S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Der Schuldenschnitt kommt in jedem Fall

Gebärden sich die Griechen bei den Verhandlungen mit ihren Gläubigern als rücksichtslose Zocker? Nein, im Gegenteil, sie argumentieren bewundernswert stringent: Ohne Schuldenschnitt kann es keine sinnvolle Einigung geben.

Aus deutscher Sicht gibt es zwei Lösungen der Griechenland-Krise. Entweder verlieren wir die ganzen 80 Milliarden Euro an Griechenland-Krediten. Oder wir verlieren nur einen Teil davon. Es ist die offizielle Position der Bundesregierung, dass sie unbedingt alles verlieren will. Es verbleiben jetzt nur wenige Wochen, in der wir die bislang größte deutsche Lebenslüge des 21. Jahrhunderts korrigieren können.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie tief diese Lebenslüge in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Es wundert mich nicht, dass Angela Merkel in den Jahren 2010 und 2012 die Griechenland-Krise mit unrealistischen Auflagen unter den Teppich kehrte. Erstaunlicher ist, dass ihr heutiger Regierungspartner, die SPD, dem nichts entgegensetzte. Merkel hat sich mit dem Griechenland-Kredit verzockt, und keiner sagt etwas.

Griechenland droht der unausweichliche Bankrott

Griechenland braucht einen Schuldenschnitt. Aber wenn Sie über das Thema mit Sozialdemokraten reden, dann kommt immer die Antwort: Das sehen wir im Prinzip genauso, nur können wir das in Deutschland nicht thematisieren. Das Einzige, was gehe würde, wäre eine Verlängerung von Laufzeiten und eine Reduzierung von Zinsen, weil man dann den impliziten Schuldenschnitt einer solchen Aktion nicht sieht.

Wenn Schulden nicht nachhaltig sind, dann kommt es immer und überall zum Schuldenschnitt. Genau dort stehen wir jetzt. Griechenland bewegt sich auf den unausweichlichen Bankrott zu. Die griechische Regierung kann zwar noch weitere Haushaltseinsparungen vornehmen, braucht aber unbedingt einen expliziten Schuldenschnitt, damit das funktioniert. Das Mindeste wäre ein verbindliches Versprechen, über einen solchen zu verhandeln. Wenn Merkel die Griechen wirklich im Euro halten will, dann muss sie genau das tun. Sie wird damit zugeben müssen, dass ihre bisherige Euro-Rettungspolitik gescheitert ist.

Vizekanzler Sigmar Gabriel hat im Übrigen unrecht mit seiner Bemerkung, dass die griechischen Spieltheoretiker die Zukunft des Landes verzockt hätten. Ich glaube dem griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis seine Aussage, dass er, der Spieltheoretiker, schon recht früh zu dem Schluss gekommen sei, dass die Spieltheorie in diesen Verhandlungen nicht anwendbar sei. Die Griechen spielen mit offenen Karten. Das ist es ja gerade, was die Verhandlungspartner so irritiert. Die Griechen sagten im Februar: keinen Deal ohne Schuldenschnitt. Und sie sagen genau dasselbe auch jetzt noch. So wie einst Martin Luther stehen sie da und können nicht anders.

Was die ganze Sache kompliziert, ist falsche Moral. Nur in der deutschen Sprache haben die Wörter "Schulden" und "Schuld" dieselbe sprachliche Wurzel. Es wäre einfacher, die Dinge beim Namen zu nennen, anstatt sie mit Werturteilen zu befrachten. Deutschland hat einen Kredit an Griechenland vergeben und sollte sich jetzt wie ein rationaler Kreditgeber verhalten, in dem es den Barwert dieses Kredits maximiert. Wenn sich die Insolvenz des Kreditnehmers abzeichnet, dann handelt der Kreditgeber rational, wenn er auf einen Teil des Geldes verzichtet und so die Insolvenz und damit den Totalausfall seiner Forderung vermeidet. Ob das technisch über eine Verlängerung der Laufzeiten funktioniert, über eine Abschreibung der Forderungen oder andere Finanztricks, ist im Grunde genommen egal. Wenn Kreditgeber und -nehmer rational agieren, sollte eine Einigung immer möglich sein.

Wir hängen im Netz unserer eigenen Märchen fest

Wenn sie sich nicht einigen können, handelt zumindest eine Seite irrational. Denn welcher Gläubiger will schon den gesamten Zahlungsausfall riskieren, wenn er einen Teil seiner Schulden retten könnte?

Was erklärt diese Irrationalität? Aus meiner Sicht sind es die Lügenmärchen, die wir uns seit Jahren immer wieder erzählen: dass der Euro so stark ist wie die Mark, dass eine Währungsunion auch ohne einen gemeinsamen Haushalt funktionieren kann und dass die Griechen ihre Kredite zurückzahlen. Wir hängen jetzt im Netz unserer eigenen Märchen fest.

Die eine Wahrheit ist, dass die Währungsunion zerbricht oder eine Fiskalunion erzwingt. Die andere Wahrheit ist, dass die Griechen pleite sind. Und eine dritte Wahrheit ist, dass der Schuldenschnitt kommt, so oder so.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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