Griechenland im Schuldenstreit Freunde vergrault, Gegner gestärkt

In Brüssel entscheidet sich, wie es weitergeht in der Griechenlandkrise. Die Regierung in Athen hat zuvor selbst Gutmeinende vor den Kopf gestoßen. Wie sehr belasten persönliche Animositäten die Gespräche?

Griechischer Finanzminister Varoufakis, IWF-Chefin Lagarde: "Die Chefverbrecherin grüßt Sie!"
AP/dpa

Griechischer Finanzminister Varoufakis, IWF-Chefin Lagarde: "Die Chefverbrecherin grüßt Sie!"

Von , Brüssel


"Die Chefverbrecherin grüßt Sie!" So ging Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), auf den griechischen Finanzminister Gianis Varoufakis zu. Sie spielte auf den griechischen Regierungschef Alexis Tsipras an, der den IWF als kriminelle Organisation bezeichnet hatte. Lagarde nahm es mit Humor.

Die Worte fielen zu Beginn des Euro-Gruppen-Treffens am vergangenen Donnerstag, bei dem die Teilnehmer endlich einen Durchbruch in den fünf Monate dauernden Verhandlungen mit der griechischen Regierung erzielen wollten.

Nicht nur das Ziel wurde verfehlt, sogar die IWF-Chefin hatte am Ende ihren Humor verloren: "Für einen Dialog braucht es Erwachsene im Raum" - mit diesem Satz stellte Lagarde klar, dass Griechenland alle Sympathien verspielt hat. Und so gehen die Beteiligten nun in die entscheidenden Gespräche an diesem Montag beim Sondergipfel in Brüssel. Dabei geht es um alles oder nichts: Griechenlands Rettung oder Griechenlands Absturz.

Nur was hat dazu geführt, dass das Krisenland auch noch seine letzten Freunde vergraulte? Ein kurzer Rückblick.

Nach ihrem fulminanten Wahlsieg am 25. Januar wollte die Regierung der linken Syriza-Bewegung ihr Wahlversprechen einlösen: die Sparpolitik und das Reformprogramm endgültig beenden und mit den Gläubigern neue Bedingungen für finanzielle Hilfe aushandeln. Ein junger unerfahrener Regierungschef eines kleinen Krisenlandes auf der einen, mächtige Veteranen auf der anderen Seite des Verhandlungstisches.

Tsipras konnte auf Juncker und Lagarde zählen

Damals konnte Tsipras wenigstens zwei Institutionen auf seiner Seite wissen: Den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der schon häufiger die strikten Sparvorgaben kritisiert hatte und Wachstumsimpulse für die Krisenländer forderte. Und den IWF, der die Europäer schon mehrfach dazu gedrängt hat, den Griechen wenigstens einen Teil ihrer Schulden zu erlassen.

Von Anfang an aber gingen beide Seiten von vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen aus: Griechenland wollte einen Schuldenschnitt, die Gläubiger lediglich Anpassungen des Reformprogramms - sie hatten nicht mit der Entschlossenheit der Griechen gerechnet. Dabei hatte Tsipras schon vor seinem Wahlsieg das Bild vom "fiskalischen Waterboarding" für die Sparpolitik geprägt.

Schon das erste Treffen Ende Januar endete in einem Eklat: "Unser Land weigert sich, mit der Troika zu kooperieren", teilte Finanzminister Varoufakis dem extra nach Athen gereisten Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem lächelnd mit. Die Troika sei ein schäbiges, antieuropäisches Konstrukt. Dijsselbloem war fassungslos und verließ die Pressekonferenz so schnell, dass er fast vergessen hätte, Varoufakis die Hand zu reichen. Es war EU-Kommissionspräsident Juncker, der hinterher die Wogen glättete.

Der erste Eklat: Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem verlässt fluchtartig den Raum
REUTERS

Der erste Eklat: Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem verlässt fluchtartig den Raum

Eine Woche später trafen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und sein neuer griechischer Amtskollege aufeinander. Sie versuchten, freundlich zu sein, das Fazit aber war ernüchternd. "We agree to disagree", sagte Schäuble - wir sind uns einig, dass wir uneins sind. Varoufakis reichte selbst das nicht: Seiner Meinung nach war man sich nicht mal darin einig.

Schäuble glaubt, die Verhandlungen sind vergeblich

Im Wochentakt folgten entscheidende Treffen, die Zeit drängte schon damals. Mitte Februar traf sich die Euro-Gruppe in Brüssel. Varoufakis reiste ohne neuen Vorschlag an - die 18 anderen Eurofinanzminister waren sprachlos. Nur Schäuble war klar: "Solange die griechische Regierung kein Programm will, brauche ich nicht über verschiedene Optionen nachzudenken."

