Finanzkrise in Griechenland Als die Euro-Scheine vom Himmel kamen

Sparer in Panik, Banker in Aufruhr, das Land kurz vor dem Euro-Austritt: Ein neuer Bericht der griechischen Zentralbank zeigt, wie knapp das Land am Kollaps vorbeischrammte. In der Not musste sogar die Luftwaffe Geld aus dem Ausland einfliegen.
Notenbanker Provopoulos (r.), Nachfolger Stournaras: "Schlaflose Nächte"

Notenbanker Provopoulos (r.), Nachfolger Stournaras: "Schlaflose Nächte"

Foto: Saitas Pantelis/ dpa

Ein einziger leerer Geldautomat hätte womöglich gereicht, um das System ins Chaos zu stürzen. Die Sparer hätten die Banken gestürmt, die Wirtschaft wäre zusammengebrochen, Griechenland hätte den Euro verlassen müssen. Ein Horrorszenario.

Zwischen 2010 und 2012 stand das Land offenbar gleich mehrmals kurz vor diesem Punkt. Das jedenfalls geht aus einem neuen Buch der griechischen Zentralbank hervor - und wird von mehreren Bankern bestätigt.

"Unsere Anweisungen waren einfach: Was immer auch passiert, sorgt dafür, dass die Geldautomaten gefüllt sind", berichtet ein hochrangiger griechischer Banker SPIEGEL ONLINE. "Es braucht nur einen leeren Geldautomaten, selbst im abgelegensten Dorf, um eine Panik auszulösen."

Der Banker, der nicht namentlich genannt werden möchte, bezieht sich vor allem auf die dramatischen Wochen im Frühjahr 2010, als viele Experten den Bankrott und den Euro-Austritt Griechenlands vorhersagten. Beinahe hätten diese Prophezeiungen sich selbst erfüllt.

Panikattacken der Sparer

"Die Leute waren damals in Panik", erinnert sich der Banker. "Sie wurden getrieben von echten Ängsten und haarsträubenden Gerüchten, die von der sogenannten Drachme-Lobby gestreut wurden." Diese Lobby habe sich nichts sehnlicher gewünscht, als den Euro-Austritt Griechenlands.

Laut Daten der griechischen Zentralbank gab es gleich mehrmals Bargeldengpässe. Zwischen Februar 2010 und Juni 2012 überschritten die wöchentlichen Abhebungen elf Mal die Eine-Milliarde-Euro-Marke. Zum Vergleich: Vor der Krise lagen die durchschnittlichen Abhebungen bei 112 Millionen Euro - und zwar pro Monat.

Besonders dramatisch wurde es laut der Notenbank in drei Situationen:

- Ende März 2010 hoben die Griechen zwei Milliarden Euro in einer Woche ab. Damals machten Gerüchte über eine baldige Staatspleite die Runde.

- Kurz darauf, im April, wurde das erste Rettungspaket für das Land geschnürt. Die Sparer hoben in dieser Woche weitere 1,5 Milliarden Euro ab.

- Unmittelbar vor den Wahlen im Juni 2012 verließen sogar drei Milliarden Euro die Banken. Um für Nachschub zu sorgen, waren damals 147 Lkw im Einsatz.

Zentralbankchef Giorgos Provopoulos versuchte damals, die Lage zu beruhigen und versicherte den Sparern, sie müssten sich keine Sorgen machen. Mittlerweile redet er offener über die schwierige Zeit. "Es war ein Alptraum. Wir hatten viele schlaflose Nächte, weil wir nicht wussten, mit welcher Währung wir aufwachen würden", sagte Provopoulos. "Wir fürchteten das Schlimmste und bereiteten uns auch darauf vor."

Konkret hieß das: Die Banken schoben Überstunden, um die Bargeldversorgung zu gewährleisten. Ein Manager einer staatlichen Bank sagte SPIEGEL ONLINE, er habe damals die Order gehabt, so viele Leute wie möglich davon zu überzeugen, ihr Geld bei der Bank zu lassen.

Hilfe vom Himmel

Immer wieder mussten die Mitarbeiter Gerüchte widerlegen - etwa das, wonach deutsche Banken keine griechischen Euro mehr akzeptierten. Wenn Kunden trotz der Beruhigungsversuche dennoch größere Beträge verlangten, mussten die Banker manchmal mit Hinhaltetaktiken arbeiten.

"Wenn ein Kunde zum Beispiel 10.000 Euro abheben wollte, sagten wir ihm, er solle am nächsten Tag oder in der nächsten Woche wiederkommen", erzählt einer. "Dann haben wir unsere Vorgesetzten über die gestiegene Nachfrage informiert und gehofft, dass das Geld rechtzeitig ankommt."

Auch die griechische Zentralbank reagierte mit ungewöhnlichen Mitteln. Zunächst erhöhte sie ihre Bargeldreserven, und als auch das nicht ausreichte, rief sie andere Zentralbanken der Euro-Zone zu Hilfe. Die Hilfe kam vom Himmel, mit C130 Militärtransportern, die drei Mal Bargeld aus Österreich und Italien brachten.

Glaubt man dem Buch, dann ging es dabei zu wie in einem Hollywood-Film: Die Flugzeuge landeten geheim auf dem Athener Militärflughafen Elefsina, gepanzerte Fahrzeugen und Polizeieskorten brachten die Geldscheine, in Kisten verstaut, in die staatliche Druckerei. Dort wurden die Scheine über Nacht geprüft und in den frühen Morgenstunden in den Banken verteilt - rechtzeitig vor der Schalteröffnung.

Tatsächlich gab das nächtliche Licht in der Druckerei damals Anlass zu Spekulationen. Im Frühjahr 2010 ging das Gerücht um, dort würden Drachmen gedruckt.

Mittlerweile hat sich die Lage wieder stabilisiert - nur deshalb können die Notenbanker heute überhaupt über die dramatischen Monate reden. Von den 87 Milliarden Euro, die bis Juni 2012 abgehoben wurden, sind immerhin 15 Milliarden zurückgekommen. Die Einlagen haben sich seit dem Tiefpunkt um rund elf Prozent erhöht.

Notenbanker Provopoulos hat am 20. Juni seinen letzten Tag als Zentralbankchef. Sein Nachfolger wird der ehemalige Finanzminister Yannis Stournaras. Provopoulos hat bereits angekündigt, er wolle dann Urlaub machen - zum ersten Mal seit vier Jahren.