Gefahr von Grexit und Brexit Wir verspielen Europa

Die Griechen können sich per Referendum aus dem Euro wählen, die Briten über einen EU-Austritt abstimmen: Europa droht auseinanderzubrechen - weil wir alle uns zu wenig dafür einsetzen.

Anti-EU-Graffito in Athen: Das Europa der Egoisten
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Anti-EU-Graffito in Athen: Das Europa der Egoisten

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Zwischen all den Bildern und Berichten über Bötchenfahren auf der Spree, Winken und Fähnchen schwenken und Kleider-Analysen ging beim Besuch der Queen in Deutschland ihr wichtigstes Anliegen fast unter: Setzt die Einheit Europas nicht aufs Spiel! So lautete die zentrale Botschaft von Königin Elizabeth II. in ihrer Ansprache beim Staatsbankett vergangene Woche in Berlin.

Viele sahen den Besuch der Queen als teure Show-Veranstaltung für eine aus der Zeit gefallene 89-Jährige, die in ihr Amt als Staatsoberhaupt lediglich hineingeboren wurde und in einem demokratischen System nichts mehr verloren hat. Aber ausgerechnet eine Monarchin macht deutlich, wie fragil unser politisches System ist und wie hilflos die demokratisch gewählten Politiker angesichts der Probleme wirken.

Das Klein-Klein der Reformdebatten und Schuldzuweisungen, all die griffigen Schlagzeilen in den Medien verdecken, worum es jetzt wirklich geht: Ob die über Jahrzehnte gewachsene Idee eines vereinten Europas wegen einiger Milliarden Euro und politischer Ideologien vom Tisch gewischt wird - oder ob die europäischen Ideale von Zusammenhalt und Entgegenkommen wirklich gelebt werden.

  • Griechenland drohen der Staatsbankrott und ein chaotisches Ausscheiden aus der Eurozone.
  • Die Briten sollen in einigen Monaten über den Verbleib in der EU abstimmen.
  • Eine gemeinsame europäische Strategie für den Flüchtlingsansturm über das Mittelmeer ist nicht in Sicht.
  • Die Geheimdienst-Ausspähungen haben die USA und Europa einander entfremdet, während
  • Russland an einer undurchsichtigen Expansionsstrategie arbeitet.

Wo bleibt der aufrüttelnde Appell der Politiker?

Elizabeth II. klingt wie eine lebenserfahrene Großmutter, wenn sie all den demokratisch gewählten Politikern in diesen Krisentagen aufzeigt, was sie aufs Spiel setzen. "Wir haben unseren Kontinent in unserem Leben von seiner schlechtesten, aber auch von seiner besten Seite kennengelernt", sagte sie während des Banketts an Bundespräsident Joachim Gauck gewandt. "Wir haben erlebt, wie schnell sich die Dinge zum Guten wenden können. Wir wissen aber auch, dass wir uns ernsthaft anstrengen müssen, die positiven Veränderungen in der Welt seit dem Krieg zu erhalten."

Keiner der europäischen Staatenlenker hat bislang einen ähnlich aufrüttelnden Appell vorgetragen, der eine langfristige europäische Vision umreißt. Aber spiegelt die politische Elite damit nicht nur unser aller Trägheit wider? "Die junge Generation ist mit sich selbst im Reinen und unbeschwert im Umgang mit Altersgenossen in Europa, wie dies nie zuvor der Fall war", sagte die Queen in Berlin.

Das klingt positiv. Aber darin steckt auch eine große Gefahr. Alle touren selbstverständlich mit dem Auto ohne Grenzstopp quer durch Europa. An den Euro haben wir uns gewöhnt, und er ist ja auch praktisch. Unbekümmert erkunden Studenten über das europäische Austauschprogramm Erasmus das Uni-Leben im Ausland. In Brüssel regiert diese etwas ominöse EU-Kommission, aber die eigene Regierung achtet schon drauf, dass Deutschland nicht zu kurz kommt.

Wir haben ein Europa der Egoisten

Je größer der Wohlstand ist, desto selbstverständlicher wird er. Und desto argwöhnischer wird er verteidigt.

Jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir uns alle fragen müssen, was uns Europa wert ist und was wir investieren wollen: Können wir ein paar Monate in Spanien Betriebswirtschaftslehre und angewandten Hedonismus studieren und einfach darüber hinwegsehen, dass die einheimischen Studenten dort nach ihrem Abschluss kaum Jobchancen haben? Dürfen wir uns über den günstigen Urlaub in Griechenland freuen und darauf setzen, dass die Leute dort ihren Schuldenschlamassel selbst lösen? Können wir für unsere eigenen Interessen offene Grenzen verlangen, aber bitte nicht für Flüchtlinge und Einwanderer?