Dijsselbloem (l.), Varoufakis und IWF-Chefin Lagarde: Freundschaft und Misstrauen
REUTERS

Dijsselbloem (l.), Varoufakis und IWF-Chefin Lagarde: Freundschaft und Misstrauen

Die geballte Verhandlungswucht von 18 Eurostaaten, IWF, EZB und EU-Kommission auf der einen und der griechischen Regierung auf der anderen Seite führte schließlich zu einem Kompromiss. Einzig die Details der anstehenden Reformen seien noch auszuarbeiten hieß es, spätestens Ende Juni sollte es so weit sein. Die Gläubiger waren erleichtert, das alte diplomatische Spiel hatte funktioniert: Alle zeigen harten Verhandlungswillen und zum Schluss einigt man sich in der Mitte.

Es war eine gründliche Fehleinschätzung.

Es folgten Wochen voller Aufregung und Streit, bis Ende März Angela Merkel und Tsipras die Verhandlungen an sich zogen. Nach einem langen Gespräch im Kanzleramt zeigte man sich auf deutscher Seite vorsichtig optimistisch. Die beiden seien sich sympathisch, heißt es auch in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL. Dann warteten die Gläubiger geduldig auf eine Reformliste, die Anfang April tatsächlich einging - aber sie reichte nicht.

Auf dem nächsten Euro-Gruppen-Treffen in Riga platzte den Finanzministern der Kragen. Sie waren ganz undiplomatisch so verärgert über den griechischen Kollegen, dass Varoufakis nicht einmal mehr mit ihnen zum gemeinsamen Abendessen erschien.

Zwei Wochen später, gleiche Gruppe, anderer Ort, lobten die Teilnehmer "die bessere Atmosphäre" der Verhandlungen. "Auf griechischer Seite hat sich einiges getan", hatte Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem, der über ein großes Maß an Selbstbeherrschung verfügt, nach der Sitzung in Brüssel gesagt. Allein, ein Ergebnis gab es wieder nicht.

Spätestens dort hätten die Gläubiger sich darüber klar sein können, dass ihre Erwartungen nicht erfüllt werden, aber die Vereinbarung vom 20. Februar sollte nicht aufgeschnürt werden. Es war Juncker, der immer wieder dafür sorgte, dass der Gesprächsfaden nicht abriss und die Institutionen sich Schritt für Schritt den Griechen annäherten.

Abendtreffen: Griechenlands Premier Tsipras (l.) und EU-Kommissionschef Juncker
AFP

Abendtreffen: Griechenlands Premier Tsipras (l.) und EU-Kommissionschef Juncker

Schließlich aber sorgte der griechische Ministerpräsident selbst für die nachhaltigste Verstimmung: Nach einem abendlichen Treffen im Juni mit Juncker und Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem in den Räumen der EU-Kommission lobte er die Gläubiger - nur um sie tags darauf vor dem griechischen Parlament zu beschimpfen.

Jetzt ist die Ratlosigkeit deutlich zu spüren; EU-Kommission, Euro-Gruppe, IWF und EZB konnten sich offenbar monatelang nicht vorstellen, dass die Griechen es tatsächlich auf ein Ende mit Schrecken würden ankommen lassen. Den Vertrauensvorschuss hat die Regierung in Athen vollständig aufgebraucht, selbst der unerschütterlich optimistische EU-Kommissionschef Juncker gesteht im aktuellen SPIEGEL: "Ich verstehe Tsipras nicht."

Schlechte Aussichten für den Sondergipfel an diesem Montag also?

Nicht unbedingt. Neue Vorschläge aus Athen machen Hoffnung. Junckers Kabinettschef bezeichnete diese via Kurznachrichtendienst Twitter als "gute Grundlage für Fortschritte".

Das alte Spiel läuft offenbar doch noch.

Viele letzte Chancen - Zitate zur Griechenkrise

16. Februar 2015

"Wir können diese Woche noch nutzen, aber das ist es."

Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach dem Scheitern der Verhandlungen in Brüssel Mitte Februar. Es geht um den Antrag zur Verlängerung des Hilfsprogramms.

17. Februar 2015

"Am 28., 24.00 Uhr, is over."

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) spricht über das zu diesem Zeitpunkt Ende Februar auslaufende Hilfsprogramm. Die Athener Regierung beantragt gerade noch rechtzeitig eine Verlängerung.

29. März 2015

"Es ist Griechenlands letzte Chance, der EU endlich etwas zu liefern."

Das erklärte der CDU-Außenpolitiker Elmar Brok in der "Bild" (Ausgabe Online 29. März). Zu diesem Zeitpunkt wird über das Reformpaket verhandelt - die Voraussetzung für eine weitere Auszahlungen aus dem verlängerten Hilfspaket.

15. April 2015

"Die Zeit läuft ab."

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, warnt Athen erneut ("taz"-Ausgabe vom 15. April). Zu diesem Zeitpunkt hieß es, dass bis zum 20. April eine Einigung zu einem Reformprogramm stehen müsse.

