Anti-Tsipras-Protest in Griechenland: Vom Bauernheld zum Bauernfeind
Griechenland Die Bauernopfer
Es ist noch gar nicht so lange her, dass Solon Karbougioukis den Politiker Alexis Tsipras verehrte. Die Bilder vom jetzigen griechischen Ministerpräsidenten, der auf einen Traktor klettert und lautstark das Ende der Sparpolitik fordert, die die Landwirtschaft "vernichte", hatten Karbougioukis überzeugt, Syriza zu wählen.
Aber das war im Jahr 2013. Tsipras war damals noch eine Führungsfigur der linken Opposition, ein Heißsporn, der versprach, für die "gerechte Sache" der Bauern zu kämpfen. Heute, als Regierungschef, will Tsipras ein Gesetz durchfechten, das die Privilegien der Bauern beschneiden, ihren Steuersatz verdoppeln und die Beiträge zur Sozialversicherung verdreifachen würde. Im Februar wird das Parlament über das Gesetz abstimmen. Es ist Teil eines ganzen Bündels an Maßnahmen, mit dem die Regierung allein in diesem Jahr 1,8 Milliarden Euro sparen will.
Karbougioukis, ein Pfirsichbauer aus dem Dorf Ziza nahe der makedonischen Stadt Pella, fühlt sich betrogen. "Tsipras hat uns getäuscht. Ich dachte, er stünde auf unserer Seite. Aber er ist wie all die anderen Politiker", sagt der 38-Jährige.
Die Regierung in Athen verweist hingegen darauf, dass 80 Prozent der 350.000 griechischen Bauern in ihrer Steuererklärung ein Einkommen von weniger als 5000 Euro im Jahr angeben - was kaum glaubhaft ist. Es sei nun an der Zeit, dass die Landwirte auch ihren Beitrag leisteten, fordert die Regierung.
Pfirsichbauer Karbougioukis (r.): "Ich dachte, Tsipras stünde auf unserer Seite"
Foto: Giorgos ChristidesDamit wirft sie den Bauern indirekt Steuerbetrug vor. Die weisen das entschieden zurück, auch Karbougioukis. Er ist einer von Tausenden Bauern, die sich an diesem Donnerstag nach Thessaloniki aufgemacht haben. Die Polizei spricht von mehr als zehntausend, die Veranstalter von 30.000 Teilnehmern. Sie blockieren das Stadtzentrum mit Hunderten Traktoren - just zur Eröffnung der Landwirtschaftsmesse und dem Besuch von Agrarminister Vangelis Apostolou.
Tsipras in der Zwickmühle
Die Traktor-Demo ist der vorläufige Höhepunkt der seit Wochen andauernden Bauernproteste in ganz Griechenland. Mehrfach haben die Landwirte mit ihren Traktoren Haupt- und Fernstraßen blockiert. Weitere 1500 Traktoren parken nun an diesem Donnerstag an Straßenkreuzungen im Großraum Thessaloniki - jederzeit bereit, den Verkehr der Stadt nach Belieben lahmzulegen.
Nur einige hundert Meter von der Kundgebung entfernt, an der malerischen Strandpromenade, protestieren andere: Fischer haben dort ihre kleinen Kähne festgemacht, an jedem wehen schwarze Fahnen. Die mehr als 20.000 Beschäftigten in der griechischen Fischindustrie sind genauso von der Reform betroffen wie die Bauern.
Stavros Kalakinos steuert sein kleines Fischerboot jeden Tag von der Hafenstadt Katerini in den Thermaischen Golf und trotzt dabei den Elementen ebenso wie den omnipräsenten Delfinen, die ihm den Fang streitig machen. Er ist schon sein ganzes Leben Fischer, sagt der 41-Jährige. "Aber ich muss mein Leben auf See aufgeben, wenn sie dieses Gesetz beschließen. Ich habe drei Kinder - woher sollen sie dann genug zu essen bekommen?"
Fischer Kalakinos: "Wird das Gesetz verabschiedet, muss ich aufhören"
Foto: Giorgos ChristidesWie wird Tsipras auf die massiven Proteste reagieren? Der Regierungschef hat sich offen für Gespräche mit den Bauern gezeigt. Aber eine Einigung scheint kaum möglich. Tsipras kann keine Kompromisse eingehen, die ein positives Urteil der Geldgeber über die Umsetzung des vereinbarten Sparprogramms gefährden. Die Bauern ihrerseits wollen noch nicht einmal mit der Regierung reden, solange die das Gesetz nicht kassiert.
Am Donnerstagnachmittag eskalieren die Proteste in Thessaloniki. Bauern versuchen eine Polizeikette zu durchbrechen, die Sicherheitskräfte setzen Tränengas ein. Etwa hundert Bauern gelingt es, mit ihren Traktoren die Zufahrt zur Landwirtschaftsmesse zu blockieren. Für den Donnerstag wird die Eröffnung abgesagt. Der Minister aus Athen muss unverrichteter Dinge wieder abreisen.
Den Bauern, so sieht es Karbougioukis, bleibt nur eines: "Kampf bis zum Tod - entweder des Gesetzes oder unserer Existenz".
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