Griechenland-Verhandlungen Am Abgrund

Der IWF hat sein Team abgezogen, die Euro-Partner verlieren die Geduld, doch die Regierung in Athen bleibt hart. Klingt wie immer? Ist aber schlimmer: Die Diplomatie ist an ihre Grenzen gelangt. Die Gespräche laufen ins Nichts.

Endlich daheim: Alexis Tsipras bei der Wiedereröffnung des Staatssender ERT
AFP

Endlich daheim: Alexis Tsipras bei der Wiedereröffnung des Staatssender ERT

Von , Brüssel


Der 30. Juni ist dramatischer als jeder bisherige Stichtag in der Griechenland-Krise: Es ist der letztmögliche Termin, die noch ausstehenden Milliarden aus dem laufenden Rettungspaket auszuzahlen.

Dass es dazu noch kommen wird, ist zunehmend unwahrscheinlich. Am Donnerstag hat der Internationale Währungsfonds (IWF) sein Team aus Brüssel abgezogen und sprach von "wesentlichen Differenzen in entscheidenden Punkten". Auch mit der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank(EZB) scheint die griechische Regierung einer Lösung nicht näherzukommen.

Zwar wird in Brüssel in diesen Tagen eine "Brücke" immer wieder als Metapher für die Gespräche mit Griechenland verwendet, die gemeinsam überschritten werden muss. Tatsächlich scheint zwischen den Verhandlungspartnern ein Abgrund zu gähnen.

War die Stimmung nach dem kurzfristig angesetzten Treffen zwischen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Alexis Tsipras in der vergangenen Woche noch fröhlich optimistisch, sackte sie kurz darauf so abrupt ab wie die griechischen Finanzmärkte.

Hoffnungsvolles Treffen am 3. Juni: Juncker und Tsipras vor einem Abendgespräch
REUTERS

Hoffnungsvolles Treffen am 3. Juni: Juncker und Tsipras vor einem Abendgespräch

Denn nur einen Tag später sprach Tsipras vor dem Parlament in Athen von "absurden Vorschlägen" der Euro-Partner, denen er nicht zustimmen werde. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms, die Tsipras' Rede und die folgende Debatte bei einem Griechenland-Besuch verfolgte, zeigte sich regelrecht erschrocken. Den europäischen Gläubigern sei Verbitterung und wütende Ablehnung entgegengebracht worden - nach einem Kompromiss habe sich das nicht angehört.

Fernangriff: In Athen spricht Tsipras einen Tag später von "absurden Vorschlägen"
REUTERS

Fernangriff: In Athen spricht Tsipras einen Tag später von "absurden Vorschlägen"

Selbst Juncker, dessen Zugewandtheit und Kompromissbereitschaft gegenüber Griechenland die Hardliner unter den Euro-Finanzministern zusehends nervt, war sichtlich erregt: In kleiner Runde soll er regelrecht wütend geworden sein - Anrufe aus Athen ließ er abweisen. Erst ein kurzes Treffen am Rande des EU-Lateinamerikagipfels am Mittwoch konnte die Wogen glätten. Allerdings nur vorübergehend.

Fröhliche Gesichter: Die Regierungschefs suchen nach einer politischen Einigung
DPA

Fröhliche Gesichter: Die Regierungschefs suchen nach einer politischen Einigung

Der Minigipfel von Tsipras mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande kurz danach endete wieder mit einem Lächeln für die Kameras und der leeren Floskel, die Gespräche sollten "mit hoher Intensität fortgesetzt werden".

Am Donnerstag setzten sich Tsipras und Juncker erneut für zwei Stunden zusammen, doch das als gutes Zeichen zu deuten, wäre ein Fehler. Wäre alles auf dem richtigen Weg, wäre das Treffen gar nicht nötig gewesen, konnte man aus Kreisen der EU erfahren. Nach der Zusammenkunft wiederholte Tsipras die Sätze vom Vorabend, die Gespräche würden intensiviert, die verbleibenden Differenzen werde man in der nächsten Zeit überbrücken.

Letztes Treffen: Persönlichen Zwist geschlichtet, bei den Reformen weit entfernt
AP

Letztes Treffen: Persönlichen Zwist geschlichtet, bei den Reformen weit entfernt

Enttäuschung und Verärgerung hat bei den Gläubigern die Ratlosigkeit der vergangenen Wochen verdrängt. Nur die Zuversicht der Griechen scheint ungebrochen - für sie scheint es schlicht unvorstellbar, dass die Partner sie fallenlassen und sie die Eurozone verlassen müssen. Für ihre Gläubiger scheint es dagegen ebenso unvorstellbar, dass die Griechen weiterhin die ausgestreckte Hand einfach ausschlagen könnten.

