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01. Juli 2015, 12:33 Uhr

Griechenland

So denkt die Welt über die Krise

Von , und PJ George

Verbissen ringen Griechenland und die Eurozone um einen Deal. Der Rest der Welt beobachtet das Schauspiel gebannt - und zunehmend irritiert. Der Blick aus China, den USA, Indien, Großbritannien und der Türkei.


USA

Ob Präsident Barack Obama und sein Finanzminister Jack Lew, ob Wirtschaftsnobelpreisträger wie Joseph Stiglitz und Paul Krugman: In den USA herrscht Unverständnis darüber, wie die Eurozone mit der Griechenlandkrise umgeht - allen voran über Deutschland. Zwar wird auch die Regierung in Athen in der Verantwortung gesehen, zu einer Lösung beizutragen. Und glücklich ist man über die Athener Chaos-Diplomatie eher nicht.

Aber: Aus amerikanischer Sicht ist das Beharren der Gläubiger auf einem Sparkurs in Griechenland ökonomisch unsinnig, ebenso wie das Pochen auf die strikte Einhaltung von Regeln um ihrer selbst willen. Noch weniger versteht man das Denken in nationalen Interessen innerhalb eines Währungsraums. Regelmäßig erinnert die Regierung in Washington Europa daran, dass die Krise nicht allein ein Problem Europas sei - schließlich sind die USA der wichtigste Handelspartner der EU.

In den USA ist die Erinnerung an die schweren Verwerfungen der Finanzkrise in den Jahren 2009 und 2010 noch präsent - und die Instrumente, mit denen das Land sie überwand: Neue Schulden und frisch gedrucktes Geld. Beides kurbelte die Binnenkonjunktur an - was insbesondere Griechenland dringend nötig hätte. Dementsprechend rät Paul Krugman in seiner Kolumne in der "New York Times" den Griechen zum Grexit - auch um eine unfähige Troika loszuwerden.

fdi


Türkei

Die Türkei und Griechenland - das waren einmal Erzfeinde. Doch nun bietet die Türkei dem Nachbarn Hilfe an: Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagt, sein Land sei bereit, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit Griechenland die Schuldenkrise überwinde. Man könne in den Sektoren Tourismus, Handel und Energie zusammenarbeiten.

Der türkische Oppositionspolitiker Ertugrul Kürkçü geht sogar noch viel weiter: Die Türkei könnte die ausstehende Rate Griechenlands an den IWF in Höhe von 1,6 Milliarden Euro übernehmen, schlägt der Politiker der prokurdischen Partei HDP vor. Und das Nachbarland damit vor der Pleite retten? Für die Türkei sei die Summe schnell zu stemmen, so Kürkçü. Im Gegenzug erhalte sein Land "die Freundschaft der Menschen in Griechenland", sagte er in Anspielung auf die konfliktreiche Beziehung beider Länder.

Der Gedanke an einen solchen zinslosen Kredit mag für beide Seiten charmant sein, ernsthaft erwogen wird er nicht. Die Resonanz auf Kürkçüs Vorschlag ist gleich null - weder in Ankara noch in Athen greift jemand die Idee auf. Eine Sprecherin von Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte denn auch, bislang habe die Türkei keine Kreditanfrage von Griechenland erhalten.

Anfang der Woche fiel die türkische Lira so stark wie seit drei Wochen nicht mehr - eine direkte Folge des turbulenten Wochenendes in Athen und Brüssel. Immerhin ist die Türkei für Griechenland nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg viertwichtigster Handelspartner. Langfristige Verwerfungen erwarten Analysten allerdings nicht.

Die großen türkischen Tageszeitungen berichten regelmäßig über die Krise im Nachbarland, die vor allem als Krise Europas wahrgenommen wird. Die Stimmung ist unterm Strich progriechisch, auch wenn die Meinung vorherrscht, dass die Bürger in Griechenland über ihre Verhältnisse gelebt haben und Reformen zulassen müssten - so wie es die Türkei im vergangenen Jahrzehnt auch gemacht hat.

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China

14 Prozent der chinesischen Exporte gehen in die EU - und doch fürchtet die Volksrepublik nicht nur um einen wichtigen Absatzmarkt. Schließlich ist China inzwischen ein wichtiger Investor in Europa, die Syriza-Regierung würde etwa den Hafen von Piräus gern an das chinesische Staatsunternehmen Cosco verkaufen. Zudem hält das Land eine Menge Staatsanleihen von Eurostaaten.

