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04. Oktober 2017, 10:46 Uhr

Unterwegs mit griechischem Steuerfahnder

"Wenn du ehrlich bist, bist du hier fast ein Heiliger"

Von , Athen

In Griechenland gilt Steuerhinterziehung als Volkssport. Doch die Gläubiger des Landes machen Druck, endlich gegen Steuersünder vorzugehen. Ein harter Job für die Fahnder - sie "stehen kurz vor dem Kollaps".

Ein warmer, sonniger Nachmittag im Zentrum Athens. Eine junge Frau stürzt aus einer Konditorei und rennt einem Mann hinterher, der einen blauen Anzug trägt. "Lieber Herr Steuerinspektor, bitte gehen Sie nicht, ohne einen Leckerbissen probiert zu haben", sagt sie, als sie ihn erreicht, und hält ihm eine Tüte mit süßem Gebäck hin. Der Mann antwortet knapp: "Vielen Dank, aber das kann ich nicht annehmen."

Kleine Geschenke im Alltag abzulehnen gehört noch zu den einfachen Aufgaben von Thanasis Androutsos. Der 58-jährige Beamte arbeitet seit 30 Jahren im Athener Finanzamt. Sein Job: Steuerhinterzieher schnappen. Er überprüft Großkonzerne genauso wie Konditoreien, Bars und Restaurants in Athen.

Seine Arbeit ist undankbar. In der griechischen Gesellschaft sind Androutsos und seine Kollegen verpönt. Sie gelten als rücksichtslose Steuereintreiber, die vor allem die arbeitende Mittelschicht behelligen, während sie die großen Fische in der Finanzindustrie in Ruhe lassen. Griechische Medien berichten immer wieder, dass Steuerfahnder bei ihrer Arbeit unter Druck gesetzt und eingeschüchtert werden.

An diesem Tag ist Androutsos gemeinsam mit zwei anderen Steuerfahndern unterwegs, sie alle arbeiten für die 17. Athener Finanzdirektion. In den nächsten vier Stunden werden sie auf ihrer Route ein Geschäft nach dem anderen abklappern und sich dort unzählige Rechnungen, Quittungen und Belege anschauen.

Die griechische Verwaltung legt großen Wert auf die Arbeit von Androutsos und seinen Kollegen. Denn gewohnheitsmäßiger Steuerbetrug ist einer der Hauptgründe für Griechenlands finanzielle Bredouille. Es gilt bei vielen Griechen noch immer als Kavaliersdelikt. Das Forschungsinstitut DiaNEOsis schätzt, dass jährlich Steuern in Höhe von sechs bis neun Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Griechenlands hinterzogen werden. Das wären 32 Prozent aller Staatseinnahmen. Vor allem unter Selbstständigen und in der Gastronomie ist Steuerhinterziehung weit verbreitet.

"Die Wahrheit ist, dass die Steuerüberprüfungen erst seit Kurzem in Griechenland mit solch einer Akribie durchgeführt werden", sagt Androutsos. Zwar hat Griechenland in den vergangenen Jahren mehrere Reformen verabschiedet, doch bislang reicht das nicht aus, um dem Problem Herr zu werden. Es braucht Männer wie Androutsos, die kleinen Steuerbetrügern hinterherjagen. Auf den Ägäischen Inseln gab es im Sommer alleine 4.500 Steuerüberprüfungen, um die Hinterziehung von Geldern im boomenden Tourismusgeschäft einzudämmen.

Eine Cafeteria im Athener Stadtviertel Pangrati. Die Mitarbeiter von Androutsos betreten das Geschäft und alle Gäste verstummen auf der Stelle. Ein Steuerfahnder fragt einen Kunden nach seiner Quittung, doch der Wirt hat keine ausgestellt. "Das tut mir leid. Es war ein Versehen. Wir betrügen hier niemals", sagt der Besitzer unterwürfig. Die Fahnder bleiben ruhig und gelassen, trotzdem sprechen sie eine Geldstrafe aus. Die Tasse Tee, die für 2,50 Euro ohne Quittung verkauft wurde, kostet den Besitzer des Lokals 250 Euro.

Szenen wie diese zeigen: Steuerfahnder wie Androutsos haben plötzlich große Macht in Griechenland. Sie gelten als diejenigen, die über Wohl und Wehe von kleinen Geschäften entscheiden können. Wenn sie zehn fehlende Quittungen feststellen, können sie ein Lokal für 48 Stunden sofort schließen lassen. Verstoßen die Angestellten erneut gegen die Regeln, müssen die Gastronomiebetriebe noch länger dicht machen.

Steuerfahnder verdienen nur 700 Euro im Monat

Die Männer, die für Androutsos arbeiten, sind gut ausgebildet, haben Hochschulabschlüsse, sprechen Englisch. Und seit Neuestem können sie sogar Selbstverteidigungskurse beim griechischen Ringerverband belegen - man weiß ja nie.

Dennoch werden sie alle miserabel bezahlt. "Steuerfahnder arbeiten hart und sind den ganzen Tag im Einsatz. Aber sie verdienen nur 700 Euro im Monat", sagt Androutsos. Er selbst sieht sich als Patrioten, der zur Rettung seines Landes beiträgt. "Aber wir alle sind mit unseren Kräften am Ende und stehen kurz vor dem Kollaps", sagt er.

Rund 800.000 Menschen leben in dem Athener Stadtgebiet, das Androutsos und seine Leute überwachen müssen. Für dieses Einzugsgebiet hat der Fahnder gerade einmal eine Mannschaft von 51 Mitarbeitern. Eigentlich bräuchte er mehr als doppelt so viele. Neue Leute darf Androutsos aber nicht anheuern, weil es in der öffentlichen Verwaltung einen Einstellungsstopp gibt.

Androutsos spielt jeden Tag Katz und Maus. "Steuerbetrüger können sehr einfallsreich sein", erzählt er. Barbesitzer würden zum Beispiel häufig nur für die ersten verkauften Getränke Quittungen ausstellen. Bestellt der Kunde ein weiteres Bier, wird dieselbe Quittung noch einmal ausgestellt. So machen die Wirte Gewinn, den sie nicht versteuern müssen.

Er und seine Männer verspürten keine Genugtuung, wenn sie Bußen verhängen, sagt Androutsos. "Unser Ziel ist es nicht, hohe Strafen auszusprechen. Wir wollen dazu beitragen, dass sich in unserem Land die Mentalität ändert". Hin zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit in Steuerangelegenheiten.

Doch bei seiner alltäglichen Arbeit stößt Androutsos nicht nur auf Betrüger. Auch einem schicken Restaurant, in dem gerne Politiker und Manager speisen, stattet er einen Besuch ab. Doch hier kann er keinen Betrug feststellen. Der Besitzer versichert, er habe schon immer korrekt abgerechnet. Auch schon, als sein Restaurant noch kein Treffpunkt für die Mächtigen war. Für seine Ehrlichkeit bezahle er allerdings einen hohen Preis: "Wir kämpfen ums Überleben", klagt er. "Wenn du in Griechenland ehrlich bist, bist du fast ein Heiliger".

Übersetzung aus dem Englischen: Henning Jauernig

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