Griechenlands Euro-Referendum Syriza zwischen Hoffen und Bangen

Das Referendum ist beschlossene Sache. Doch nach dem Schachzug von Premier Tsipras wird vielen Syriza-Abgeordneten erst jetzt die Tragweite der Entscheidung klar. Sie hoffen noch immer auf ein verbessertes Angebot der Gläubiger.

Von , Athen


Alexis Tsipras hat seinen Willen bekommen. Nach einer hitzigen Marathonsitzung, die mehr als 14 Stunden dauerte, hat das Parlament ein Referendum über das von Griechenlands Geldgebern vorgeschlagene Reformpaket beschlossen. Die Volksabstimmung findet in einer Woche statt, am 5. Juli.

Doch auch wenn Tsipras' Syriza-Abgeordnete gute Miene machten, hoffen viele von ihnen immer noch darauf, dass Europa ein verbessertes Angebot auf den Tisch legt - damit sie ihren eigenen Vorschlag zurücknehmen können.

Die Eskalation begann mit einer dramatischen Kabinettsitzung nach Tsipras' Rückkehr vom EU-Gipfel in Brüssel. Tsipras sei "entschlossen und wütend" gewesen, berichtete ein Regierungsmitglied nach dem Treffen. Der Premier sei während des EU-Gipfels in die Ecke gedrängt und gezwungen worden, all die von ihm vorab gezogenen "roten Linien" zu überschreiten. Er habe nur wenige Verbündete in Brüssel gehabt.

Erst Euphorie, dann Ernüchterung

Und zu Hause erwartete ihn entschlossener Widerstand von Hinterbänklern der eigenen Fraktion. Da schien es Tsipras ein guter Ausweg zu sein, die Entscheidung in die Hände des Volkes zu legen.

Am frühen Samstagmorgen richtete sich der griechische Ministerpräsident in einer Fernsehansprache an die Nation. Tsipras verkündete seinen Wunsch nach einem Referendum.

Zunächst machte sich daraufhin Euphorie bei Syriza breit. Mit einem einzigen Schachzug verhinderte Tsipras eine Konfrontation mit seiner eigenen Partei und blieb seinem Versprechen treu, kein Abkommen zu unterzeichnen, das die Austeritätspolitik festschreibt.

Aber Tsipras spielt mit einem hohen Einsatz: Als den Griechen die Tragweite der Nachricht bewusst wurde, stürmten sie die Geldautomaten, Supermärkte und Tankstellen. Stunden später musste sich Gianis Varoufakis von seinen Kollegen aus der Eurozone dann auch noch sagen lassen, dass es keine Verlängerung des aktuellen Hilfsprogramms bis zum Referendum geben werde.

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Schlangen vor Bankautomaten: Die Griechen fürchten um ihr Geld
Die EZB könnte schon am Sonntag entscheiden, dass die griechischen Banken ab Mittwoch kein frisches Geld mehr erhalten, wenn das laufende, bereits verlängerte Hilfsprogramm ausläuft. Auch wenn hochrangige Syriza-Regierungsmitglieder sagen, dass die EZB Griechenland kaum die Luft abschnüren werde - die Aussicht auf Kapitalverkehrskontrollen ist sehr konkret und einschüchternd.

Inzwischen ist bei Syriza-Abgeordneten und Regierungsmitgliedern Ernüchterung eingekehrt. Ihnen sind die Risiken bewusst geworden.

Die Partei durchläuft gerade die letzte Phase eines dramatischen Wandlungsprozesses. Ihre Anhänger haben den Glauben daran verloren, Europa radikal verändern und im Sturm erobern zu können. Sie glauben nicht länger an einer Zauberlösung. Russland wird ihnen auch nicht helfen. Moskau hat noch nicht einmal das Einfuhrverbot griechischer Aprikosen aufgehoben.

Es fällt schwer, Syrizas Abgeordnete und Minister nicht sympathisch zu finden. Die meisten von ihnen sind mit dem Leben der durchschnittlichen Griechen vertraut. Sie tragen einfache Kleidung, man kann leicht mit ihnen reden, und sie klingen ehrlich, wenn sie sagen, dass sie niemals damit gerechnet hätten, dass Europa so streng mit ihnen ist.

"Europa will Syriza nicht. Sie mögen uns nicht, obwohl wir eine proeuropäische, im Wesentlichen sozialdemokratische Partei sind", sagte ein Kabinettsmitglied. Sie haben fast ihr ganzes Leben sozialistischen Idealen angehangen und an den Fortschritt geglaubt. Aber die meisten von ihnen hatten nur wenig Regierungserfahrung.

