Griechen drohen Schuldscheine "Niemand will mit solchem Spielgeld bezahlt werden"

Griechenland steht vor dem Finanzkollaps. Wenn sich die Regierung in Athen nicht schnell mit den Geldgebern einigt, wird sie Renten und Gehälter in Schuldscheinen zahlen müssen. Auch Bankguthaben sind akut gefährdet.
Geschäfte in Athen: Schuldscheine oder echte Euros?

Geschäfte in Athen: Schuldscheine oder echte Euros?

Foto: CHRISTIAN HARTMANN/ REUTERS

Noch gibt es Hoffnung, dass Griechenland sich mit seinen Geldgebern einigt. Doch schon jetzt spüren die Bürger die angespannte Finanzsituation ihres Landes. Seit Montag vergangener Woche können sie am Geldautomaten höchstens 60 Euro pro Tag abheben, Überweisungen ins Ausland sind nicht mehr möglich. Schon diese Einschränken sind für viele Menschen hart. Doch ohne eine politische Einigung könnte es in den kommenden Wochen noch deutlich härter werden.

Wie die griechische Zeitung "Kathimerini" berichtet, bereitet sich das griechische Finanzministerium bereits darauf vor, die am Ende des Monats fällig werdenden Renten und Beamtengehälter nicht mehr in Euro, sondern in Schuldscheinen auszuzahlen, in sogenannten IOUs (vom Englischen "I owe You" - "Ich schulde dir"). Die griechische Regierung wies den Bericht als falsch zurück.

"Niemand will mit solchem Spielgeld bezahlt werden"

Sollte es wirklich so kommen, wäre das der erste Schritt auf dem Weg aus dem Euro. Die Schuldscheine würden zu einer Art Parallelwährung. Ein Rentner mit 500 Euro Rente würde dann zum Beispiel einen Schuldschein erhalten, auf denen der griechische Staat die Rückzahlung dieser 500 Euro verspricht, zum Beispiel in einem Jahr.

Im Grunde wäre das nichts anderes als eine neue Währung. Denn auch Geldscheine sind letztlich nichts anderes als Schuldscheine. Auf den britischen Pfund-Noten steht noch heute das Versprechen der Bank of England, demjenigen zum Beispiel 20 Pfund zu bezahlen, der die entsprechende Note überreicht.

Es gibt sogar historische Vorbilder, die zeigen, dass ein Schuldscheinsystem zumindest kurzfristig funktionieren kann: Zuletzt griff der US-Bundesstaat Kalifornien im Jahr 2009 zu diesem Mittel. Als der Staat wegen eines Haushaltsstreits in Zahlungsschwierigkeiten geriet, entschied der damalige Gouverneur Arnold Schwarzenegger, einfach verzinste Schuldpapiere im Wert von zwei Milliarden Dollar auszugeben. Damit wurden Steuerrückerstattungen beglichen. Als der politische Streit zwei Monate später gelöst war, zog Kalifornien die Schuldscheine einfach wieder ein und zahlte die Bürger in Dollar aus - inklusive Zinsen.

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Griechenland: Kampf um die Würde vor dem Bankschalter

Foto: Emilio Morenatti/ AP/dpa

Im Fall Griechenland wird das kaum so glatt funktionieren. Wer soll den Versprechen auf den Schuldscheinen glauben? Wer vertraut auf die Bonität der Regierung eines Landes, das praktisch zahlungsunfähig ist?

Deshalb wäre es fraglich, ob die Schuldscheine von den Bürgern, Unternehmen oder Einzelhändlern im Land überhaupt als Zahlungsmittel anerkannt würden. "Niemand will mit solchem Spielgeld bezahlt werden", schreibt Erik Nielsen, Chefvolkswirt der italienischen Bank Unicredit, in einer aktuellen Analyse. Und kein Unternehmen im Privatsektor werde die Scheine als Bezahlung für seine Produkte akzeptieren, solange es nicht von der Regierung dazu gezwungen werde.

Falls die Schuldscheine doch als Zahlungsmittel anerkannt würden, dann wohl nur zu einem deutlich geringeren Wert. Für einen Kühlschrank, der normalerweise 200 Euro kostet, würde der Händler dann zum Beispiel Schuldscheine im nominalen Gegenwert von 400 Euro verlangen - um das Risiko auszugleichen, dass sich die Schuldscheine nie in echte Euros umtauschen lassen.

Für die griechische Gesellschaft hätte das dramatische Folgen. Jene, die noch über ausreichend Euro verfügen, könnten sich vieles leisten, wer dagegen von den Schuldscheinzahlungen des Staates abhängig ist, würde faktisch verarmen.

Die Banken schlittern in die Pleite

Und das ist noch nicht alles, was den griechischen Bürgern in den kommenden Wochen droht. Auch die Banken des Landes sind so angeschlagen, dass die Ersparnisse der Kunden dort längst nicht mehr sicher sind. Wer schlau und reich genug war, hat sein Geld längst in Sicherheit gebracht. In den vergangenen Monaten flossen so Dutzende Milliarden Euro ins Ausland oder in den heimischen Tresor.

Doch die, die dabei nicht mitgemacht haben, könnte es nun richtig hart treffen. Solange es keine Einigung auf europäischer Ebene gibt, werden die Banken geschlossen und die Abhebungen stark begrenzt bleiben. Zu groß wäre die Gefahr, dass die Kunden sonst die Schalter und Automaten stürmten, um auch noch die restlichen Gelder abzuheben. Erst wenn es wieder Vertrauen in eine politische Lösung gibt, könnte man langsam damit beginnen, die Beschränkungen aufzuheben. Und das ist, wie gesagt, das positive Szenario.

Das negative geht so: Wenn Griechenland seine am 20. Juli fälligen Schulden von 3,5 Milliarden Euro bei der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht bedient, kann die EZB auch die Notversorgung der griechischen Geschäftsbanken nicht mehr aufrechterhalten. Die sogenannten Ela-Kredite würden gestrichen. Die großen Banken des Landes wären damit sofort pleite. Die griechische Wirtschaft wäre von der Euro-Versorgung abgeschnitten.

Um die Banken zu retten oder zumindest sauber abwickeln zu können, müsste die griechische Regierung neben den Aktionären und Gläubigern der Banken auch die Sparer zur Kasse bitten. Guthaben über einer bestimmten Schwelle würden gestrichen oder zwangsweise in Aktien der jeweiligen Banken umgewandelt. Faktisch eine Enteignung. Das Vorgehen wäre nicht neu. Erst vor gut zwei Jahren erging es den Kunden der großen zyprischen Banken so.


Zusammengefasst: Griechenlands Bürger leiden schon jetzt unter geschlossenen Banken und wirtschaftlicher Depression. Doch es könnte noch schlimmer werden. Sollte es keine politische Einigung mit den Gläubigern des Landes geben, müsste die Regierung in Athen ihre Staatsbediensteten bald wohl mit Schuldscheinen statt Euro bezahlen. Vielen Bankkunden droht sogar der Verlust ihrer Guthaben.

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