S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Schwamm drüber

Deutschland muss dringend seine Wut auf die Griechen überwinden - und nach einer pragmatischen Lösung suchen. Nur so lässt sich zumindest noch ein Teil der Hilfskredite retten.
Grieche vor Bank: Vier Phasen der Trauer

Grieche vor Bank: Vier Phasen der Trauer

Foto: Thanassis Stavrakis/ AP/dpa

Sie kennen die vier Phasen der Trauer: die Verleugnung, die Wut, die Suche und schließlich die Akzeptanz. Angela Merkels Euro-Politik in den letzten fünf Jahren bestand in der Verleugnung der Krise. Was wir in Deutschland in den letzten Wochen und Tagen erlebten, war die Wut-Phase. In der nächsten Phase wird nach einer Lösung gesucht. Zum Schluss findet man sich mit der Lage der Dinge ab. Davon sind wir noch weit entfernt.

Reden wir also über die dritte Phase, die Lösungssuche. Damit werden wir uns nach den dramatischen Ereignissen des Wochenendes sehr bald beschäftigen müssen. Ich rede hier nicht von den Verhandlungen, die in den letzten Wochen geführt wurden. Das waren keine Verhandlungen. Das war pure Konfrontation. Und da das zweite Hilfsprogramm für Griechenland am Dienstagabend abläuft, existiert dann die Verhandlungsgrundlage eh nicht mehr.

Es geht jetzt um etwas ganz anderes: die Verhinderung eines griechischen Euro-Austritts, was für Deutschland und die anderen Kreditländer einen Totalausfall ihrer Forderungen bedeuten würde. Die knapp 90 Milliarden Euro, mit denen Deutschland insgesamt im Feuer steht, wären dann die Kosten von Merkels Krisenpolitik. Dazu kommt noch der Kollateralschaden. Der wird noch weitaus höher sein.

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Angesichts dieser Lage würden rationale Menschen den Schaden begrenzen wollen. Die einzige Möglichkeit, die es jetzt noch gibt, wäre ein verhandelter Schuldenschnitt für Griechenland ohne neues Programm, aber mit einer Refinanzierung der griechischen Banken. Mit anderen Worten: Wir müssten die Schmach über uns ergehen lassen, dass wir einem Teilverzicht unserer Forderungen zustimmen und gleichzeitig einen weiteren Kredit vergeben.

So irrsinnig, wie sich das anhört, so sinnvoll wäre ein solcher Schritt aus deutscher Sicht. Nicht aus Mitleid oder Verantwortung. Sondern aus Eigennutz. Die Betonung hier liegt auf Teil-Verzicht.

Zunächst muss man den Grund verstehen, warum der Grexit überhaupt droht. Es gibt kein Gesetz, wonach man aus dem Euro rausfliegt, wenn man seine Schulden nicht bezahlt. Der Grund liegt bei den Banken. Wenn der griechische Staat seine Schulden nicht mehr bezahlt, dann sind griechische Staatsanleihen nichts mehr wert.

Da ein großer Batzen des Kapitals der griechischen Banken aus Papieren besteht, die vom griechischen Staat garantiert sind, überträgt sich der Bankrott des Staates direkt auf die Banken. Die schleichende Kapitalflucht der griechischen Bankenkunden in den letzten Monaten erforderte bereits eine Notfinanzierung durch die Europäische Zentralbank. Diese stößt jetzt aber an ihre rechtlichen und faktischen Grenzen. Wenn die Finanzierung gedrosselt wird, droht der Zusammenbruch der Banken. Und wenn das passiert, kommt der Grexit.

Die Lösung des Problems ist relativ einfach

Glücklicherweise ist die Lösung des Problems relativ einfach. Anstatt Griechenland mit weiteren Krediten zu finanzieren, sollten wir die Banken mit frischem Kapital ausstatten. Damit meine ich nicht, dass man ihnen Geld gibt, sondern dass die EZB als Bankenaufseher die griechischen Banken unter ihre Fittiche nimmt und umstrukturiert. Die schwächsten werden dicht gemacht, die besseren umgemodelt, fusioniert, oder besser noch, mit anderen europäischen Banken zusammengebracht. Die Bankenchefs würden dann nicht mehr von der griechischen Regierung berufen.

Mit Griechenland würde man im Gegenzug einen Schuldenschnitt aushandeln. Die Schulden an den Internationalen Währungsfonds und die Europäische Zentralbank würden in längere Kredite umgewandelt. Der griechische Staat selbst würde kein neues Geld mehr erhalten. Es gäbe kein drittes Programm mehr. Die Griechen müssten sich dann nur durch ihre Steuereinnahmen finanzieren. Dazu müssten sie einen kleinen Haushaltsüberschuss einplanen, weil ihnen auf absehbare Zeit keiner mehr Geld leihen würde.

Alle würden von dieser Lösung profitieren. Um da aber hinzukommen, müssten wir jetzt langsam die Wut-Phase überwinden.

So lange sich die Bundeskanzlerin von den Instinkten des Aussitzens und des Zögerns leiten lässt, wird das nicht gehen. Auch von der SPD mit ihrer "Faxen dicke"-Rhetorik kommt gerade keine Hilfe. Die Verhandlungen müssten jetzt direkt nach dem griechischen Referendum am Sonntag beginnen, vor allem wenn die Griechen mit "Ja" abstimmen sollten, als für die Reformvorschläge der Gläubiger votieren. Wir sollten ein Ja als eine Möglichkeit begreifen, die Banken zu retten und den Grexit zu verhindern.

Ein Nein-Votum wäre schwieriger. Alles wird dann davon abhängen, ob man ein Nein als Votum der Griechen für einen Grexit interpretieren wird. Auch die Griechen gehen gerade durch die Phasen der Trauer, und auch von ihnen hängen viele in der Wut-Phase fest.

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