Tsipras-Zweifel an Rekordwachstum Ist die griechische Statistik erneut geschönt?

Die Wirtschaft wächst in Griechenland angeblich stärker als irgendwo sonst in Europa - Oppositionsführer Tsipras wittert eine "beschämende Schönung der Statistik". Hat er recht? Der Faktencheck.
Syriza-Chef Tsipras: Statistik geschönt - oder schlicht irreführend?

Syriza-Chef Tsipras: Statistik geschönt - oder schlicht irreführend?

Foto: ANGELOS TZORTZINIS/ AFP

Hamburg - Es gibt gute Gründe, offiziellen Statistiken aus Griechenland zu misstrauen. Das ist spätestens seit November 2004 sicher. Damals kam heraus, dass Athen die Defizitzahlen jahrelang drastisch frisiert hatte, um dem Euro beitreten zu dürfen. Fast genau zehn Jahre später erhebt nun der mögliche künftige Regierungschef Alexis Tsipras erneut den Vorwurf, es gebe eine "beschämende Schönung der Statistik".

In einem Gastkommentar für das "Handelsblatt" wettert der Chef der linken Syriza-Partei knapp zwei Wochen vor der Wahl gegen die jüngsten Erfolgsmeldungen aus Griechenland. Im dritten Quartal 2014 wartete das Land nach sechs bitteren Jahren der Rezession mit dem höchsten Wachstum der ganzen Eurozone auf: Um 0,7 Prozent sei die griechische Wirtschaft gewachsen, meldete die EU-Statistikbehörde Eurostat.

Die Zahl schien wie eine nachträgliche Bestätigung der harten Auflagen für das Land. Der strikte Sparkurs und die Strukturreformen trügen endlich Früchte, erklärten viele Ökonomen und auch die deutsche Bundesregierung.

Tsipras sieht darin allerdings eine "willkürliche Verzerrung der Tatsachen": Bei den 0,7 Prozent handele es sich um das sogenannte reale Wachstum. Dieses komme jedoch nur zustande, wenn man die gesunkenen Preise mit einrechne - minus 1,8 Prozent betrug die Inflationsrate demnach. "Das Nationaleinkommen ist also gesunken", schreibt Tsipras. Seine Schlussfolgerung: Die Zahlen für das dritte Quartal 2014 bedeuteten "nicht etwa das Ende der Rezession, sondern deren Fortsetzung".

Deflation macht aus Schrumpfung Wachstum

Wie stichhaltig ist eine solche Argumentation? Tatsächlich wird das reale Wirtschaftswachstum berechnet, indem man vom nominellen Wachstum die Inflationsrate abzieht. Wächst das Bruttoinlandsprodukt in einem Land also zum Beispiel um zwei Prozent und die Inflationsrate liegt bei 1,5 Prozent, beträgt das reale Wirtschaftswachstum 0,5 Prozent.

Ist die Inflationsrate allerdings negativ - wie in Griechenland seit 2012 der Fall -, senkt sie das reale Wirtschaftswachstum nicht, sondern steigert es. Zu Recht, denn selbst mit fallenden Einkommen kann man sich mehr Güter kaufen als zuvor, wenn die Preise noch stärker gefallen sind.

Angenommen, die auch von Tsipras verwendeten Daten der griechischen Statistikbehörde Elstat sind korrekt erhoben worden (woran der australische Ökonom Bill Mitchell im Übrigen berechtigte Zweifel anmeldet ), ergibt sich folgendes Bild: Nominell, also ohne Berücksichtigung der veränderten Preise, ist die Wirtschaftsleistung in Griechenland um 1,1 Prozent gesunken. Doch zieht man die Inflationsrate von minus 1,8 Prozent ab, wird Griechenland zum Wachstumschampion der Eurozone.

Das mag ungewohnt sein - geschönt ist die Statistik deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil. Geschönt wäre die Statistik gerade dann, wenn plötzlich eine zuvor stets verwendete Berechnungsmethode geändert würde. Wenn also Veränderungen im Preisniveau bei der BIP-Berechnung plötzlich nicht mehr berücksichtigt würden.

"Statistisches Trugbild"

Rein formal mag Tsipras also im Unrecht sein. In der Sache trifft er aber durchaus einen Punkt. Denn tatsächlich ist ein reales Wachstum in einer derart ausgeprägten Deflation wie in Griechenland etwas ganz anderes als in einer Umgebung steigender Preise. Darauf weist ein Eintrag von Günther Grunert im Blog des Ökonomen Heiner Flassbeck   aus der vergangenen Woche hin.

Grund dafür sind die Schulden: Sie werden bei sinkendem Preisniveau nicht mit abgewertet. Solange die Deflationsrate höher ist als die Wachstumsrate, steigt der Schuldenstand in Relation zur Wirtschaftsleistung. Genau das ist in Griechenland der Fall.

Man kann sich das Problem anhand einer Tankstelle vorstellen, die 100 Liter Benzin zu je einem Euro verkauft und 100 Euro Schulden hat, also einen Schuldenstand von 100 Prozent des Umsatzes. Wenn nun der Benzinpreis auf 90 Cent sinkt und der Absatz auf 105 Liter steigt, also Deflation bei gleichzeitigem Wachstum, beträgt der Umsatz trotz gestiegener Absatzmenge nur noch 94,50 Euro. Der Schuldenstand in Relation zum Umsatz steigt also auf etwa 105,8 Prozent.

Dieser Effekt kann dazu führen, dass trotz realen Wachstums zunehmend mehr Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Banken wiederum vergeben noch weniger Kredite, weil ihnen dieses Risiko bewusst ist. Auf diese Weise drohen steigende Insolvenzen und eine Kreditklemme. Oder um es mit den Worten des australischen Ökonomen Mitchell auszudrücken : "Die laut verkündete Rückkehr zum Wachstum in Griechenland könnte ein statistisches Trugbild sein."

Mitarbeit: Alexander Demling
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