Dieses gegenseitige Unverständnis zeigt: Die Tsipras-Regierung, die Euro-Partner und der IWF finden offenbar keinen Weg, wirklich miteinander zu reden. Stattdessen lassen sie es darauf ankommen, dass Griechenland unkontrolliert in die Insolvenz schlittert.

Viele letzte Chancen - Zitate zur Griechenkrise

16. Februar 2015

"Wir können diese Woche noch nutzen, aber das ist es."

Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach dem Scheitern der Verhandlungen in Brüssel Mitte Februar. Es geht um den Antrag zur Verlängerung des Hilfsprogramms.

17. Februar 2015

"Am 28., 24.00 Uhr, is over."

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) spricht über das zu diesem Zeitpunkt Ende Februar auslaufende Hilfsprogramm. Die Athener Regierung beantragt gerade noch rechtzeitig eine Verlängerung.

29. März 2015

"Es ist Griechenlands letzte Chance, der EU endlich etwas zu liefern."

Das erklärte der CDU-Außenpolitiker Elmar Brok in der "Bild" (Ausgabe Online 29. März). Zu diesem Zeitpunkt wird über das Reformpaket verhandelt - die Voraussetzung für eine weitere Auszahlungen aus dem verlängerten Hilfspaket.

15. April 2015

"Die Zeit läuft ab."

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, warnt Athen erneut ("taz"-Ausgabe vom 15. April). Zu diesem Zeitpunkt hieß es, dass bis zum 20. April eine Einigung zu einem Reformprogramm stehen müsse.

26. Mai 2015

"Die Zeit wird knapp."

Als Chef des Europäischen Rettungsschirms ESM ist Klaus Regling einer der Entscheider über neue Milliarden-Hilfen für Griechenland. Im "Bild"-Interview (Ausgabe 26. Mai) erklärte er, dass Tag und Nacht an einer Einigung gearbeitet werde.

4. Juni 2015

"Ich hab' die Faxen dicke."

Angesichts der zähen Verhandlungen übte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" am 5. Juni deutliche Kritik an der Athener Regierung.

8. Juni 2015

"Es ist nicht mehr viel Zeit, das ist das Problem."

Nach dem G7-Gipfel forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Regierung in Athen erneut auf, Reformen umzusetzen oder Alternativen vorzuschlagen. Das aktuelle Hilfsprogramm läuft Ende Juni aus.

11. Juni 2015

"Die Zeit läuft ab."

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Staatspleite Griechenlands. Gespräche zwischen den Geldgebern in Brüssel am Vorabend brachten wieder einmal keine konkreten Ergebnisse.



insgesamt 280 Beiträge
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Seite 1
doberman48 12.06.2015
1. Europa...
...wird griechenland niemals aufgeben und das durch Betreiben der Amerikaner. Diese haben kein Interesse, Griechenland fallen zu lassen und den Russen in die Hände zu spielen. Man kann sich also getrost die ganze Hysterie mit GREXIT usw. sparen. Man wird weiter Geld in das Fass ohne Boden zugunsten strategischer Interessen stecken.
jakob_kreuzfeld 12.06.2015
2.
Wenn jemand den eigenen Suizid in Kauf nimmt, um mit der Suiziddrohung Erpressung zu betreiben, dann wir man ihn nicht retten können, ohne sich erpressen zu lassen. Dem Erpressten dann hinterher den Vorwurf zu machen, der Erpressung nicht nachgegeben zu haben, um so das Leben des Erpressers zu retten, ist absurd.
Carll 12.06.2015
3. Kein Kommentar mehr
Es ist allmählich alles gesagt. Der von vielen Kommentatoren seit Jahren vorhergesagte und von unserer Alternativlosen stets bestrittene Ausgang rückt näher.
spon-facebook-1393188940 12.06.2015
4. Ich dachte immer
die Musik bestimmt derjenige, welcher fuer sie bezahlt. Offenbar nicht in diesem Fall. Erschreckend das Bild das die Europaeer abgeben: kein Mumm, keine Selbstachtung. Nicht auszudenken wie die Szenerie aussehen wuerde, wenn der in Deutschland so viel bewunderte Putin anstatt von Juncker auf der anderen Seite des Tisches sitzen wuerde! Na ja, vielleicht werden wir das ja auch noch erleben ...
Airkraft 12.06.2015
5. Diagnose:...
Diagnose: Weiter stark zunerhmender Realitätsverlust :-(
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