S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Welche Optionen Tsipras jetzt noch hat

Was kann Griechenlands Premier Tsipras in der jetzigen Krise noch tun? Auf den ersten Blick steckt er in der schwächeren Position. Aber er hält die besseren Karten - wenn er sie nur zu spielen wüsste.

Griechenlands Premier Tsipras: Wird er um fünf vor zwölf einlenken?
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Griechenlands Premier Tsipras: Wird er um fünf vor zwölf einlenken?

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Es sind noch etwa zwei Wochen bis zu Griechenlands absehbarem Staatsbankrott. Er ist abwendbar, wenn Athen die verhassten Reformen beschließt und damit die Bedingungen für die Verlängerung des Hilfspakets erfüllt. Oder wenn Deutschland und die anderen Kreditländer beide Augen zudrücken. Oder wenn wir nur ein Auge zudrücken, und wenn Griechenland die Hälfte der Reformen beschließt.

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Heft 13/2015
Wie Europäer auf die Deutschen blicken

Aber so ist es oft im politischen Leben. Der offensichtliche Kompromiss scheitert an der praktischen Politik, denn er würde den politischen Selbstmord beider Seiten erfordern.

Man kann nicht ausschließen, dass es zu der einen oder anderen Überraschung kommt. Vielleicht tut sich eine neue mysteriöse Geldquelle auf. Vielleicht spielt Wladimir Putin den weißen Ritter und führt damit die Europäer vor. Eine Allianz mit dem EU- und Nato-Vollmitglied Griechenland hätte für Putin strategische Vorteile, käuflich für nur eine kleine Summe an Geld. Vielleicht ziehen die Griechen ja noch einen Finanzierungstrick aus dem Hut, mit dem sie das Problem überbrücken. Theoretisch denkbar ist vieles. Wenn man jedoch alle Parteien beim Wort nimmt und kein Manna vom Himmel fällt, dann käme der Grexit wirklich.

Egal welches Szenario uns jetzt bevorsteht, wir sind an dem Punkt angelangt, wo es auf Symbolik nicht mehr ankommt. Ob man jetzt aus Berlin und Athen geschmeidige Töne hört, ist unwichtig. Ebenso, ob der Film mit dem Stinkefinger nun gefälscht ist oder nicht. Die Talkshows spielen auch keine Rolle mehr. Jetzt geht es nur noch darum, ob zwei Parteien in technischen Verhandlungen einen Kompromiss finden, der für beide politisch funktioniert. Vergessen Sie die Pressekonferenzen, die Worthülsen, die Floskeln! Es ist der Moment für das Kleingedruckte.

Merkel erbt den Scherbenhaufen ihrer eigenen Politik

Politiker kommen mit dem Verlust der konstruktiven Zweideutigkeit nicht klar. Angela Merkel konnte in Minsk ein kurzfristiges Stillhalteabkommen verhandeln, das kein Problem löst. Aber Schuldenkrisen kann man so nicht aussitzen. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt uns das Gegenteil. Wer versucht, eine Wirtschaftskrise zu vertuschen, merkt bald, dass die Tusche nicht hält. Auch wer glaubt, dass man dem Amtsnachfolger das Problem überlassen kann, irrt. Angela Merkel erbt den Scherbenhaufen ihrer eigenen Politik höchstpersönlich.

Wenn sie am Ende trotz freundlicher Worte Griechenland fallen lässt, dann werden wir sie an ihr wiederholtes Diktum vom Scheitern des Euro und Europas erinnern. Europa wäre damit gescheitert. Putin wird sie mit Sicherheit daran erinnern. Ich könnte mir vorstellen, dass der Euroraum einen Austritt Griechenlands formell verkraftet, in dem Sinne, dass die Krise nicht auf die Staatsanleihen von Portugal oder Spanien überschwappt. Es wird andere Probleme geben, bei einigen Banken oder Investitionsgesellschaften, die sich verzockt haben - so wie immer bei Großpleiten.

Das eigentliche Problem ist geopolitisch. Der europäische Einigungsprozess liefe zum ersten Mal rückwärts. Zum ersten Mal wäre das respektierte wirtschaftliche Entwicklungsmodell der Europäischen Union formell gescheitert. Und die Währungsunion wäre dann auch keine Währungsunion mehr, sondern ein Wechselkurssystem mit einheitlicher Währung und offenen Türen.

Tspiras hat Optionen

Was kann Tsipras jetzt noch tun? Er steckt in der schwächeren Position, hält aber die besseren Karten, wenn er sie nur zu spielen wüsste. Er könnte versuchen, sich mit einer Parallelwährung und anderen Taschenspielertricks seiner Schulden zu entledigen und trotzdem im Euroraum zu bleiben. Er muss dazu einen plausiblen Weg finden, seine Banken zu rekapitalisieren.

