Gewerkschaftsführer Vassiliadis "Ein bisschen Demut täte uns Deutschen gut"

Er ist einer der mächtigsten Gewerkschaftsführer des Landes und gilt als kluger Taktiker: IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis kritisiert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die überhebliche Haltung Deutschlands in der Griechenland-Krise und spricht über die Gefahren von Billigjobs in der Exportindustrie.

Graffiti an Häuserwand in Athen: "Ich würde da nicht den ersten Stein werfen"
REUTERS

Graffiti an Häuserwand in Athen: "Ich würde da nicht den ersten Stein werfen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Vassiliadis, Sie sind in einer deutsch-griechischen Familie aufgewachsen, Ihr Vater war Grieche. Wie empfinden Sie persönlich die Situation in Griechenland?

Vassiliadis: Die Entwicklung löst bei mir Kopfschütteln aus. Die desolate Verwaltung, das Agieren der Parteien, das ist alles sehr schlimm. Dennoch: Das Versagen der Eliten ist kein rein griechisches Problem. Andere Regierungen haben auch nicht fehlerfrei gearbeitet, auch die Bundesregierung nicht. Ich würde da nicht den ersten Stein werfen, das geht mir in Deutschland ein bisschen zu schnell.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das bei den Griechen an?

Vassiliadis: Mittlerweile hat sich der Eindruck verfestigt: Die Deutschen wollen uns nicht helfen.

SPIEGEL ONLINE: Kanzlerin Angela Merkel bleibt tatsächlich hart. Griechenland soll die Kürzungen wie versprochen durchsetzen.

Vassiliadis: Natürlich müssen alle Länder, übrigens auch Deutschland, ihre Haushalte unter Kontrolle bringen. Wir dürfen die Last der Verschuldung nicht einfach der kommenden Generation übergeben. Was mir aber immer zu kurz kommt: Wir leben davon, dass wir Wachstum haben. Wer Wachstum haben will, muss investieren. Eine Ausgabe für Investitionen ist etwas anderes als eine für Konsum. Wir müssen in Südeuropa investieren, in sinnvolle Projekte - um Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Das ist eine notwendige Debatte.

SPIEGEL ONLINE: Konkret zum griechischen Sparpaket: Sollte man das noch einmal aufschnüren?

Vassiliadis: Man sollte es ergänzen. Zumindest was die Investitionen angeht.

SPIEGEL ONLINE: Und wer soll dafür aufkommen? Etwa Deutschland, das in der Euro-Krise als größte Volkswirtschaft ohnehin schon am meisten schultern muss?

Vassiliadis: Wenn Griechenland pleitegeht, haben wir es mit ganz anderen Kosten zu tun als bisher. Dazu kommt: Der Streit über Euro-Bonds ist von gestern. Wir werden ohnehin in einer Haftungsgemeinschaft landen. Sonst wird es den Euro nicht mehr lange geben. Also sollten wir Euro-Bonds so schnell wie möglich einführen. Wir müssen aber auch diejenigen beteiligen, die die Krise maßgeblich verursacht haben. Also eine Steuer auf Finanztransaktionen einführen. Das ist nicht nur eine wichtige Geldquelle, es wäre auch ein Symbol, damit die Leute sehen, dass es gerecht zugeht.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland sollte also defensiver auftreten?

Vassiliadis: Natürlich machen wir einen guten Job. Natürlich haben wir gute Unternehmen, qualifizierte Leute und höchste Qualität. Darauf können wir auch stolz sein. Ein Grund für Überheblichkeit ist das noch lange nicht. Ein bisschen Demut täte uns gut. Wir haben eine Menge Schulden, wir haben große gesellschaftliche Themen - wie etwa die Förderung von Frauen - nicht auf den Weg gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Aber was Wohlstand und Entwicklung angeht, steht die Bundesrepublik sehr gut da.

Vassiliadis: Natürlich. Aber wo kommt der Erfolg denn her? Wir leben heute wesentlich vom Wachstum in China. Wir leben vom Wachstum in Brasilien. Wir leben vom Wachstum anderer erfolgreicher Schwellenländer. Warum? Weil wir vor allem Investitions- und Luxusgüter herstellen. Güter, bei denen die hohe Qualität gefragt ist. Darauf können wir stolz sein. Aber wenn man an morgen denkt, stelle ich mir die Frage: Wohin führt unser Spardiktat eigentlich? Wer will künftig noch unsere Produkte kaufen?

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass Deutschland sich aus der europäischen Solidarität verabschiedet?

