Aussagen über Schäuble Varoufakis fühlt sich mal wieder falsch verstanden

Griechenland hat eigentlich genug Sorgen. Das Land muss sich dringend mit seinen Geldgebern einigen. Finanzminister Varoufakis schlägt sich allerdings mit den Folgen seiner Aussagen über Wolfgang Schäuble herum.

Gianis Varoufakis: Irritationen nach E-Mail-Interview
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Gianis Varoufakis: Irritationen nach E-Mail-Interview


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Gerade erst hat Gianis Varoufakis noch Hoffnung auf eine baldige Einigung im Streit um das griechische Reformprogramm gemacht. Nun sieht sich Griechenlands Finanzminister wieder bemüßigt, das Verhältnis zu seinem deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble zurechtzurücken. Denn Aussagen von Varoufakis werden als Angriff auf Schäuble gedeutet.

Varoufakis hat der Wochenzeitung "Die Zeit" für ein großes Dossier über Schäuble ein paar Fragen beantwortet - per E-Mail, wie die Zeitung schreibt. Sie wollte wissen, wie Varoufakis über seinen deutschen Kollegen denkt: Er sei gespalten, zitiert die Zeitung Varoufakis: "Da ist ein Gefühl von Ehrfurcht, wenn man eine solche Legende trifft, einerseits. Und gleichzeitig ein starker Wille, Schäubles Sichtweise auf die Probleme Europas etwas entgegenzusetzen. Es ist frustrierend, dass wir nicht in einem anderen Zusammenhang miteinander sprechen können, in dem Argumente mehr zählen als relative Macht." Und dann fasst der Autor die Varoufakis-Aussage in eigenen Worten so zusammen: "Kurz gesagt: Schäuble ersetze sachliche Argumente durch politische Macht."

Die Nachrichtenagentur dpa kommt auch zu dieser Einschätzung. Sie zitierte die Sätze von Varoufakis in der "Zeit" und schrieb, dieser halte Schäuble im Streit über die Schuldenkrise vor, sich auf seine politische Macht zu stützen und nicht auf Argumente.

"Die Zeit" fragte Varoufakis auch, ob Schäuble aus seiner Sicht Fehler bei der Analyse der Lage in Griechenland mache. "Ja, das tut er", zitiert die Zeitung den griechischen Minister. "Er setzt die früheren Regierungen Griechenlands mit dem griechischen Volk gleich, als spiegelten sie den Charakter aller Griechen wider", wird Varoufakis zitiert. "Und er erkennt nicht, wie hilfreich es für die Mainstream- Nordeuropäer wäre, eine Übereinkunft mit einer Bewegung wie Syriza in Griechenland zu erzielen."

Aus dem Bundesfinanzministerium gab es zu Varoufakis' Interview nur einen schmallippigen Kommentar. "Ich glaube nicht, dass dem Minister und seinem Denken und Handeln hier Denkfehler zugrunde liegen", sagte Schäubles Sprecherin Friederike von Tiesenhausen.

Varoufakis selbst reagierte in seinem Blog auf die veröffentlichten Zitate. Einige seiner Aussagen seien von Medien "verzerrt" wiedergegeben worden, schrieb er und fügte hinzu: "So ist das eben in diesen Tagen." Welche Medien er genau meint, erklärte er nicht.

Varoufakis veröffentlichte in seinem Blog drei auf Englisch verfasste Fragen und Antworten. Sie sollen seinen Angaben zufolge den Dialog zwischen ihm und der "Zeit" wiedergeben.

Vergleicht man die Übersetzung der "Zeit" mit den von Varoufakis dokumentierten Antworten, fallen keine groben Übersetzungs- oder Interpretationsfehler auf. Auch die Deutung, Varoufakis werfe Schäuble vor, er stütze sich mehr auf Macht als auf Argumente, ist bei Betrachtung der englischen Zitate zulässig.

Euro-Gruppen-Chef rechnet nicht mit baldiger Einigung

Die Veröffentlichung der Zitate und Varoufakis' Reaktion via Twitter und in seinem Blog spiegeln die verfahrene Situation zwischen Athen und den Geldgebern wider. Denn während Varoufakis noch am Dienstag Aussicht auf eine baldige Einigung machte, klingt es von der Euro-Partnern anders.

Bundesfinanzminister Schäuble schließt auch eine griechische Staatspleite nicht mehr aus. In einem Interview des "Wall Street Journal" und der französischen Zeitung "Les Echos" sagte Schäuble auf die Frage, ob er seine Zusicherung von Ende 2012 wiederholen würde, dass Griechenland nicht zahlungsunfähig werde: "Ich müsste sehr genau darüber nachdenken, bevor ich das in der gegenwärtigen Situation wiederholen würde." Mit der im Januar gewählten griechischen Regierung sei die Lage inzwischen ganz anders.

Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem machte deutlich, dass sich vor Pfingsten nach seiner Einschätzung keine Lösung im Schuldenstreit abzeichne. Er halte es für unwahrscheinlich, dass noch in dieser Woche eine Einigung der Geldgeber mit Griechenland erzielt werde, sagte er der Tageszeitung "De Telegraaf" zufolge. Beim EU-Osteuropa-Gipfel am Donnerstag und Freitag in Riga gehe es um andere Themen. Bei den Gesprächen mit Griechenland in Brüssel würden aber Fortschritte gemacht, sagte er dem niederländischen TV-Sender RTL. "Ich sage das aber mit aller Vorsicht."