Er hätte die politische Option, sich mit Putin zu verbrüdern. Es war wohl kein Zufall, dass er nur wenige Stunden nach Bekanntgabe seines Treffens mit Merkel verlauten ließ, dass er sich bald auch mit Putin in Moskau treffen wolle. Tsipras spielt mit Bande - er hat die Wahl.

Die Frage, die wir alle nicht beantworten können, lautet: Was passiert, wenn er dieses Spiel verliert? Wird er um fünf vor zwölf einlenken, um eine noch größere humanitäre Katastrophe zu verhindern? Oder sieht er Vorteile für sich und sein Land, wenn er von Deutschland und den anderen formell aus dem Euro gedrängt wird?

Ich kenne sein Kalkül nicht. Beides ist denkbar. Das eigentlich Tragische an dieser Situation ist, dass es hier keine wirklich gute Lösung gibt, zumindest keine, die für Griechenland und die EU politisch und ökonomisch funktionieren würde.

insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
Inselbewohner, 23.03.2015
1. Eine Wahl?
Keiner will sein Gesicht verlieren also wird man eine Mauschelei erfinden mit dem jeder leben kann. Man darf weiter gespannt sein. Gr mit einer eigenen Währung und trotzdem in der EU? Warum nicht? Geht doch bei anderen Ländern auch oder? Gruß HP
henrikw 23.03.2015
2. Verhandlungstaktik
In einem Punkt hat Münchau Recht. Tsipras ist in einer besseren Verhandlungsposition, aber nicht weil er sich tatsächlich Putin zuwenden würde (das ist nur Verhandlungstaktik, um Druck aufzubauen), sondern weil Merkel aus verhandlungstechnischer Sicht den größten Bock überhaupt geschossen hat. Sie hat sich darauf festgelegt, dass Griechenland im Euro bleiben soll und sich somit in eine ganz schwache Verhandlungsposition begeben. "Aber so ist es oft im politischen Leben. Der offensichtliche Kompromiss scheitert an der praktischen Politik, denn er würde den politischen Selbstmord beider Seiten erfordern." Ein sinnvoller Kompromiss wäre es für beispielsweise 1 Jahr lang sämtliche Forderungen an die Griechen zu stunden aber gleichzeitig keinen weiteren Cent zu überweisen, um zu sehen ob die Griechen ihr Reformprogramm umsetzen und tatsächlich - wie von ihnen behauptet - ohne weitere Gelder auskommen können. Wenn die Wirtschaft wieder anspringt beginnt die Rückzahlung.
viwaldi 23.03.2015
3. Mal ganz ehrlich, Herr Münchau
Wenn Sie sich keinen Reim auf ein Thema machen können, - warum schreiben Sie dann eine Kolumne? "Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa" - diesen Gedanken von Frau Merkel greifen Sie auf. Aber Ihre Interpretation ist fehlerhaft. Ein Grexit ist kein Scheitern des Euro, es ist seine Stärkung und seine einzige Chance. Frau Merkel hat nie gesagt, dass ein Grexit ein Scheitern des Euro bedeutet. Das ist Ihr Kopfkino, weil Sie sich es nicht anders vorstellen wollen oder können. Und da sind wir wieder beim Anfang: weil Sie zuviele Dinge nicht verstehen, können Sie sich keinen Reim drauf machen - und keine Lösung sehen. Das ist aber Ihr Problem, nicht meins und auch nicht das von Deutschland oder der Euro-Zone. Ein Problem könnten nur werden, wenn zuviele Menschen denken wie Sie.
dieter-ploetze 23.03.2015
4. was sagt die USA dazu?
die reden da doch auch ein woertchen mit und haben schon signalisiert,dass sie griechenland aus strategischen und politischen gruenden weiterhin im euro sehen moechten. und hinter den kulissen verstehen es die USA durchaus druck auszuueben,gar zu drohen. siehe snowden asyl in deutschland. also hier entscheiden weder merkel allein noch die EU als ganzes.es kann sein,dass die entscheidung schon gefallen ist,griechenland wird gerettet,immer wieder oder endgueltig,koste es was es wolle.
Freidenker10 23.03.2015
5.
Dieses Schmierentheater wird endlos weitergehen! Europa ist zu feige den Grexit zu riskieren und die Griechen gewöhnen sich an die externen Geldquellen. Griechenland wird niemals wirtschaftlich in der Lage sein die Schulden zurück zu zahlen, weil es ausser Tourismus einfach nichts nennenswertes gibt. Noch nichtmal die Griechen selbst sind an einem Aufstieg ihres Landes interessiert, sonst würden sie ihre Steuern auch zahlen! Ich wette dass wir in 5 Jahren nch genau über den selben Mist diskutieren, nur betragen die "Schulden" ( oder Spenden ) dann 600 Milliarden Euro!
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