Griechenland in der Krise Aufstand der letzten Anständigen

In Griechenland gilt Steuerhinterziehung als Volkssport, jetzt rebellieren sogar die letzten ehrlichen Zahler. Angelos Belitsakos wurde zum Vorkämpfer der neuen Abgabenboykott-Bewegung, denn er hat die Wahl: Entweder sein Land geht pleite - oder er selbst.

SPIEGEL ONLINE

Aus Holargos berichten und Ferry Batzoglou


Die Menschen, die Griechenland das Genick brechen könnten, werfen keine Steine, schleudern nie Molotow-Cocktails und haben bislang nicht ein einziges Auto in Brand gesetzt. Nein, es sind Menschen wie Angelos Belitsakos, 60, die zum wahren Problem des strauchelnden Staates werden könnten. In die Enge getrieben, wollen sie einen Kampf annehmen, der nicht mit Waffen ausgetragen werden soll, sondern - viel schlimmer - mit Geld.

Belitsakos, klein, schmal, aufgeweckt, ist der Anführer und Vordenker einer Bewegung von Geschäftsleuten, die in großer Geschwindigkeit Anhänger rekrutiert. Und während die griechische Regierung noch verzweifelt versucht, dem immer weiter wachsenden Staatsdefizit mit höheren Steuern und neuen Abgaben zu begegnen, setzen der Getränkehändler und Hunderte seiner Gefolgsleute aus dem gutbürgerlichen Athener Vorort Holargos auf passiven Widerstand.

Harte Arbeit, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden täglich

Ihre ebenso schlichte wie stoische Devise lautet: "Wir zahlen nicht."

Die steuerliche Totalverweigerung der Unternehmer ist so etwas wie der Aufstand der Besitzenden, die Rebellion derer, die als selbständige Geschäftsleute lange Zeit das Rückgrat des griechischen Gemeinwesens waren. Sie hätten sich nicht in den vollkommen überdimensionierten öffentlichen Dienst hineingeschlängelt, sondern immer schon auf den Markt gesetzt, hart gearbeitet, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden täglich, Minimum. Sagt Belitsakos.

Aber nun, er macht mit seiner Hand eine ausladende Bewegung durch sein kleines Geschäft, hätten sie keine Wahl mehr: "Der Staat will uns umbringen. Wir handeln in Notwehr", empört er sich und beginnt zu rechnen. Sein Umsatz sei binnen zwei Jahren massiv geschrumpft, 60 Tavernen und Restaurants, die er beliefert habe, hätten ihm gekündigt. Gleichzeitig aber habe die Regierung nicht nur die Mehrwertsteuer zweimal erhört, sondern verlange auch immer neue Abgaben.

Als da wären:

  • die Einmalzahlung für Selbständige: 300 Euro,
  • der Aufschlag auf die Umsatzsteuer von zwei weiteren Prozentpunkten,
  • die Solidaritätsabgabe für Arbeitslose: 180 Euro
  • und die Immobiliensteuer: "Locker ein paar hundert Euro im Jahr."

"Charatzi" nennt der Getränkehändler diese neuen Belastungen. Das Wort, das aus der osmanischen Zeit stammt, lässt sich frei vielleicht am ehesten mit "Beute" oder "Zwangsabgabe" übersetzen. Es bezeichnet eine willkürlich erhobene und unrechtmäßige Steuer, dem Zehnten ähnlich, der einstmals den Feudalherren entrichtet werden musste. "Aber ich kann und will das nicht aufbringen. Es geht nicht", sagt Belitsakis. "Verstehen Sie?"

"Wir protestieren und sind wütend"

Der Händler schrieb deshalb einen Brief: "Sehr geehrter Leiter des Finanzamts", hackte er vor wenigen Tagen im Namen seines Vereins in den Computer. "Wir sehen uns einer ganzen Reihe neuer Steuern gegenüber, wir protestieren und sind wütend." Der einzige Zweck der Abgaben sei die "Enteignung und Verelendung" des griechischen Volkes und dessen müsste es sich jetzt erwehren. Daher, kurzum: "Wir zahlen nicht." Abgestempelt und unterschrieben, Angelos Belitsakos.

Der Finanzbeamte, dem er das Schreiben überreicht habe, sei verständnisvoll und freundlich gewesen, erinnert sich Belitsakos. Vielleicht trugen mehrere Fernsehkameras ihren Teil dazu bei, dass der Staatsdiener gute Miene machte. Oder aber - auch das ist durchaus vorstellbar in Griechenland - der Herr vom Amt war einfach nicht besonders überrascht von der angekündigten Steuerhinterziehung.

Der Grieche, erklärt jedenfalls der bekannte Analyst Babis Papadimitriou, liebe vielleicht seine Nation, betrachte den Staatsapparat aber als Macht, die man ausplündern dürfe und müsse. Europaweit würden zehn Prozent der Mehrwertsteuer hinterzogen, in Griechenland etwa 30 Prozent. Ein Drittel der gesamten Wirtschaft laufe am Finanzamt vorbei.

