Giorgos Christides

Ende des Hilfsprogramms Die Krise ist vorbei? Erzählt das mal den Griechen!

Nachdem die Überweisung der letzten Hilfsgelder an Griechenland beschlossen wurde, erklären Politiker in Athen und Brüssel die Krise für beendet. Doch das ist ganz sicher nicht das Gefühl im Land.
Straßenszene in Athen

Straßenszene in Athen

Foto: Petros Giannakouris/ AP

Die Eurofinanzminister haben gestern eine letzte, große Finanzspritze sowie weitere Schuldenerleichterungen für Griechenland beschlossen. Sie hoffen darauf, dass Griechenland nach Auslaufen des dritten Hilfsprogramms im August endlich an die Finanzmärkte zurückkehren kann und nicht länger auf europäische Unterstützung angewiesen ist.

So mancher Veteran in der Euro-Gruppe dürfte außerdem hoffen, dass er sich zum letzten Mal überhaupt mit dieser kleinen Nation beschäftigen muss. Über die vergangenen acht Jahre hat Griechenland wiederholt die Existenz der Eurozone bedroht und damit zahllose Gipfel, Treffen und Debatten beherrscht.

Nach dem Treffen beeilten sich die Verantwortlichen in Athen und Brüssel, den Durchbruch zu verkünden. "Ich denke, dies ist das Ende der griechischen Krise", sagte Finanzminister Euklid Tsakalotos. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici zeigte sich noch sicherer: "Die griechische Krise ist heute Abend vorbei", sagte der Franzose. Die EU-Kommission veröffentlichte auf Twitter sogar ein Video, mit dem "Ein neues Kapitel für Griechenland" ausgerufen wurde.

Nun, vielleicht sollte noch jemand den Griechen Bescheid sagen.

Das meistdiskutierte Ereignis aus der vergangenen Nacht war am Morgen auf griechischen Straßen, Märkten, in Büros und Cafés nicht das Treffen der Euro-Gruppe - sondern Argentiniens krachende WM-Niederlage gegen Kroatien. Und ganz sicher hatte am Freitag gar niemand das Gefühl, dass die Krise vorbei ist.

Grund zur Skepsis

Die Griechen haben Grund zur Skepsis. Nicht nur, weil ihnen schon unzählige Male ein nahes Ende der Krise angekündigt wurde. Sondern vor allem, weil die vagen Vorteile der Euro-Gruppen-Einigung in scharfem Kontrast zur Gewissheit stehen, dass Ende des Jahres neue schmerzhafte Sparmaßnahmen in Kraft treten.

"Welches Euro-Gruppen-Treffen?", fragte mich ein 76 Jahre alter Offizier im Ruhestand. "Meine einzige Sorge ist heute wie gestern, wie ich genug Geld für meine Beerdigung sparen kann." Griechische Renten sind bereits um 60 Prozent gekürzt worden. Und sie werden 2019 erneut gekürzt werden.

Die Griechen wissen nur zu gut,

  • dass die öffentlichen Schulden nach acht Jahren des Leidens höher sind als je zuvor.
  • dass Banken unter faulen Krediten ächzen.
  • dass mehr als 300.000 junge, qualifizierte Griechen ausgewandert sind.
  • dass die gesamte wichtige Infrastruktur privatisiert wurde.
  • dass die Einkommen zurück auf den Stand von 2003 gefallen sind, womit griechische Familien laut der Statistikbehörde Eurostat im untersten Zehntel der Eurozone liegen.
  • dass es ein Albtraum ist, einen Job zu finden.
  • dass 40 Prozent der Menschen hier von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind.
  • dass einer von vier Griechen unter materieller Entbehrung leidet.
  • dass einer von drei Haushalten sich keine ausreichende Heizung leisten kann,
  • und 40 Prozent nicht ihre Miete und Rechnungen zahlen können.

Und vergangene Nacht haben die Euro-Gruppen-Vertreter verkündet, dass das Land bis 2060 auf dem Pfad der Tugend bleiben muss. Richtig gehört: Bis 2060 muss Griechenland Primärüberschüsse erzielen. Das ist noch nie einem Land gelungen. Deshalb werden die Griechen entweder Finanzgeschichte schreiben oder, was wahrscheinlicher ist, der Haushalts-Zwangsjacke müde werden und Europa früher oder später um weitere Schuldenerleichterungen bitten.

In jedem Fall braucht es weit mehr als triumphale Twitter-Videos von EU-Vertretern, um irgendwen hier vom Ende der Krise zu überzeugen. Es braucht Investitionen und Lohnerhöhungen und neue Arbeitsplätze. Es braucht die Rückkehr des Gefühls, dass Griechenland wieder ein Land ist, in dem man darauf hoffen kann, zu studieren, zu arbeiten, eine Familie zu gründen. Ein Land, in dem Menschen ein würdiges Leben mit Sinn führen können.

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking
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