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Parlamentswahl: Wechselstimmung in Athen

Foto: MARKO DJURICA/ REUTERS

Wahl im Euro-Krisenland Griechenlands Prinzip Hoffnung

Griechenland wählt, alles deutet auf einen Sieg des Linksbündnisses Syriza hin. Seine Versprechen sind riskant. Doch seine Botschaft ist hoffnungsfroher als skurrile Angstszenarien der Konservativen.

Als Antonis Samaras am Samstagmittag im Zentrum von Athen erscheint, ist er sofort von einer Menschentraube umgeben. Journalisten aus aller Welt sind dabei, aber auch viele Anhänger seiner Partei Nea Dimokratia (ND). Laut Gesetz darf sich der griechische Premier so kurz vor der Wahl nicht mehr äußern. So belässt er es bei ein paar aufmunternden Zurufen, schüttelt Dutzende Hände, küsst ein Kind auf den Kopf und ist nach wenigen Minuten wieder verschwunden.

Zurück lässt Samaras einen hochgewachsenen Mann mit Halbglatze, der sehr kurzfristig zu dem Auftritt gerufen wurde. Theodoros Fortsakis war bislang Rektor der Universität Athen und ist erst seit wenigen Tagen ND-Spitzenkandidat auf einem sicheren Listenplatz. Als Samaras ihm die Kandidatur antrug, wollte Fortsakis zunächst ablehnen. "Aber dann wurde mir klar, dass ich meinen Job nicht behalten kann, falls Syriza gewinnt."

Danach sieht alles aus. In Umfragen führte das Linksbündnis um Alexis Tsipras zuletzt mit 4,4 bis 6,7 Prozentpunkten Abstand. Im Fall eines Wahlsiegs will Syriza das Universitätsrecht so ändern, dass Studenten den Rektor mitbestimmen - für Fortsakis eine unangenehme Aussicht. Er hat sich wiederholt mit linken Studentenorganisationen angelegt, was zum Teil zu handfesten Auseinandersetzungen führte. "Sie haben mich in meinem Büro eingeschlossen und manchmal drei oder vier Stunden nicht rausgelassen", erzählt er.

Doch was wird bei einem Syriza-Sieg noch passieren, außer dass ein paar Rektoren ihre Jobs verlieren könnten? Parteichef Tsipras hat unmisservständlich angekündigt, die bisherigen Sparauflagen der internationalen Geldgeber nicht länger zu akzeptieren. Im Extremfall würde das Land nicht länger mit Krediten gestützt und müsste die Euro-Zone verlassen. Vor allem wegen dieses Schreckensszenarios konnte der Konservative Samaras vor drei Jahren noch den schon damals populären Tsipras schlagen.

Diesmal dürfte der Wunsch nach Wandel stärker sein als die diffuse Angst vor dem "Grexit". Denn die meisten Griechen spüren Sparkurs und Krise schon zu lange am eigenen Leib. Auch das Gehalt von Uni-Rektor Fortsakis wurde nach seinen Angaben um rund 40 Prozent gekürzt. Der Jurist kann sich dennoch eine imposante Wohnung leisten, wo ein Dienstmädchen Getränke auf Silberuntersetzern serviert. Doch Fortsakis weiß, wie sehr viele seiner Landsleute leiden. "Es gab eine Überbetonung der Sparpolitik anstelle von Reformen," räumt er ein.

Dasselbe Prinzip wie Merkel

Fast genauso gravierend ist der Eindruck, dass Samaras die Einschnitte als reine Marionette durchsetzen musste. Dieser herrrscht spätestens vor, seitdem wenig diplomatische E-Mails der sogenannten Troika an griechische Minister bekannt wurden. Zudem versuchte der Premier ähnlich wie Angela Merkel, seine Krisenpolitik als alternativlos darzustellen - was zum Teil groteske Züge annahm.