Und nun halten sie plötzlich das Schicksal einer Nation, wenn nicht eines ganzen Kontinents, in ihren Händen. Alle kämpferischen Äußerungen können ihre Angst nicht übertünchen. Einige hoffen, dass Europa doch noch die Waffen streckt und ein verbessertes Angebot macht.

Andere lehnen einen Kompromiss ab, weil sie glauben, dass Griechenland ohne Euro besser dasteht. "Das ist eine große Welt. Griechenland wird es mit oder ohne Euro schaffen", sagte ein Anhänger dieser Sicht. Aber auch sie sehen, dass der Weg dahin schwierig wird.

Die Griechen sind mehrheitlich für den Euro

Und die Opposition? Die Pro-Euro-Parteien sehen in dem Referendum eine Chance zur Wiederauferstehung. Nachdem sie die Wahlen im Januar haushoch verloren hatten, waren sie in innerparteilichen Kämpfen gefangen. Die sozialdemokratische Pasok tauschte ihren Chef aus. Auch der Vorsitzende der konservativen Nea Dimokratia, Tsipras' Vorgänger Antonis Samaras, stand unter Druck, sein Amt aufzugeben. Jetzt können sie ihre Parteien plötzlich als Garanten dafür präsentieren, dass Griechenland den Euro behält und im Westen verankert bleibt.

Sie haben gute Aussichten, das Referendum zu gewinnen. Die Griechen sind noch immer mehrheitlich für den Euro.

Falls es überhaupt ein Referendum geben wird. Manche Experten bezweifeln, dass es binnen einer Woche organisiert und ein Abkommen mit Europa in der Nachspielzeit geschlossen werden kann. Logistisch ist es ein Albtraum.

Was kommt nun auf Griechenland zu? Ein ranghoher Minister gab eine entwaffnende Antwort: "Niemand weiß es." Gibt einen Plan B? "Das hoffe ich." Und mit ihm der Rest der EU.

Im Video: Schäuble sieht "akute Schwierigkeiten"

Übersetzung aus dem Englischen: Christoph Sydow

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Seite 1
Spiegelleserin57 28.06.2015
1. das Volk zu fragen...
ist fair. Schließlich müssen die Bürger die Folgen der Entscheidung tragen. Das wird leider von vielen Politikern immer wieder nicht berücksichtigt. Die Befragung ist die echte Demokratie, besonders auch vor dem Hintergrund der weitreichenden Folgen.
yomo 28.06.2015
2. Ja, Europa mag euch nicht - nicht mehr!
HERR, BEENDE DIESES DRAMA! Beende diesen Dilettantismus, beende diese Sandkastenspiele dieser beiden Männer, die sich stets bemüht haben aber vor Unfähigkeit und kindlichem Idealismus nur so strotzen. Herr, beende es endlich, damit wir alle endlich wieder früh morgens aufwachen können und nicht zum hundertsten Mal lesen müssen, was jeder in Westeuropa längst begriffen hat: Griechenland ist ein stolzes Land. Stolz und beleidigt, beleidigt und stolz! Ein Land, dass ständig so beleidigt ist, kann sich nicht auch noch Zeit nehmen Dinge anzupacken, die notwendig wären, denn dann hätte man ja keine Zeit mehr beleidigt zu sein.
GSYBE 28.06.2015
3. Woher
"Doch nach dem Schachzug von Premier Tsipras wird vielen Syriza-Abgeordneten erst jetzt die Tragweite der Entscheidung klar. Sie hoffen noch immer auf ein verbessertes Angebot der Gläubiger." Die Artikel mit dem Orakel- und Erklärcharakter lesen sich ja wirklich immer sehr flüssig, aber mal ganz ehrlich: Woher wissen Sie das eigentlich? Was sind Ihre Quellen? Mit wem haben Sie wann gesprochen?
obreot 28.06.2015
4. Von der Schweiz lernen
Griechenlands Kernproblem ist nicht der Euro oder die Schulden. Das Kernproblem ist, dass alle Parteien korrupt und inkompetent sind. Erst wenn Griechenland, ähnlich wie die Schweiz, von Parteien unabhäng, mit Volksabstimmungen regiert wird, dann geht es wieder aufwaerts.
jogi1709 28.06.2015
5. An unsere Politiker aus dem linken Spektrum
Habt ihr eigentlich noch rudimentären Charakter und Würde ? Ihr lobt das gr. Referendum als Ausdruck von Demokratie. Warum wehrt ihr euch dann immer, wenn bei uns eines stattfinden soll ? Was glaubt ihr wohl , wie im übrigen Europa ein Referendum über die Frage ausgehen würde, ob GR die nächsten 100 Jahre alimentiert werden soll ? Interessiert euch DE überhaupt noch oder braucht ihr es nur noch, um es auszuplündern ? Ihr widert mich an.
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