Das alles machte Ministerpräsident Li Keqiang den Europäern auf dem EU-China-Gipfel am Montag deutlich. "Deshalb will China Griechenland in der Eurozone sehen, und wir fordern die Geldgeber auf, bald ein Abkommen mit der griechischen Regierung zu erzielen", sagte Li in Brüssel. Und mahnte, ähnlich wie die US-Regierung: "Ob Griechenland im Euro bleibt oder nicht, geht nicht nur Europa etwas an." Es betreffe auch die weltweite Wirtschaft und Finanzstabilität.

China könnte vielleicht etwas gelassener auf die Griechenlandkrise blicken, wenn das Land nicht selbst in grundlegenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte. Die Wachstumsraten früherer Jahre sind Geschichte, die Staatsführung hat vor eineinhalb Jahren radikale Reformen proklamiert. Umso weniger Verständnis hat Peking für das zähe Ringen selbst um kleine Veränderungen in Europa.

fdi


Großbritannien

Im Vereinigten Königreich ist man zwar heilfroh darüber, das Pfund und nicht den Euro zu haben - einerseits. Andererseits ist man wirtschaftlich einfach zu stark abhängig von einer gesunden Eurozone, als dass man die Griechenlandkrise gelassen betrachten könnte. Und in einem Staat, der sich ernsthaft Gedanken über seine EU-Mitgliedschaft macht, wird natürlich auch über die politischen Verwerfungen zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone erbittert gestritten.

Das alles spiegelt sich in der öffentlichen Debatte der jüngsten Stunden: Am Montag rief Premierminister David Cameron die Regierungsspitze zum Krisentreffen. Danach war die Griechenlandkrise Thema im Londoner Parlament. Finanzminister George Osborne nannte einen möglichen Grexit "traumatisch", Großbritannien solle "das Beste hoffen, sich aber auf das Schlimmste vorbereiten". Am Dienstag legte Osborne nach: Er werde tun, was immer es erfordere, um sein Land vor den Gefahren der Griechenlandkrise zu schützen.

Zwei Zeitungskommentare vom Montag bilden die politische Debatte in Großbritannien beispielhaft ab - sie ähnelt stark der in Resteuropa: Während der konservative "Telegraph" die Schuld an der griechischen Misere vor allem der linken Syriza zuschiebt ("Linke Politik hat Griechenland dem Untergang geweiht"), sieht der Kommentator des "Guardian" die griechische Bevölkerung in einer Art Stellvertreterkampf gegen "Europas brutalen Kapitalismus".

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Indien

In Indien macht man sich auf lange Sicht eher wenig Sorgen über die Griechen, dafür umso mehr über die Chinesen. Zeitungen, Fernsehsender und Ökonomen interessieren sich stärker dafür, wie Peking seine schwächelnde Wirtschaft wieder auf Trab bringen will als für das Referendum im fernen Europa. Daran änderte auch wenig, dass der Sensex - der Leitindex der Börse in Mumbai - am Montagmorgen wegen der Griechenlandkrise ebenso abrutschte wie die Indizes im Rest der Welt. In den Berichten darüber wurde Griechenland zwar erwähnt, aber nur als einer der Gründe für die Kursverluste und eher nebenbei. Zudem erholten sich die Börsenkurse am Nachmittag wieder.

Etwas anders ist es aber in der Politik. Ein Top-Beamter im indischen Finanzministerium sagte am Montag, dass Indien indirekt betroffen sein könnte, falls es in Europa jetzt hart auf hart käme. Seine Sorge: Kapital aus dem Ausland könnte vom indischen Markt abgezogen werden. Indien und Griechenland sind wirtschaftlich kaum verflochten, aber auch einige indische Wirtschaftsverbände haben bereits davor gewarnt, dass die Exporte in große europäische Länder bei einem Aufflammen der Eurokrise zurückgehen könnten.

Der Chef der indischen Zentralbank verbreitete in der vergangenen Woche jedoch Optimismus: Indien sei gegen Turbulenzen aufgrund der Griechenlandkrise gewappnet, auch weil es hohe Devisenreserven habe.

pjg

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