Griechenland und der IWF Lagardes ultimatives Risiko

Die Griechenland-Verhandlungen stecken fest. Athen erwägt, die nächste Kreditrate an den IWF zu verschieben. Für den Währungsfonds und seine Chefin würde das einen herben Autoritätsverlust bedeuten.
Lagarde mit Griechenlands Finanzminister Varoufakis: Krach in der Leitung

Lagarde mit Griechenlands Finanzminister Varoufakis: Krach in der Leitung

Foto: Virginia Mayo/ AP/dpa

Was in einem Telefonat zweier Politiker wirklich geschieht, wissen in der Regel nur ganz wenige Eingeweihte. Die Medien bekommen anschließend meist nur diplomatisch-nichtssagende Floskeln serviert.

So geschehen auch nach dem letzten Telefongespräch von Christine Lagarde, der Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras. Am Mittwoch voriger Woche war das: "Sie führten eine konstruktive Unterhaltung", sagte IWF-Sprecher Bill Murray anschließend - die bei sowas übliche Platitüde.

In Wahrheit krachte es in der Leitung: Tsipras soll Lagarde schon da um Aufschub bei der nächsten Ratenzahlung des IWF-Milliardenkredits an Griechenland gebeten haben, nachdem es die letzte Rate noch pünktlich überwiesen hatte. Das Gesuch blieb aber ohne Erfolg - denn jetzt wurde aus der privaten Bitte eine sehr öffentliche Drohung.

Wenn bis 9. April kein Geld fließe, müsse er "um Verständnis" bitten, "dass wir die 450 Millionen Euro an den IWF nicht pünktlich zahlen werden", sagte Innenminister Nikos Voutsis dem SPIEGEL am Mittwoch, während er über die x-te Reformliste verhandelte. Das solle "im Einverständnis geschehen, damit kein Zahlungsausfall eintritt".

Wie ernst ist Voutsis' Androhung eines Zahlungsaufschubs?

Eine dreiste Provokation - zumal Griechenlands jüngster Schritt die Krise kaum beenden dürfte: "Da ist wirklich kein Fleisch dran", kritisierte ein Verhandlungsbeteiligter die Reformliste im "Wall Street Journal". "Sie ist bei Weitem nicht so detailliert, wie sie sein muss."

Unklar blieb denn vorerst auch, wie ernst Voutsis' Androhung eines Zahlungsaufschubs zu nehmen war. Athens Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis spielte sie gleich wieder als "letzten Ausweg" herunter: Die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland seine IWF-Verpflichtungen nicht erfüllen werde, "liegt bei Null", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Denn das wäre nicht nur ein klarer Verstoß gegen die IWF-Satzung, ein politischer Affront, wie ihn sich noch nie zuvor ein Land erlaubt hat. Sondern auch eine Entwicklung, die weder dem Fonds gut zu stehen käme noch der nicht erst seit der Eurokrise immer lauter kritisierten Lagarde. Griechenland bringt diese Brüche nun vollends zutage.

Frankreichs Ex-Finanzministerin ist schon seit ihrem IWF-Amtsantritt 2011 umstritten. Sie ist eine Juristin, keine Ökonomin, und manche sprachen ihr von Anfang an - und bald nicht mehr nur unter der Hand - die Fähigkeit ab, die globalen Wirtschaftskrisen managen zu können.

Ein hauseigenes IWF-Papier griff Lagardes Linie bereits voriges Jahr an. Ebenso das Independent Evaluation Office, die interne Watchdog-Abteilung, die die Rolle des Fonds in der gesamten Eurokrise prüft.

Verspielt der IWF seinen Status als Vorzugskreditgeber?

Lagardes Team sei bei Griechenland bestenfalls zu optimistisch gewesen, so der jüngste Vorwurf. "Sie klammern sich an die Fiktion, dass noch nie jemand mit dem IWF in Zahlungsverzug kam und dass es deshalb auch hier nicht geschehen wird", orakelte der frühere IWF-Vizechef Desmond Lachman schon im Februar in der "Financial Times".

Der Ökonom Peter Doyle, ebenfalls ein IWF-Alumnus und scharfer Lagarde-Kritiker, legte jetzt nach: Lagardes "unschlüssige" Haltung zu Griechenland, befand er auf seinem Blog, offenbare "die dauerhafte Abdankung des IWF". Die Krise enthülle "die institutionelle Schwäche des IWF", sekundierte der Finanzier Giannis Koutsomitis auf Twitter.

Nervosität macht sich inzwischen auch im Glas- und Betonpalast des IWF unweit des Weißen Hauses breit - bis nach oben. "Die Risiken des griechischen Programms sind enorm", warnte vor der letzten Zahlungsfrist der brasilianische Ökonom Paulo Nogueira Batista, der elf Staaten im IWF-Direktorium vertritt. Es wirke nicht wie eine Rettung Griechenlands - "sondern wie eine Rettung der privaten Gläubiger Griechenlands, hauptsächlich Finanzinstitutionen in Europa." In einem TV-Interview präzisierte er das: "deutsche und französische Banken."

Verspielt der IWF mit dem Griechenland-Debakel seinen Status als Vorzugskreditgeber der Welt? Wie wichtig solche Fragen seien, wurde IWF-Sprecher Murray jetzt gefragt. "Wir sind der Kreditgeber letzter Instanz", sagte er stoisch. "Wir gehen die ultimativen Risiken ein."

Griechenland könnte sich als das ultimative Risiko zu viel entpuppen.

Zusammengefasst:

Griechenland droht, fällige Schulden an den IWF nicht fristgerecht zurückzuzahlen. Das wäre ein politischer Affront, wie ihn sich noch nie zuvor ein Land erlaubt hat. Die Entwicklung kommt weder dem Weltwährungsfonds noch seiner Chefin Christine Lagarde gut zu stehen. Ihre Linie gerät zunehmend in die Kritik.

Mitarbeit: Giorgos Christides

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Adonis Georgiadis als Athens Regierungssprecher zitiert. Das ist falsch. Georgiadis ist Oppositionspolitiker. Das Zitat stammt von Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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