Folgen einer Pleite Griechenlands Der Tag nach dem Tag danach

Europa sucht eine Strategie für den Tag X - und für den Tag danach: Denn falls Griechenland tatsächlich den Euro verlässt, beginnt die Krise erst richtig.

Finanzminister Varoufakis: Der Staat mag bankrott sein, aber die Nation ist noch da
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Finanzminister Varoufakis: Der Staat mag bankrott sein, aber die Nation ist noch da

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Griechen-Müdigkeit macht sich breit. Mehr als fünf Jahre quälender Verhandlungen, Hoffnungen und Rückschläge haben alle Beteiligten ausgelaugt: Athens letzte politische Freunde ziehen sich enttäuscht zurück. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Griechenland nun tatsächlich in die Pleite taumelt und anschließend aus dem Euro ausscheidet. Der "Grexit" rückt in greifbare Nähe.

Doch damit ist die Geschichte keineswegs beendet. Was passiert eigentlich am Tag nach dem Tag X? Diese Frage wird immer dringender. Immerhin haben sich am Freitag Regierungsvertreter getroffen, um zu besprechen, was nun zu tun ist.

Die Hellas-Pleite, so viel ist klar, wäre eine Tragödie, natürlich vor allem für die Griechen selbst. Aber auch die Gläubiger und ihre Institutionen, von der EZB bis zum IWF, stünden ramponiert da. Noch versuchen die politisch Verantwortlichen deshalb, irgendeine Lösung zu finden. Die Frequenz der Treffen und Gipfel hat sich wieder stark erhöht. Leider sieht es so aus, als ob Politik und Ökonomie, nationale Interessen und europäische Notwendigkeiten in diesem Fall nicht per Kompromiss in Übereinstimmung gebracht werden könnten.

Probleme nach Ausstieg nicht vorbei

Hektische Tage stehen bevor. Am Donnerstag tagt der Rat der Europäischen Zentralbank, jener Institution, die bislang einen Zusammenbruch des griechischen Bankensystems verhindert hat, weil sie immer neue Infusionen von Notfallliquidität erlaubt hat. Nachmittags treffen sich die Finanzminister der Eurostaaten. Sie müssten eine Auszahlung der ausstehenden Kredittranche an Griechenland beschließen. Danach müssten einige Parlamente, auch der Deutsche Bundestag, die Entscheidung bestätigen, bevor der Rettungsfonds ESM Ende des Monats das Geld überweisen könnte. Andernfalls wäre Griechenland pleite.

Müsste, könnte, wäre - viele Möglichkeitsformen, doch die Möglichkeiten schrumpfen zusammen.

Es ist nur so: Auch wenn Griechenland seine Schulden nicht mehr bedient, wenn es aus dem Euro aussteigt und ein eigenes Zahlungsmittel einführt, sind die Probleme nicht gelöst. Im Gegenteil. Der Staat mag bankrott sein, aber die Nation ist noch da. Und sie wird leiden - unter hoher Inflation und funktionsunfähigen Behörden.

Notlage der griechischen Gesellschaft

Was jetzt geschieht, ist auch das blamable Resultat der bisherigen Eurokrisenstrategie. Viel zu lange blieben soziale und politische Rückwirkungen unbeachtet. Von Anfang war die Vorstellung irreal, der Rest Europas könne Griechenland sich selbst überlassen und womöglich auch noch aus der EU herausdrängen, wie es die Verträge nahelegen. Nun sucht Europa überhastet eine Strategie für den Tag X. Und es steht zu befürchten, dass wieder mal zu wenig zu spät passiert.

Im Mittelpunkt steht nicht mehr nur die Stabilisierung der verbleibenden Eurozone. Das Instrumentarium dafür ist inzwischen vorhanden und dürfte ausreichen. Vor allem geht es nun um die Stabilisierung der griechischen Gesellschaft selbst: humanitäre Hilfe, um akute Notlagen abzumildern. Unabhängig von Fragen einer geordneten Schuldenrestrukturierung, die dann verhandelt werden müssen, brauchen die Griechen Unterstützung bei der Versorgung der Bevölkerung mit medizinischen Leistungen, Energie oder Lebensmitteln.

Keine Basisabsicherung

Europa muss darauf vorbereitet sein, eine provisorische Hilfsinfrastruktur vor Ort aufzubauen, wo örtliche Behörden nicht mehr handlungsfähig sind. Und man fragt sich: Warum nicht gleich so? Warum hat die EU nicht schon vor drei oder vier Jahren die ineffektiven nationalen Behörden umgangen und eigene Anlaufstellen eröffnet? Das wäre keineswegs abwegig gewesen: Auch die Washingtoner Regierung baute während der großen Depression der Dreißigerjahre überall in den USA ein Netz von Anlaufstellen auf. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

Wären EU-Helfer schon in den vergangenen Jahren vor Ort gewesen, hätte das die politische Dynamik völlig verändert. Statt nur Sozialkürzungen und Steuererhöhungen zu verlangen, wäre tatsächlich etwas bei den Bürgern angekommen, die schon seit Jahren unter der Krise leiden.