Vassiliadis: Ja, Deutschland hat eine Verantwortung als stärkste Volkswirtschaft der EU und muss genau darauf achten, wo die europäischen Partner stehen. Es gibt überhaupt keinen Bedarf für ein Deutschland, das nur Macht demonstriert und oberlehrerhaft auftritt. Das ist in unserer Geschichte nie gut gewesen. Unsere Partner sehen uns ohnehin schon so. Vor allem, wenn wir mit so einem arrogant wirkenden Perfektionismus auftreten.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland haben die großen Gewerkschaften mit Lohnzurückhaltung auf die Finanzkrise reagiert. Mit Erfolg, würde man heute sagen. Warum werben Sie nicht bei den Gewerkschaften in Griechenland dafür, den gleichen Weg zu gehen?

Vassiliadis: Die Situation ist dort eine komplett andere. Wenn ich zu denen gehe und sage: Haltet euch doch mal ein bisschen zurück, dann halten die mich für irre. Die sind gezwungen im Öffentlichen Dienst 300.000 Leute rauszuschmeißen - innerhalb von zwei Jahren. Versuchen Sie das mal in Deutschland. Dann haben Sie hier sozialen Großkonflikt, wie wir das in Deutschland noch nicht kennen. Wir können den Griechen nicht mit so einfachen Rezepten kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sondern? Was schlagen Sie vor?

Vassiliadis: Wir müssen konkret helfen. Wer haut denn gerade ab aus Griechenland? Die Ausgebildeten, die Jüngeren. Die kommen zum Beispiel nach Deutschland. In jedem einzelnen Fall kann ich das verstehen, aber für Griechenland ist das fatal. Diese Leute muss man im Land halten, dabei müsste Deutschland die neue Regierung in Athen unterstützen. Damit schafft man auch neues Vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Anders als in Griechenland sinkt die Arbeitslosigkeit hierzulande stetig. Viele Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften. Zugleich arbeitet etwa jeder Vierte im Niedriglohnsektor. Wie passt das zusammen?

Vassiliadis: Gar nicht. Aber auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt es mittlerweile mehrere Welten. Da sind die erfolgreichen Industrieunternehmen und industrienahen Dienstleistungen. Die stellen Produkte mit hoher Qualität her und zahlen ordentlich. Danach kommt eine zweite Welt, wo es zwar nicht allen Angestellten schlecht geht, aber eine größere Unsicherheit herrscht. Die langfristige Beschäftigung ist hier nicht mehr gesichert. Und dann gibt es den prekären Markt, einfache Tätigkeiten und Dienstleistungen ohne große Qualifikation. Die findet man vor allem in gewerkschaftlich kaum erschlossenen Branchen, wo Wild West herrscht.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, in der Exportwirtschaft gibt es die guten Jobs und auf dem Binnenmarkt die prekären Arbeitsverhältnisse?

Vassiliadis: Tendenziell ist das so. Wir exportieren ja keine Billigprodukte. Die Gefahr ist jedoch: Schon jetzt erreichen die prekären Formen der Arbeit die Zulieferer. Etwa in der Autoindustrie. Diesen Prozess müssen wir schnell stoppen. Nicht nur, weil es ungerecht ist, sondern auch, weil es die Qualität bedroht. Ein Arbeiter, der jahrelang den gleichen Job macht, kennt sich natürlich besser aus, als ein Leiharbeiter, der nur für einige Monate eingesetzt wird. Mit dieser Methode verspielen wir unsere eigentliche Stärke.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste man tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Vassiliadis: Unternehmen können Leiharbeiter heute aus verschiedenen Gründen einsetzen: um Auftragsspitzen abzufangen, was sinnvoll ist. Oder sie machen das als Geschäftsmodell, also schlicht, um Lohnkosten zu sparen. Das muss man stoppen. Wir fordern deshalb von der Regierung, die Gründe für den Einsatz von Leiharbeitern wieder ins Gesetz zu schreiben. Außerdem muss es eine Befristung geben. Wenn eine Firma die überschreiten will, muss das begründet werden. Für gleiche Arbeit muss es den gleichen Lohn und die gleichen Arbeitsbedingungen geben.

SPIEGEL ONLINE: IG BCE und IG Metall haben ja bereits ein Abkommen mit der Leiharbeitsbranche erreicht. Das wollen Sie jetzt auch flächendeckend?

Vassiliadis: Wir haben gemacht, was wir mit den Mitteln der Tarifpolitik tun können. Damit ist das Problem aber noch nicht gelöst, schon gar nicht flächendeckend in allen Wirtschaftszweigen. Wir brauchen auch gesetzliche Veränderungen. Jetzt ist die Politik am Zug.

