines Tages doch zum griechischen Euro-Aus kommen, werde sie erstmals überlegen müssen, das Land wieder zu verlassen. "Das wäre dann mein persönlicher Grexit."

insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PolitBarometer 01.08.2015
1.
Das Problem in Griechenland ist, dass dort mit sehr vielen Plagiaten und bewusst gefälschten Artikeln gehandelt wird. Sogar recht offen auf den von Touristen recht gut frequentierten öffentlichen Marktplätzen. Selbst bei Jeansmarken wie Levis & Co. dort erlebt. Ob das die Brandowner bewusst ignorieren?
competa1 01.08.2015
2. Das Problem..
Zitat von PolitBarometerDas Problem in Griechenland ist, dass dort mit sehr vielen Plagiaten und bewusst gefälschten Artikeln gehandelt wird. Sogar recht offen auf den von Touristen recht gut frequentierten öffentlichen Marktplätzen. Selbst bei Jeansmarken wie Levis & Co. dort erlebt. Ob das die Brandowner bewusst ignorieren?
..gibt es in jedem,von Touristen heimgesuchten Land.Also kein gr.Problem!
lezel 01.08.2015
3. Innere Abwertung
---Zitat--- Iljic macht wieder Umsatz - auch dank gesenkter Preise. ---Zitatende--- ---Zitat--- Entlassungen konnte die Firma bis heute vermeiden, auch weil sich der Stundenlohn für Ingenieure gegenüber den Vorkrisenjahren halbiert hat. ---Zitatende--- Genau so funktioniert es: Preise und Löhne sinken. Im eigenen Land können die Griechen sich so viel leisten wie vorher, und für das Ausland werden Preise und Dienstleistungen billiger. Das hat den gleichen Effekt wie die äußere Abwertung einer eigenen Währung: Griechenland wird wieder konkurrenzfähig.
keinblattvormmund 01.08.2015
4. Humanitäre Krise?
Ist das die Humanitäre Krise, die die griechischen Politiker immer wieder beklagen? Die Griechen müssen also ihre Gucci, Prada und Chanel Spielzeuge verkaufen und können nur noch 1800 Euro Bargeld pro Monat aus dem Automaten ziehen. So geht das natürlich nicht. Die Party muss weitergehen. Also schnell nächstes Hilfspaket schnüren und weitere Milliarden auf "nimmer wiedersehen" nach Griechenland überweisen.
kumi-ori 01.08.2015
5. Herzzerreißend
Mit Tränen in den Augen wegen einer Handtasche. In Afrika oder in Indien verhungern die Kinder. Ich habe mich auch schon von Dingen trennen müssen, die ich mir nicht mehr leisten konnte. Also kein spezifisches Beispiel für allgemeine griechische Verelendung. Ich hätte gehofft, dass jemand in Griechenland selbst auf die Idee kommt, Designerhandtaschen neu herzustellen und dann für Phantasiepreise an reiche Russen und Ölscheichs zu verkaufen und so die Krise zu überwinden. Das wäre ein großartiger Schritt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.