Zugleich drohte ein Syriza-Vertreter in Athen mit einem Zahlungsstopp. Parlaments-Fraktionssprecher Nikos Filis von der linken Syriza-Partei sagte im griechischen Fernsehen ANT1, Griechenland werde die nächste IWF-Rate am 5. Juni nicht zahlen, falls es nicht vorher zu einer Einigung mit den Geldgebern komme und Geld in die Staatskassen fließe.

Immerhin: Offenbar machen sich Menschen auch noch Gedanken darüber, wie man sich einigen könnte. Laut der griechischen Zeitung "Kathimerini" schlägt Athen eine Banken-Transaktionssteuer vor. Für jede Banktransaktion von mehr als 500 Euro würde danach eine Steuer zwischen 0,1 bis 0,2 Prozent erhoben. Dies könnte je nach Höhe der Steuer zwischen 300 und 600 Millionen Euro in die Staatskassen spülen, hieß es.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

Der Widerstand gegen den Reformkurs bleibt groß. Ab Januar 2016 blockieren griechische Bauern aus Protest gegen die geplante Rentenreform und Steuererhöhungen wochenlang Straßen, Bahnschienen und Grenzübergänge im ganzen Land. Anfang Februar kommt es zu einem mehrtägigen Generalstreik.

Für Griechenlands Bonitätsnoten ging es lange nur abwärts. Am 22. Januar 2016 aber kommt die Rating-Agentur Standard and Poor's zum Schluss, Griechenland erfülle weitgehend die Reformauflagen. Die Bewertung des Landes wird von B- auf CCC+ erhöht.

Die Proteste vor dem Parlament bleiben vergeblich: Am 8. Mai wird ein weiteres Sparpaket verabschiedet. Es ist mittlerweile das dreizehnte und hat ein Volumen von 5,4 Milliarden Euro.

Im Oktober 2016 bricht der seit langem schwelende Streit zwischen dem Internationalen Währungsfonds und den europäischen Geldgebern wieder auf. IWF-Chefin Christine Lagarde macht weitere Schuldenerleichterungen für Griechenland zur Bedingung für eine Beteiligung am dritten Kreditprogramm, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lehnt dies ab. Eine Einigung misslingt, der IWF beteiligt sich letztlich nicht mehr finanziell - obwohl dies eine wichtige Voraussetzung für die Zustimmung des Bundestags war.

Am 18. Mai 2017 verabschiedet das griechische Parlament ein neues Sparpaket. Es beinhaltet weitere Rentenkürzungen und Steuererhöhungen. Gegen die Beschlüsse protestieren die Gewerkschaften mit einem Generalstreik protestiert, vor dem Parlament kommt es zu Ausschreitungen.

Im September 2017 wird deutlich, dass Griechenland auch nach dem ersehnten Ende der Hilfsprogramme nicht komplett unabhängig wird. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici stellt klar, dass das Land unter verschärfter Aufsicht bleibt, bis es drei Viertel seiner Kredite zurückgezahlt hat.

Am 21. Juni 2018 beschließen die Euro-Finanzminister die Überweisung einer letzten Zahlung über 15 Milliarden Euro sowie weitere Schuldenerleichterungen durch gestreckte Rückzahlungsfristen. "Ich denke, dies ist das Ende der griechischen Krise", sagt Finanzminister Euklid Tsakalotos. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici behauptet sogar: "Die griechische Krise ist heute Abend vorbei." Das Land ist aber noch über Jahrzehnte an Auflagen der Geldgeber gebunden - darunter das konstante Erwirtschaften von Überschüssen.

Zusammengefasst: Eine schnelle Einigung im Schuldenstreit zwischen Griechenland und den Geldgebern ist nicht in Sicht. Und der griechische Finanzminister sorgt mit Zitaten für Aufsehen, die als Angriff auf Wolfgang Schäuble gewertet werden.

mmq/dpa



insgesamt 121 Beiträge
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Gottloser 20.05.2015
1. Varoufakis
Der Spieletheoretiker, der sich in seinen eigenen Finten verliert!
ch.weichberger 20.05.2015
2. konjunktureller aufschwung
durch sparen ...da lachen ja sogar die goldfische im aquarium
maxroos 20.05.2015
3.
Dieser Hickhack ist langsam unerträglich. Meine Bank (keine Grossbank) hätte mir längst die Freundschaft gekündigt und ne Zwangsversteigerung beantragt... Schmeisst die Griechen endlich raus aus diesem Club. Oder, noch besser: Deutschland schert aus der EU aus - auch die Schweiz und Norwegen leben - oh Wunder über Wunder! - OHNE EU besser als die EU-Bürger!
PerIngwar 20.05.2015
4. Einfach mal...
Die griechischen Medien werfen Varoufakis seit Wochen seine regelrechte "Interviewsucht" vor und forderten ihn wiederholt auf, weniger Interviews zu geben und stattdessen mehr den Regierungsgeschäften nachzugehen. Da er hinterher sowieso "falsch zitiert" wurde, täte er wohl gut daran, dem Rat aus dem eigenen Land Folge zu Leisten und - ja - einfach mal....
bapon1 20.05.2015
5. Was soll das?
Varoufakis' Aussage ist nicht falsch nicht skandalös nicht überraschend. Dass Politik nur zu einem Teil mit sachlichen Argumenten zu tun hat, ist eine Binsenweisheit. Dabei ist der nichtsachliche Teil teils - Populismus - Ideologie - Persönliche Kränkungen oder Hybris. Auch und gerade bei Herrn Schäuble werden alle Faktoren angesichts des gespannten Verhältnisses eine Rolle gespielt haben.
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