Ochi-Folgen "Die Euro-Gruppe wird keinen Kniefall vor Athen machen"
Ökonom Sinn: "Sprung in die eigene Währung wagen"
Foto: imagoAlexander Kritikos, Forschungsdirektor am DIW:
"Die griechische Bevölkerung hat sich mit eindeutiger Mehrheit gegen den letzten Reformvorschlag ihrer Gläubiger gewandt. Damit ist der Reformansatz der vergangenen fünf Jahre endgültig gescheitert. Der griechische Ministerpräsident hat versprochen, dass er eine Einigung mit den Gläubigern innerhalb von 48 Stunden für möglich hält. Einen ersten Schritt in diese Richtung ist er mit dem akzeptierten Rücktritt seines Finanzministers bereits gegangen."
Hans-Werner Sinn, Präsident ifo-Institut:
"Griechenlands Staat ist nach der offiziellen Feststellung des Rettungsschirms EFSF insolvent, und da er insolvent ist, sind es auch die Banken, mit denen er vielfach verbunden ist. Griechenland sollte nun den Sprung in die eigene Währung wagen. Die Drachme sollte sofort als virtuelle Währung eingeführt werden, in die alle Kontrakte des Landes einschließlich der Schuldkontrakte mit Ausländern umgewandelt werden. Das würde die Solvenz des griechischen Staates und der griechischen Banken wieder herstellen."
Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise:
"Es handelt sich um einen Pyrrhus-Sieg, der in einem Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft und einer humanitären Katastrophe zu enden droht. Natürlich muss man die Entscheidung der Griechen akzeptieren, aber die Griechen können nun einmal nicht über die Steuergelder anderer Euroländer bestimmen. Die Verhandlungsposition der Griechen hat sich keineswegs verbessert. Ganz im Gegenteil ist mit langwierigen Verhandlungen zu rechnen."
Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz:
"Die Wiederaufnahme der Verhandlungen dürfte sich äußerst schwierig gestalten. Jetzt ist die griechische Regierung gefordert, einen Vorschlag zu machen. Aus Sicht der Geberländer muss eine unabdingbare Voraussetzung für neue Verhandlungen sein, dass eine begründete Aussicht besteht, dass Griechenland in absehbarer Zeit einen Haushaltsausgleich bewirken kann und Wege zur Modernisierung des Staatswesens und der Wirtschaft findet. Wenn Griechenland kein überzeugendes Konzept vorlegt, dann ist ein Grexit vorgezeichnet."
Marcel Fratzscher, Präsident DIW:
"Die Wirtschaft Griechenlands wird in den kommenden Monaten in eine noch tiefere Depression abgleiten, die Arbeitslosigkeit weiter steigen und soziale Verwerfungen sich weiter verstärken. Der Ausblick für eine Einigung über ein neues Hilfsprogramm ist mit dem Referendum deutlich schlechter geworden. Ich erwarte in den kommenden Wochen einen kompletten Zusammenbruch des griechischen Bankensystems, und die Einführung von staatlichen Schuldscheinen, also von einer Parallelwährung zum Euro."
Thomas Gitzel, VP Bank:
"Für die Eurozone brechen schwere Zeiten an. Die Regierung von Alexis Tsipras wird mit breiter Brust nach Brüssel fahren und dort neue Forderungen stellen. Die Euro-Gruppe wird aber keinen Kniefall vor Athen machen. Die Fronten sind also verhärteter denn je."
Nikolaus Heinen, Deutsche Bank:
"Nach dem Referendum ist der Weg zu neuen Finanzhilfen für Griechenland erstmal versperrt - die Euro-Gruppe wird sich keinen Schritt auf die Regierung Tsipras zubewegen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen möchte. Die nächsten Wochen werden für Griechenland von hoher Unsicherheit geprägt sein - verlässliche Prognosen sind kaum möglich."
Jürgen Michels, Chefvolkswirt Bayern LB:
"Die Euro-Gruppe wird sich Verhandlungen sicher nicht verschließen. Die Frage wird sein: Was wollen die Griechen herausholen? Wie groß soll etwa der angestrebte Schuldenschnitt sein? Tsipras wird mit geschwellter Brust in die Verhandlungen gehen. Die Euro-Gruppe hat die Wahl: entweder das Gesicht zu verlieren und nachzugeben oder den Grexit zu riskieren und unbekanntes Terrain zu betreten."
Holger Schmieding, Berenberg Bank:
"Damit ist das Risiko eines Grexits erheblich gestiegen. Ein Ende mit Schrecken ist möglich. Ein Kompromiss mit dieser Regierung ist für die Eurozone schwer auszuarbeiten. Die Regierung hat die Wirtschaft so gelähmt, dass der Finanzbedarf von Griechenland von Woche zu Woche steigt. Das macht es den Gläubigern sehr, sehr schwer, etwas anzubieten, das ausreichen könnte. Mit einem steigenden Finanzbedarf und einer Regierung, die das alte Programm abgelehnt hat, ist kaum ein neues Paket machbar, das sowohl die Gläubiger als auch das Volk gutheißen."
Dennis J. Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft:
"Dieses Nein ist hoch gefährlich. Es besteht nun die große Gefahr, dass das Land durch wirtschaftliche Verwerfungen zum Austritt aus dem Euro oder gar der EU gezwungen wird. Das könnte das Land zu einem Hort der Instabilität an der Außengrenze Europas werden lassen - etwa in Bezug auf die Nato, die Flüchtlingspolitik und viele andere Themen. Das kann niemand wollen. Deshalb muss es wieder zu Verhandlungen kommen - auch wenn die nun sehr schwierig werden. Der griechischen Regierung muss trotz des Nein klar sein, dass es ohne Verzicht auf Souveränität und ohne den Willen zu Reformen im Land keine Hilfen wird geben können.