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03. Juli 2015, 09:49 Uhr

Griechenland-Referendum

Mit diesen Grafiken macht Syriza Wahlkampf

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Die Griechen stimmen am Sonntag über die Sparpläne der Geldgeber ab. Die Tsipras-Regierung wirbt mit speziellen Grafiken für ein Nein: Sie zeigen die desaströsen Folgen der Wirtschaftskrise. Die Daten sind geschickt gewählt.

Je näher die Volksbefragung in Griechenland über die Reformforderungen der Geldgeber rückt, desto emotionaler wird der Kampf um die Wählerstimmen: Es ist viel von Würde die Rede, die das griechische Volk zurückerlangen müsse, von Unterwerfung unter die Europartner, die enden müsse, von Ultimaten, denen sich zu beugen der Stolz verbiete. Oder - von der anderen Seite - vom Todesstoß, den ein Nein zu einem Abkommen der griechischen Wirtschaft versetzen würde.

Regierungschef Alexis Tsipras droht indirekt, sein Finanzminister Gianis Varoufakis ganz offen mit Rücktritt, sollten die Griechen mehrheitlich mit Ja stimmen - also gegen die Empfehlung der Regierung. Eher würde er sich den Arm abschneiden, als ein Abkommen ohne Schuldenschnitt für sein Land zu unterschreiben, schwor Varoufakis. In den Straßen Athens blickt der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble grimmig von Plakaten, darauf der Spruch: "Fünf Jahre lang hat er euer Blut getrunken, jetzt sagt Nein zu ihm."

Die konservative Opposition kramt indessen ihre Wahlkampfvideos aus dem Winter noch einmal hervor, in denen sie für einen Syriza-Sieg scheinbar hellseherisch die Apokalypse beschwor, die nun vermeintlich einzutreten beginnt: Kapitalkontrollen, Versorgungsengpässe, das Euro-Aus, der endgültige Absturz.

Die Umfragen zeigen, wieso beide Seiten derart aufgeladen argumentieren: Es sieht nach einem knappen Ergebnis aus, die anfangs hohe Zustimmung zu einem Nein - die Empfehlung der Regierung - ist binnen weniger Tage arg zusammengeschmolzen. Eine aktuelle Befragung ergibt gar eine Mehrheit für ein Ja zu den Forderungen der Geldgeber.

Umso wichtiger ist es für die Regierung Tsipras, nicht nur diejenigen zu mobilisieren, die die Gläubiger und ihren Sparkurs ohnehin aus vollem Herzen ablehnen. Sie muss auch diejenigen Bürger in der politischen Mitte überzeugen, die sich weniger von Emotionen als von Fakten leiten lassen.

Für diese Klientel hat die Regierung auf einer eigens eingerichteten Referendum-Website einige Infografiken gestellt - selbstverständlich auf Griechisch, aber auch in einer englischen Version. Sie sollen auf einen Blick begreifbar machen, wie sich das Land seit 2010 - dem Beginn der von den Geldgebern erzwungenen Reformen - in wichtigen Bereichen entwickelt hat: Arbeitslosigkeit, Gesundheit, Armut.

(In dieser Fotostrecke finden Sie die Infografiken der griechischen Regierung und einen Faktencheck.)

Die Aufstellung zeichnet selbstverständlich ein düsteres Bild der Lage - was nicht einmal die prominentesten Vertreter der Geldgeber bestreiten würden. So leitete Kanzlerin Merkel ihre Rede vor dem Bundestag am Mittwoch damit ein, dem griechischen Volk ihr Mitgefühl auszudrücken. Und ebenso selbstverständlich hat die Regierung Fakten ausgewählt, die den ökonomischen und sozialen Niedergang belegen - und jene nicht berücksichtigt, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen.

Aber: Dennoch überzeichnet die Regierung die Entwicklung nicht. Die Fakten sind - soweit nachprüfbar - weitgehend korrekt, in einigen Bereichen hätte sie zu noch drastischeren Zahlen greifen können.

Und dennoch führen die Infografiken der griechischen Regierung in einem Punkt in die Irre: Sie implizieren, dass mit einem Ende der Troika-Politik, mit einem Nein bei der anstehenden Volksabstimmung, auch die griechische Misere enden würde. Wie das angesichts riesiger Schuldenberge und gähnend leerer Staatskassen funktionieren soll, erklären sie nicht.

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