Milliardenhilfen Griechenland pokert um neues Rettungspaket

2014 kommt das nächste Rettungspaket für Griechenland, damit rechnet die Bundesbank nach SPIEGEL-Informationen. Die Regierung in Athen bereitet sich auf harte Verhandlungen mit der Troika vor - und hofft auf Hilfe aus Washington.
Zerschlissene Flaggen der EU und Griechenlands: Fünf Jahre Rezession

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Foto: Petros Giannakouris/ AP

Athen - Die meisten Griechen sind sich sicher: Ihr Land braucht bald wieder Milliardenzuschüsse. Auch wenn sie frische Geldströme begrüßen, fürchten sie sich vor den Konsequenzen. "Neue Kredite oder ein Schuldenerlass bedeuten nur neue Sparmaßnahmen und noch mehr Elend für die Menschen. Das wissen wir inzwischen sehr gut", sagt Ioanna Polyzou. Die 23-jährige Uni-Absolventin gehört zu den vielen jungen Griechen, die der berüchtigten Statistik von 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in dem Land ein Gesicht geben.

Der SPIEGEL-Bericht, dass Experten der Bundesbank für Anfang 2014 ein neues Rettungspaket für das rezessionsgeplagte Land erwarten, hat auch in Griechenland hohe Wellen geschlagen. "Die Bundesbank zerstört das mühsam aufgebaute Bild von Griechenland als Erfolgsgeschichte und erwartet ein neues Rettungspaket", titelt die Mitte-Links-Zeitung "Efimerida ton Syntakton". Die gemäßigt konservative "Eleftheros Typos" kommentiert: "Die deutsche Zentralbank ruiniert die Wahlparty von Merkel, die sich weigert, auch nur über die Aussicht (auf neue Griechenland-Kredite - d. Red.) zu sprechen."

In politischen Kreisen waren die Reaktionen verhaltener. Das liegt auch an der Urlaubssaison. Wie die meisten Griechen gehen auch die Politiker in ihren traditionellen Sommerurlaub.

Griechische Schlagzeile: Bundesbank zerstört das Bild der Erfolgsgeschichte

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Foto: Eleftheros Typos/ frontpages.gr

Kein Spielraum für weitere Sparmaßnahmen

Athens Position bleibe klar, sagte ein hoher Beamter im griechischen Finanzministerium SPIEGEL ONLINE: Wichtigstes Ziel sei ein Primärüberschuss im Haushalt für 2013 - also mehr einzunehmen, als für alle Ausgaben außer den Zinszahlungen auf die Staatsschulden nötig ist. Dann, so die Überlegung, könnte Griechenland den Schuldendienst verringern oder einstellen, ohne auf frisches Geld von den Märkten angewiesen zu sein.

Für die ersten sieben Monate des Jahres ist das bereits gelungen: Das Land habe einen Primärüberschuss von 2,6 Milliarden Euro erwirtschaftet, sagte Vize-Finanzminister Christos Staikouras am Montag. Diese Entwicklung werde "das Verfahren in die Wege leiten" für eine Reduzierung der griechischen Schulden. Das Wort "Schuldenschnitt" nahm er nicht in den Mund. Im Hintergrund spricht aber jeder griechische Politiker davon.

Es ist kein Geheimnis, dass die Regierung von Ministerpräsident Antonis Samaras den Verhandlungen über den Schuldenschnitt nach der Bundestagswahl entgegenfiebert. Anfang 2012 haben private Gläubiger schon einmal auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet. Doch schon damals war klar: Der Effekt fiel zu schwach aus. Die Regierung erwartet nun, dass neue Gespräche mit der Troika ab Anfang September beginnen und nach der Wahl in Deutschland in die heiße Phase gehen. Die Zeitung "Kathimerini" berichtete am Sonntag, dass Samaras seine Minister bereits auf die "roten Linien" einschwört, die sie in den Verhandlungen mit der Troika ziehen sollen.

Die Regierung in Athen will darauf beharren, dass es keinen Spielraum für weitere Sparmaßnahmen gibt. Vertraute des Ministerpräsidenten sagen, er habe einen wichtigen Verbündeten gefunden: US-Präsident Barack Obama. Nach einem Treffen mit Samaras im Weißen Haus sagte Obama, dass "Sparpolitik nicht die einzige Antwort auf die Krise sein kann". Samaras' Berater sehen das als klares Zeichen, dass Washington auf eine wachstumsfreundlichere Rettungspolitik für Griechenland drängen wird.

"Positive Reaktion, ohne erhobenen Zeigefinger"

Zunächst aber bleibt ein Wachstum der griechischen Wirtschaft ein Wunschtraum: Im zweiten Quartal des Jahres fiel die Wirtschaftsleistung des Landes nach vorläufigen Berechnungen um 4,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal zurück. In den ersten drei Monaten waren es noch minus 5,6 Prozent gewesen. Griechenland erlebt das fünfte Rezessionsjahr in Folge.

Das verringert die Chancen, dass Griechenland bald auf seinen eigenen Beinen stehen kann. Viele Griechen wehren sich zwar dagegen. Sie wissen aber, dass die Hilfe aus Europa auf absehbare Zeit die einzige Rettungsanker für ihr Land bleibt.

Nikolaos Tachiaos, ehemaliger zweiter Bürgermeister von Griechenlands zweitgrößter Stadt Thessaloniki, bringt die Stimmung auf den Punkt: "Deutschland hat die Führungsposition in Europa, deswegen müssen die deutschen Politiker eine Vision entwickeln, die zu dieser Rolle passt", sagt er. "Wir schaffen es nicht allein. Griechenland wird viele Jahre lang auf die Solidarität Europas angewiesen sein. Aber wir brauchen auch eine positive Reaktion aus Berlin - am besten ohne erhobenen Zeigefinger."

Übersetzung: Alexander Demling, mit Material von dpa
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