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04. Juli 2015, 11:04 Uhr

Ökonom Fuest zur Griechenlandkrise

"Das schlimmste Szenario"

Ein Interview von

Ein Nein beim Referendum am Sonntag hätte katastrophale Folgen für das griechische Volk, sagt Clemens Fuest. Der Ökonom rät auch zum Ja, damit Premier Tsipras und seine Regierung verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fuest, angenommen, Sie wären wahlberechtigt, wie würden Sie am Sonntag beim griechischen Referendum über die Reformpolitik abstimmen?

Fuest: Mit Ja. Nachdem Ministerpräsident Tsipras sein politisches Schicksal an den Ausgang der Wahl gebunden hat, wäre mein primäres Ziel, ihn und seine Regierung loszuwerden.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn sich die Mehrheit der Griechen, wie von Tsipras gewünscht, für Nein entscheidet?

Fuest: Dann wird Griechenland aus dem Euro austreten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde der Grexit ablaufen?

Fuest: Das schlimmste Szenario sieht so aus: Gleich am Tag nach der Abstimmung muss die Europäische Zentralbank ihre Notfallhilfe einstellen und auch alle bereits gezahlten Kredite zurückfordern. Die griechischen Banken sind damit auf einen Schlag insolvent. Der elektronische Zahlungsverkehr bricht zusammen; die griechische Ökonomie fällt in den Zustand einer Tausch- und Bargeldwirtschaft zurück. Die Versorgungslage verschlechtert sich dramatisch. Die Zahl der Arbeitslosen explodiert. Es droht eine humanitäre Krise.

SPIEGEL ONLINE: So schlimm?

Fuest: Ich fürchte ja. Um ihre eigenartigen Vorstellungen von Wirtschaftspolitik durchzusetzen, scheint die Regierung Tsipras offenbar bereit zu sein, ihre Bevölkerung zu opfern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ginge es weiter?

Fuest: Im Falle eines Grexits wird die griechische Regierung gezwungen sein, ihre Rechnungen mit Schuldscheinen zu begleichen. Irgendwann gibt es dann eine neue Währung, deren Wert im Vergleich zum Euro allerdings stark verfällt.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin würden sich dadurch die Exportchancen für griechische Produkte verbessern. Sie wären billig.

Fuest: Tatsächlich ergeben sich durch die Abwertung der neuen Währung Vorteile für griechische Unternehmen - vorausgesetzt, dass der elektronische Zahlungsverkehr bis dahin wieder funktioniert. Die Lohnstückkosten würden deutlich sinken. Davon würde auch die griechische Tourismusbranche stark profitieren, die derzeit darunter leidet, dass es in der Türkei günstigere Urlaubsangebote gibt. Mittelfristig würden die Vorteile allerdings teilweise durch hohe Inflation wieder aufgezehrt.

SPIEGEL ONLINE: Könnten sich die Griechen nach einem Grexit noch Importgüter wie Benzin leisten?

Fuest: Ja, aber es wird eben deutlich teurer. Bei sensiblen Gütern wie etwa Medikamenten müsste das Ausland vermutlich vorübergehend Hilfe leisten, um die Versorgung in Griechenland zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Kommt Griechenland jemals wieder auf die eigenen Beine?

Fuest: Natürlich ist das möglich, aber nicht mit einer Wirtschaftspolitik, wie sie die derzeitige Regierung betreibt. Wo kein Wille, da kein Weg.

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