Öffentlicher Aufruf gegen die neuen Steuern

Inzwischen rufen Kommunisten, Gewerkschafter und Linke sogar öffentlich zum Widerstand gegen die neuen Steuern auf. Der völlige Bankrott des Volkes, behauptete diese Woche etwa die Generalsekretärin der Kommunistischen Partei Griechenlands, könne nur verhindert werden, wenn die "Charatzi" nicht bezahlt würden. Der finanzielle Widerstand sei nun erste Bürgerpflicht, so Aleka Papariga.

"Die Frage ist", hatte Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis im Interview mit SPIEGEL ONLINE analysiert, "wie wir ein Solidaritätsgefühl schaffen können. Einer für alle, alle für einen, darum geht es jetzt." Doch eine Antwort auf seine Frage war er schuldig geblieben. Zurzeit scheint es, als gebe es nicht allzu viele Landsleute auf deren Opferbereitschaft die Politik wirklich zählen kann: Dem Staat gehen die Bürger reihenweise von der Fahne.

Ladenbesitzer Belitsakos jedenfalls kann und will sich an der Rettung seiner Heimat nicht beteiligen. Nicht weil er sein Vaterland nicht liebt - im Gegenteil: Er ist ein glühender Patriot -, sondern weil er der Regierung in Athen misstraut, dem "internationalen Finanzkapitalismus" sowieso und weil er sich wohl nicht ausmalen kann, was auf dem Spiel steht. Dabei hat Belitsakos einmal Mathematik studiert.

Sein Kurs bleibe die Totalverweigerung, tönt Angelos Belitsakos, zur Not gehe er dafür auch bankrott oder ins Gefängnis oder beides. Denn er sei sich sicher, Abertausende dächten wie er. Und am Ende gewönnen die Griechen diesen Kampf, den sie nie gewollt hätten.

Die Frage ist bloß: Was hätten sie damit gewonnen?



insgesamt 160 Beiträge
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zakalwe. 22.09.2011
1. Steuern nein Danke?
Wenn da niemand Steuern zahlt, ist Griechenland verloren. Wie konnten diese Bananenrepublik nur in die EU kommen? Ich meine niemand zahlt gerne Steuern, aber das es ohne nicht geht sollte man schon einsehen. Ich frage mich auch ernsthaft wie das Land bisher so lange über die Runden kommen konnte. Keine Industrie, aber dafür reichlich Streiks und massig Steuerhinterzieher. Was für eine Mischung...ehrlich gesagt haben diese Leute allesamt die Staatspleite verdient. Leider müssen wir sie wohl retten, um einen Dominoeffekt auf den Rest der EU/der Banken zu verhindern :( Pest oder Cholera....
myoho 22.09.2011
2. Wie schön!
Das Volk, dem wir "Demokratie und Politik" zu verdanken haben, erinnert sich an die ursprüngliche Bedeutung dieser Begriffe! Das lässt doch hoffen!
ruebezahl11 22.09.2011
3. Griechenlandkrise ist auch in Deutschland
Betrachtet man ein Land als Wirtschaftsunternehmen gibt es in Griechenland wie in Deutschland und vermutlich allen anderen Ländern eine Ungereimtheit. Neben der hohen Staatsverschuldung gibt es in der Regel extreme Privatvermögen. Eigentlich kann das nicht sein. Ein Unternehmen kann eigentlich nur Gewinn machen, wenn es keine Schulden macht. Bezogen auf die Länder werden anscheinend nicht alle privaten Einnahmen der Steuer unterzogen. Ich würde in dem Zusammenhang also von Raubtierkapitalismus sprechen. Jeder sollte sich mal die Entwicklung der Staatsverschuldung und des Privatvermögens der letzten 30 Jahre ansehen (Google). Wir brauchen somit dringend ein geändertes Steuersystem. Erst wenn ein Land Gewinn produziert, können auch private Vermögen existieren. Auf ein Land bezogen, muss man das Vermögen der Reichen nachträglich zwangsenteignen. Nun die Frage: Handelt es sich nicht um politische Korruption, wenn Reiche immer reicher werden, obwohl ein Land hoch verschuldet ist? Diese Frage könnte man auch unseren Politikern stellen.
sichreid, 22.09.2011
4. Wenn Griechen nicht an den griechischen Staat zahlen wollen ...
... wieso sollten es dann andere EU-Bürger übernehmen?
merapi22 22.09.2011
5. Ohne Einnahmen keine Ausgaben!
Zitat von sysopIn Griechenland gilt Steuerhinterziehung als Volkssport, jetzt rebellieren sogar die letzten ehrlichen Zahler. Angelos Belitsakos wurde zum Vorkämpfer neuen Abgabenboykott-Bewegung, denn er hat die Wahl: Entweder sein Land geht pleite - oder er selbst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,787237,00.html
In Deutschland hat der Lastenausgleich unter wesentlich schwierigeren Bedingungen, mit zum Wirtschaftswunder beigetragen. Eine gute Idee für alle Länder mit Defizit: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,711589,00.html
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