Das Interview führten Yasmin El-Sharif und Christian Teevs

insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
tatortreiniger 29.06.2012
1. Ein bisschen Demut
Zitat von sysopREUTERSEr ist einer der mächtigsten Gewerkschaftsführer des Landes und gilt als kluger Taktiker: IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis kritisiert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die überhebliche Haltung Deutschlands in der Griechenland-Krise und spricht über die Gefahren von Billigjobs in der Exportindustrie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,841506,00.html
Zitat SPIEGEL ONLINE: In Deutschland haben die großen Gewerkschaften mit Lohnzurückhaltung auf die Finanzkrise reagiert. Mit Erfolg, würde man heute sagen. Warum werben Sie nicht bei den Gewerkschaften in Griechenland dafür, den gleichen Weg zu gehen? Zitat Vassiliadis: Die Situation ist dort eine komplett andere. Wenn ich zu denen gehe und sage: Haltet euch doch mal ein bisschen zurück, dann halten die mich für irre.... Ich lach mich weg! So eine tolle Erklärung habe ich auch noch nicht gehört.
tatortreiniger 29.06.2012
2. Griechenlands Demut
Zitat von sysopREUTERSEr ist einer der mächtigsten Gewerkschaftsführer des Landes und gilt als kluger Taktiker: IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis kritisiert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die überhebliche Haltung Deutschlands in der Griechenland-Krise und spricht über die Gefahren von Billigjobs in der Exportindustrie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,841506,00.html
Zitat Vassiliadis: Wir müssen konkret helfen. Wer haut denn gerade ab aus Griechenland? Die Ausgebildeten, die Jüngeren.... Und die vielen Millionäre nicht zu vergessen...
ein-berliner 29.06.2012
3. Ein bisschen Demut...
seitens der griechischen Gewerkschaften täten gut. Als tagende Stützen der Gesellschaft haben sie zu den Turbulenzen aktiv beigetragen. Also Mund zu und Hirn an.
Olaf 29.06.2012
4.
Zitat von tatortreinigerZitat SPIEGEL ONLINE: In Deutschland haben die großen Gewerkschaften mit Lohnzurückhaltung auf die Finanzkrise reagiert. Mit Erfolg, würde man heute sagen. Warum werben Sie nicht bei den Gewerkschaften in Griechenland dafür, den gleichen Weg zu gehen? Zitat Vassiliadis: Die Situation ist dort eine komplett andere. Wenn ich zu denen gehe und sage: Haltet euch doch mal ein bisschen zurück, dann halten die mich für irre.... Ich lach mich weg! So eine tolle Erklärung habe ich auch noch nicht gehört.
Die Griechen sind eben ein stolzes Volk, von denen kann man keine Demut erwarten. Das wäre eine Beleidigung. Bei uns liegt die Sache natürlich anders. Gepflegt in prekären Arbeitsverhältnissen leben, schicke Kürzungen von Sozialleistungen und Reallohnverluste genießen und sich dann weigern anderen ihre Rechnungen zu bezahlen.
peter_30201 29.06.2012
5.
Zitat von sysopREUTERSEr ist einer der mächtigsten Gewerkschaftsführer des Landes und gilt als kluger Taktiker: IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis kritisiert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die überhebliche Haltung Deutschlands in der Griechenland-Krise und spricht über die Gefahren von Billigjobs in der Exportindustrie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,841506,00.html
ZITAT: Wir werden ohnehin in einer Haftungsgemeinschaft landen. Sonst wird es den Euro nicht mehr lange geben. Also sollten wir Euro-Bonds so schnell wie möglich einführen. ZITATENDE Schön, mit den richtigen Annahmen kann man alles belegen. Wer sagt denn, dass wir in der Haftungsgemeinschaft landen bzw. dass kein Land den Euro verlässt? ZITAT: Ein Grund für Überheblichkeit ist das noch lange nicht. Ein bisschen Demut täte uns gut. Wir haben eine Menge Schulden, wir haben große gesellschaftliche Themen - wie etwa die Förderung von Frauen - nicht auf den Weg gebracht. ZITATENDE Genau, die Förderung von Frauen kann man in einen Topf werfen mit dem blinden Ausgeben Geld anderer Leute. Ich höre immer, die Griechen fühlen sich von der EU bevormundet und wollen selber über ihre Finanzen entscheiden. Nun...genau das haben sie bis vor kurzem getan! Und genau das hat sie dahin gebracht, wo sie jetzt sind. Die Forderung ist doch eher, dass sie selber ausgeben und von der EU einnehmen wollen. Aber man kann doch ein strukturelles Defizit durch viel zu hohe Ausgaben nur deswegen durchschleppen, weil sich die Bürger daran gewöhnt haben.
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