Signale einer sozialen Krise gibt es schon länger. In den vergangenen Jahren hat sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung messbar verschlechtert, die Kindersterblichkeit ist gestiegen. Bereits vor drei Jahren gaben in einer Gallup-Umfrage ein Fünftel der Griechen an, sie könnten sich nicht mehr genug Nahrungsmittel leisten. Nirgends im Westen ist OECD-Zahlen zufolge die Lebenszufriedenheit der Bürger im Zuge der Krise so stark zurückgegangen. Der aufgestaute Frust droht im Falle eines "Grexit" und der folgenden rapiden Inflation endgültig herauszubrechen. Der ewige Verweis auf "Strukturreformen" und steuerflüchtige Oligarchen jedenfalls hilft darbenden Normalbürgern gar nicht.

Offenbarungseid der bisherigen Rettungsstrategie

Griechenland ist eines der wenigen OECD-Länder ohne Basisabsicherung à la Hartz IV und ohne allgemeine Krankenversorgung. Nach Jahren der Krise gehen die Ersparnisse der Bürger zur Neige. Wer durch Langzeitarbeitslosigkeit keine Unterstützung mehr bekommt, fällt ins Bodenlose.

Wenn all die warmen Worte von Europa als Wertegemeinschaft irgendeine Bedeutung haben, dann müssen sich gerade die großen, reichen Länder der EU auf effektive und großzügige Hilfsaktionen vorbereiten. Daran anschließen sollte sich ein Aufbau- und Investitionsprogramm - eine Art Marshall-Plan für Hellas.

Durchaus aus Eigennutz: Die Stabilisierung Griechenlands ist im geostrategischen Interesse Europas und des Westens insgesamt. Ein fragiles, sich selbst überlassenes Land an der Südostflanke der Nato wäre eine allzu große Versuchung für Wladimir Putins Russland. Das Denken in territorialen Kategorien, Machtblöcken und Einflusssphären ist in Europa zurück. Hilfe für Griechenland bedeutet deshalb nebenher auch Eindämmungspolitik gegenüber einem aggressiven Kreml.


Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche

MONTAG

BERLIN - Drachmen-Boot-Rennen - Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn stellt seine Ideen für Griechenland vor - Wiedereinführung der Drachme, Beibehaltung des Euros als Parallelwährung.

BRÜSSEL - Hellas-Platte - EZB-Präsident Mario Draghi beim geldpolitischen Dialog mit dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments. Mutmaßliches Topthema: Auswirkungen eines Grexit.

WASHINGTON - US-Wachstum - Neue Zahlen von der amerikanischen Industrieproduktion.

DIENSTAG

LUXEMBURG - Retter und Regelbrecher - Vor drei Jahren hat EZB-Chef Draghi mit einer Ankündigung, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Problemländern zu kaufen, den stabilisiert. Nun urteilt der Europäische Gerichtshof, ob dieses Programm rechtens ist.

LONDON - Warten auf Inflation - Neue Zahlen zum Verbraucherpreisanstieg in Großbritannien.

MITTWOCH

WASHINGTON - Wann steigen die Zinsen? - Der Gouverneursrat der US-Notenbank tagt. Die Märkte warten auf Signale, wann die Fed beginnt, die Leitzinsen anzuheben.

DONNERSTAG

LUXEMBURG - Griechenland, ach Griechenland - Die Finanzminister der Eurozone treffen sich. Topthema: die Verhandlungen mit der griechischen Regierung über die Bedingungen für die Verlängerung des Hilfsprogramms.

FRANKFURT - Löcher stopfen - EZB-Ratssitzung: Seit Monaten heben Griechen Geld von den Banken ab. Bislang hat die Zentralbank einen Zusammenbruch verhindert, indem sie immer weitere Notliquidität genehmigt hat.

BERLIN - 16 plus 1 - Treffen der Ministerpräsidenten der Länder. Anschließend treffen sie sich mit Kanzlerin Merkel, insbesondere um über die Aufnahme von Flüchtlingen zu sprechen.

FREITAG

LUXEMBURG - Lob und Tadel - Treffen der Finanzminister aller EU-Staaten. Auf der Agenda: die Überprüfung der Wirtschafts- und Finanzpolitik der Mitgliedsländer ("Europäisches Semester").

FRANKFURT - Wie ein großes Deutschland - Neue Zahlen zur Leistungsbilanz der Eurozone: Inzwischen ist der Währungsraum insgesamt zur Überschussvolkswirtschaft geworden. Nicht alle Handelspartner sind begeistert.