So warb die ND mit einem Werbespot  um Stimmen, der zu dramatischer Musik das Horrorszenario eines Syriza-Siegs entwirft. Jeden Monat werden die Schlagzeilen dabei dramatischer, bis im Mai unter anderem eine Medikamente-Knappheit vermeldet wird. Das muss wie blanker Hohn für all jene Griechen wirken, die sich schon heute ihre Medizin nicht leisten können. "Die Kampagne hat sich zumindest anfangs auf Angst gestützt", räumt Fortsakis bemerkenswert offen ein.

Syriza setzte im Gegenzug voll auf Positivbotschaften, ihr Werbespot  hat das Zeug fürs Kampagnenlehrbuch. Darin steuert nach dem Syriza-Sieg zwar ein Asteroid auf die Erde zu, fliegt aber vorbei. "Die Sonne wird um 7:34 aufgehen", erzählt eine beruhigende Erzählerstimme. Eltern würden sich zwar weiterhin um die Noten ihrer Kinder sorgen, nicht aber mehr um drohende Obdachlosigkeit. Kurz: "Am 26. Januar wird Griechenland ein Land mit Hoffnung für alle sein."

Viele Griechen scheinen entschlossen, diesem Versprechen zu glauben. Warnungen vor den möglichen Konsequenzen der Syriza-Pläne, etwa von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, scheinen sie darin eher noch zu bestärken. "Jedes Mal, wenn Schäuble an die Griechen appellierte, hat Syriza ein bis zwei Prozentpunkte hinzugewonnen" sagt Dimitris Papadimoulis lachend.

Die Kräfte in Europa verschieben sich

Papadimoulis ist Europaabgeordneter von Syriza und gilt als Anwärter auf ein Ministeramt. Ähnlich wie Parteichef Tsipras mag er keine Krawatten, ansonsten will sein makelloses Äußeres aber so gar nicht zum Klischee des linken Umstürzlers passen. In der hübschen Vertretung des Europäischen Parlaments im Zentrum von Athen erklärt Papadimoulis, dass ihn nicht nur der Vorsprung in den Meinungsumfragen optimistisch stimme. Es gebe auch eine Kräfteverschiebung innerhalb Europas.

So habe es in Brüssel keinerlei Unterstützung für die Grexit-Szenarien der Bundesregierung gegeben, über die der SPIEGEL kürzlich berichtete. Auch das Anleihenkaufprogramm der EZB zeigt die beschränkte Macht der vermeintlichen Spardiktatoren in Berlin. "Brüssel und die EZB sind nicht auf derselben Linie wie Schäuble", stellt Papadimoulis zufrieden fest.

Doch selbst wenn Tsipras nach einem Sieg neue Verhandlungen über das Sparprogramm durchsetzt: Seine kostspieligen Wahlversprechen wird er niemals eins zu eins verwirklichen können. Und so bereiten gemäßigte Syriza-Vertreter wie Papadimoulis schon einmal die Annäherung an die Euro-Partner vor. "Wir wollen keine neuen Defizite oder Kredite schaffen", versichert er.

Wahrscheinlich ist aber auch, dass der ideologisch versierte Tsipras und seine Vertrauten im Gegensatz zu vielen griechischen Berufspolitikern Überzeugungstäter sein werden. "Diese Leute glauben wirklich, was sie tun", sagt ND-Kandidat Fortsakis, der mit einigen Syriza-Politikern zur Schule ging. Er meint das allerdings nicht wirklich anerkennend. "Sie sind Intellektuelle und haben kein Gefühl für die Realität."

Fortsakis muss einen Syriza-Sieg nicht nur als Akademiker fürchten, sondern auch in seinem Zweitjob als Anwalt. Seine Kanzlei vertritt ausländische Großunternehmen, darunter den chinesischen Konzern Cosco  , der Teile des Hafens von Piräus betreibt. "Sie sind sehr besorgt", sagt Fortsakis. "Ich befürchte, kein Investor wird in Griechenland bleiben."

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