26. Mai 2015

"Die Zeit wird knapp."

Als Chef des Europäischen Rettungsschirms ESM ist Klaus Regling einer der Entscheider über neue Milliarden-Hilfen für Griechenland. Im "Bild"-Interview (Ausgabe 26. Mai) erklärte er, dass Tag und Nacht an einer Einigung gearbeitet werde.

4. Juni 2015

"Ich hab' die Faxen dicke."

Angesichts der zähen Verhandlungen übte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" am 5. Juni deutliche Kritik an der Athener Regierung.

8. Juni 2015

"Es ist nicht mehr viel Zeit, das ist das Problem."

Nach dem G7-Gipfel forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Regierung in Athen erneut auf, Reformen umzusetzen oder Alternativen vorzuschlagen. Das aktuelle Hilfsprogramm läuft Ende Juni aus.

11. Juni 2015

"Die Zeit läuft ab."

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Staatspleite Griechenlands. Gespräche zwischen den Geldgebern in Brüssel am Vorabend brachten wieder einmal keine konkreten Ergebnisse.



insgesamt 209 Beiträge
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dirkschumacherowako 22.06.2015
1. Schuldenschnitt
Wenn Schuldner am Boden liegen hilft es nicht die die Schuldner in den Boden zu versenken - dort kann Mensch nicht aktiv werden. Ein Schuldenschnitt ist die einzige Option wenn den Griechen der EURO erhalten bleiben soll. Wie wäre es darüber hinaus, wenn wir (die Mitteleuropäer) die landwirtschaftlichen Produkte der Griechen einfach mal besser bezahlen würden? Und gerne auch den Urlaub uns im Schnitt 20% mehr kosten lassen würden. Das würde den Griechen auf jeden Fall helfen eine ausgeglichenere Aussenhandelsbilanz herzustellen.
Hilfskraft 22.06.2015
2. sind alles nur Menschen ...
... die möglichst professionell an die Sachen rangehen sollten. Leider hat GR Hobby-Politiker gewählt, von denen man sich nicht alles bieten lassen muß. Deren respektloser Stil sollte nicht zum Maßstab aller Länder avancieren. Wenn erst die Flodder unseren Kontinent regieren ?... oder, tun sie es bereits? ... man könnte es meinen ...
alter_nativlos 22.06.2015
3. Friede, Freude, Eierkuchen!
Politik und Presse stimmen den Steuerzahler auf den Durchbruch bei der Griechenland-Rettung ein. Ein positiver SPON-Beitrag jagt den vorgehenden. Der Jubel ist groß: Endlich hat Griechenland durchgreifende Zugeständnisse gemacht! Europa und die nächsten Wahlen sind also gerettet. Vorerst geht es ja auch nur um einen lächerlichen einstelligen Milliardenbetrag, der zur Auszahlung kommt, und von Schuldenschnitt und dritten Hilfspaket ist im Augenblick auch keine Rede. Das ist weit, weit weg (und kommt erst wieder, wenn die letzte Rate des zweiten Hilfspakets verbraucht ist. Dann folgt der nächste Akt: Solidarität mit den Griechen wird verlangt...die deutschen Erzieherinnen und Erzieher stecken mit ihren Gehaltsforderungen solidarisch zurück, die Rheinbrücken bleiben gesperrt und unsere Asylbewerber müssen weiterhin in den unzumutbaren Kasernen leben, die unsere Soldaten vor kurzem verlassen haben....bis sich ein privater Vermieter in Bayern Wohnheimplätze für € 25 oder € 35 pro Kopf anbietet. Heute Abend werde ich feststellen müssen: Die Chance eines Neubeginns der Eurozone ohne ntorische Nassauer wurde verpasst. Weitere werden folgen. Aber nun wenden wir uns erst einmal den berechtigten Sonderwürsten der Briten zu. Die sind zwar nicht in der Eurozone, aber für die EU mindestens so systemrelevant wie Griechenland.
fatherted98 22.06.2015
4. Egal...
...wie schlecht sich V + T in Brüssel, Berlin oder sonstwo verhalten haben...sie hätten ihren Gesprächspartnern auch den nackten Hintern zeigen oder noch besser auf den Tisch koten können....die Hilfen werden weiterlaufen...weil: Alternativlos!!!
berns 22.06.2015
5. Es geht nur um eines.
Die Kritiker der momentanen griechischen Regierung wollen die linke Regierung schwächen. Deshalb machen sie ständig diese Regierung schlecht und deshalb wollen sie Griechenland auch nicht helfen. Nur die Angst, im Falle des Ausscheidens aus der EU von Griechenland kein Geld mehr erpressen zu können, bremst Merkel & Co. Es ist ein ganz übles Spiel.
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