TOKIO - Vollgas in Fernost - Keine andere Zentralbank pumpt soviel Geld in die Märkte. Nun tagen die Gouverneure der Bank von Japan turnusmäßig und entscheiden über den weiteren Kurs.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

Viele letzte Chancen - Zitate zur Griechenkrise

16. Februar 2015

"Wir können diese Woche noch nutzen, aber das ist es."

Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach dem Scheitern der Verhandlungen in Brüssel Mitte Februar. Es geht um den Antrag zur Verlängerung des Hilfsprogramms.

17. Februar 2015

"Am 28., 24.00 Uhr, is over."

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) spricht über das zu diesem Zeitpunkt Ende Februar auslaufende Hilfsprogramm. Die Athener Regierung beantragt gerade noch rechtzeitig eine Verlängerung.

29. März 2015

"Es ist Griechenlands letzte Chance, der EU endlich etwas zu liefern."

Das erklärte der CDU-Außenpolitiker Elmar Brok in der "Bild" (Ausgabe Online 29. März). Zu diesem Zeitpunkt wird über das Reformpaket verhandelt - die Voraussetzung für eine weitere Auszahlungen aus dem verlängerten Hilfspaket.

15. April 2015

"Die Zeit läuft ab."

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, warnt Athen erneut ("taz"-Ausgabe vom 15. April). Zu diesem Zeitpunkt hieß es, dass bis zum 20. April eine Einigung zu einem Reformprogramm stehen müsse.

26. Mai 2015

"Die Zeit wird knapp."

Als Chef des Europäischen Rettungsschirms ESM ist Klaus Regling einer der Entscheider über neue Milliarden-Hilfen für Griechenland. Im "Bild"-Interview (Ausgabe 26. Mai) erklärte er, dass Tag und Nacht an einer Einigung gearbeitet werde.

4. Juni 2015

"Ich hab' die Faxen dicke."

Angesichts der zähen Verhandlungen übte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" am 5. Juni deutliche Kritik an der Athener Regierung.

8. Juni 2015

"Es ist nicht mehr viel Zeit, das ist das Problem."

Nach dem G7-Gipfel forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Regierung in Athen erneut auf, Reformen umzusetzen oder Alternativen vorzuschlagen. Das aktuelle Hilfsprogramm läuft Ende Juni aus.

11. Juni 2015

"Die Zeit läuft ab."

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Staatspleite Griechenlands. Gespräche zwischen den Geldgebern in Brüssel am Vorabend brachten wieder einmal keine konkreten Ergebnisse.



insgesamt 464 Beiträge
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sacco 14.06.2015
1. griechenland verlässt den euro nicht
das land wird weiter 'gerettet' spätestens im herbst wird das dritte rettungspaket fällig, im nächsten jahr die pakete vier und fünf, dazwischen ein schuldenschnitt - udn so weiter ad ultimo.
Bundesbanker 14.06.2015
2. Der Autor fragt
warum die EU nicht gleich die örtlichen griechischen Behörden unterstützt hat. Dazu bedarf es natürlich einer Einwilligung der griechischen Regierung - und die hat, zumindest das deutsche Angebot zur Unterstützung der lokalen Finanzbehörden- mehrmals abgelehnt. Wie will die EU also helfen, wenn man sich vor Ort nicht helfen lassen will?
Wassup 14.06.2015
3. Der Grexit ist doch Teil der Lösung!!
Der Beitritt zum Euro führte in kürzester Zeit zum Staatsbankrott in Griechenland, ist also das Problem: Das eigentliche Problem ist der volkswirtschaftliche Effekt de Faktorpreisangleichung (Arbeit, Kapital...= im gemeinsamen Euroraum. Griechenland wurde im Euroraum zu teuer, da durch den Eurobeitritt die Preise massiv gestiegen sind. Deshalb verlor Griechenland seine Industrien (Kleidung, Schuhe, Fahrräder,....) an das Nachbarland Türkei, an China usw. Griechenlands Politiker, ja Europas Politiker haben es nicht geschafft erfolgreich gegen den verschärften Effekt der Faktorpreisangleichung im Euroraum anzukämpfen. Die Lösung ist die eigene Währung, die abgewertet werden kann. Der GREXIT ist Teil der LÖSUNG - nicht das Problem Auf jeden Fall sollten Athens Schulden in die neue Währung umgewandelt werden und zusammen mit der neuen Währung inflationiert werden.
.paco77. 14.06.2015
4. Wie die Last mitschleppen wenn dann danach wieder schneller laufen kann!!
Damit würde doch der Euro noch stärker wenn man Griechenland rausschmeißen würde!siehe mal die Holdings an die ihre unprofittale Tochterfirmen aus der Konzerne rausschmeiße und die Aktienkurse wieder steigen!(Daimler mit Chrysler,BMW mit Rover...)
winki 14.06.2015
5. Ran an das Vermögen der Superreichen
Dann sind die Schulden bezahlt. So einfach geht das. Warum macht das niemand?
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