Alle sorgen sich, dass sie mehr geben als nehmen. Aber vielleicht müssen wir nun alle etwas geben, um nicht alles zu verlieren.

Als ich die Rede der Queen las, musste ich an ein Gespräch mit meinem Großvater denken. Er war zwei Jahre älter als die Königin. Erst kurz vor seinem Tod erzählte er, was er als junger Wehrmachtssoldat in Russland erlebt hatte. Und stets trug er diese Angst in sich, dass irgendwann wieder ein Krieg kommt. Aber Opa, sagte ich dann. Schau doch mal dieses Europa an. Wie soll denn hier so eine Feindschaft entstehen? Er sagte: So arglos darfst Du nicht denken.

Inzwischen weiß ich, was er meinte.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Maria Marquart ist Redakteurin im Wirtschafts-Resssort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Maria_Marquart@spiegel.de



insgesamt 413 Beiträge
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Diskutierender 29.06.2015
1. Im Gegenteil
Wir würden Europa verspielen, wenn sich die EU immer weiter von einer dreisten Griechischen Regierung an der Nase herumführen lässt. Ein Europa, in dem ein Land prasst und Schulden macht, um sich dann von anderen Ländern retten zu lassen, ist der Supergau für die Solidarität. Wir verspielen Europa, wenn immer mehr Gleichmacherei erfolgt, und die individuellen Kulturen der Länder und Regionen Europas in einem Bürokratischen Einheitsbrei untergehen. Meines Erachtens haben wir zur Zeit ein zuviel an Europa. Weniger Europa, aber dennoch mit einem sinnvollen Mass an Kooperation der Nationen, würde definitiv mehr Europa bedeuten, da ein solches Europa von den Menschen akzeptiert würde.
syracusa 29.06.2015
2. vielleicht ist die EU doch zu groß
Vielleicht ist die EU doch zu groß? Insbesondere die Osterweiterung hat uns doch Mitglieder eingebrockt, die weder an der großen Idee des europäischen Friedensprojekts EU interessiert sind, noch an den Grundwerten, auf denen diese EU aufgebaut sein soll. Die interessieren sich alleine dafür, dass sie möglichst hohe Zuwendungen aus der EU erhalten, und dass ihr Prekariat in den reichen EU-Staaten arbeiten darf. Vielleicht sollten wir zur Kern-EU aus D,F und Benelux zurück kehren und die Sache mit etwas mehr Verstand neu aufbauen.
heavenstown 29.06.2015
3. Wer ist der Egoist?
Wenn ich mir die aktuellen Kommentare so ansehe dann ist derjenige der Egoist der jahrelang gezahlt hat und nun plötzlich Nein sagt. Der Empfänger durch die großzügigsten Hilfszahlungen über seine Verhältnisse lebte nennt nun die plötzlichen Neinsager Egoist. Seltsam!!!
obelix236 29.06.2015
4. Sozialromantik
Alle EU-Staaten sind Egoisten und wollen nur das Beste für sich selbst. Die anderen Länder sind ihnen völlig egal oder warum gibt es für Großbritannien Sonderkonditionen in der EU? Jeder pickt sich nur die Rosinen heraus und keiner denkt an ein Gesamteuropa. Der Euro war eine fürchterliche Fehlkonstuktion. Solange jedes Land seine eigene Wirtschaftspolitik verfolgt, braucht man veränderbare Wechselkurse. Das wussten alle Wirtschaftexperten, nur die dummen Politiker, die von Wirtschaft keine Ahnung haben, meinten der Euro würde Europa vereinen. Der Euro eint nicht, sondern treibt uns in den Bürgerkrieg. Schafft ihn endlich ab!
de vriend 29.06.2015
5. Europa ist größer
Europa ist größer als die EU und der Euro nicht der Kitt der Europa zusammenhält. Sollte Griechenland zum Drachmen zurückkehren heisst da etwa dass Griechenland kein europäisches Land mehr ist? Nein, nur kein Euro-Club Mitglied mehr - wie Dänemark, Schweden, GB etc. Und die Angst vor einem Referendum wie GR oder UK - sonst wird doch immer die Demokratie hochgehalten - wird Basisdemokratie ermöglicht, hat man Angst das Volk entscheidet sich gegen die Politik sind wir jemals gefragt worden ob wir den Euro oder die EU wollen?
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