Schuldenkrise Wie wir Griechen immer deutscher werden

Früher haben Griechen über die deutsche Sparsamkeit gelacht, heute steht knausern hoch im Kurs. In der Krise werden die Hellenen den Deutschen immer ähnlicher. Aber wer soll eigentlich noch den Konsum ankurbeln, wenn Europa bald nur noch aus germanischen Geizkragen besteht?

Orthodoxer Priester beim Einkauf in Athen: Nur den Deutschen reichten vier Tomaten
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Orthodoxer Priester beim Einkauf in Athen: Nur den Deutschen reichten vier Tomaten

Ein Kommentar von


Trotz all des Tohuwabohus ums Sparen und auch wenn viele meiner Landsleute eine "Germanisierung Griechenlands" als vermeintliche Rettung vor dem Bankrott vehement ablehnen: Die Griechen werden in ihrem Verhalten zunehmend den Deutschen ähnlich - und diese Verwandlung scheint ihnen sogar zu gefallen.

Dabei gibt es wohl keinen Griechen, der sich noch nie über den typisch deutschen Konsumenten lustig gemacht hätte. Der, so erzählt man es sich, geht in seinen örtlichen Supermarkt, kauft eine Scheibe Melone und genau vier Tomaten.

Im Vorkrisen-Griechenland hätte man über ein solches Verhalten, gerade bei Lebensmitteln, die Stirn gerunzelt und es als große Blamage gesehen. Der Durchschnittsgrieche gab sich alle Mühe, jeden Anschein von Sparsamkeit zu vermeiden. Das galt selbst in Haushalten, wo der Kauf von vier Tomaten viel sinnvoller war als der von zwei Kilo Tomaten, die schließlich im Müll landeten.

Seit den frühen achtziger Jahren wurde den Griechen die Anti-Spar-Überzeugung eingeimpft. Vorbildlich war nicht das Leben der antiken Spartaner, das an die Germanen erinnerte. Stattdessen galt der prächtige und luxuriöse Lebensstil der Sybariten als Beweis für Fortschritt und das Ende jener Entbehrungen, die einen großen Teil der modernen griechischen Geschichte gekennzeichnet hatten.

Konsum wurde die wichtigste Quelle griechischen Selbstbewusstseins. Das begann mit der expansiven Politik des sozialistischen Premiers Andreas Papandreou. Er erlangte Berühmtheit, als er nach seiner Wahl die Löhne der öffentlichen Angestellten verdoppelte. Es ging weiter mit den Geldströmen aus EU-Fonds, die den Wirtschaftsboom der neunziger Jahre verstärkten.

Den Höhepunkt fand der Sorglostrend im vergangenen Jahrzehnt. Nach der Euro-Einführung wurde Griechenland mit billigen Krediten geflutet. Heute erinnern sich Griechen wehmütig an die Bankprodukte jener Tage, etwa das spezielle Darlehen für extravagante Ferien. Das Geldausgeben war Teil unserer nationalen Identität geworden. Es war der Hauptpfeiler einer Ökonomie, die ihr "Wirtschaftswunder" dem privaten und öffentlichen Konsum verdankte.

Viele heizen wieder mit Holz

Die Zeiten haben sich geändert. Konsum passt nicht zur Krise, meine Landsleute freunden sich mit dem germanischen Wert der Sparsamkeit an. Laut aktuellen Umfragen haben acht von zehn Griechen ihre Ausgaben reduziert und sind auf billigere Produkte umgestiegen. Immer mehr Menschen heizen mit Holz, die Autoverkäufe sind dramatisch zurückgegangen. Die Lokale bleiben am Samstagabend leer. Cafeterias, Bars und Restaurants, die einst astronomische Preise verlangten (sechs Euro für eine Tasse Kaffee), bieten jetzt "Happy Hours" und andere Vergünstigungen, um Kunden anzulocken.

Es ist kein Zufall, dass einer der erfolgreichsten Werbespots im griechischen Fernsehen derzeit von einem deutschen Unternehmen stammt. Der TV-Spot von Media Markt zeigt die Karikatur eines Schmarotzers, der sich so billig wie möglich durchschlägt. Der dazugehörige Werbeslogan lässt sich grob übersetzen mit: "Herr Umsonst ist gesund und munter."

Man könnte entgegnen, dass für Hunderttausende Griechen - die Arbeitslosen, die Armen, die Krisenopfer - das Sparen ein notwendiges Übel ist - und kein Zeichen einer veränderten Mentalität. Doch demonstrativer Konsum wird selbst von jenen Griechen abgelehnt, die noch Geld ausgeben können.

Menschen, die ihre Einkäufe in der Vorkrisenzeit eifrig Freunden und Verwandten präsentiert hätten, rechtfertigen sich heute für ihr Konsumlaster. Normalerweise wird dabei der Preis heruntergespielt: "Ich habe diesen neuen Flachbildfernseher mit einem 50-Prozent-Rabatt und einem Bonus-Toaster bekommen!" Außerdem gilt es zunehmend als Sünde, schicke Dinge zu kaufen. So weiß ich von jemandem, der jedes Mal seinen neuen iMac-Computer versteckt, wenn er Besuch erwartet. Griechen aus der Mittelklasse haben kein Problem damit, vor Discountern anzustehen, denen sie vor der Krise keinen zweiten Blick gegönnt hätten.

Profitieren von der "Kartoffel-Bewegung"

Kürzlich sah ich sogar einen gut gekleideten Mann, der sich mit zwei Kartoffelsäcken auf den Schultern ziemlich wohl zu fühlen schien. Er ist einer von vielen Griechen, die von der sogenannten Kartoffel-Bewegung profitieren: Kunden kaufen direkt beim Bauern und sparen damit viel Geld.

Die Menschen zeigen sich nicht ohne Stolz, wie die Krise sie beeinträchtigt. Der von Deutschland geprägte Sparkurs der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds hat vielleicht dabei versagt, unsere in Trümmern liegende Wirtschaft zu retten. Einflussreicher war er dabei, unsere Mentalität zu verändern.

Ich erinnere mich gut an die Diskussion mit einem deutschen Minister in Berlin im vergangenen Jahr. Ich schlug vor, Deutschland könnte selbst mehr tun, um den Konsum anzukurbeln und so der Wirtschaft in Europas Krisenländern zu helfen. Er antwortete mir, solch ein Versuch wäre vergeblich. "Selbst wenn man die Gehälter der Deutschen erhöht, würden ihre Konsumausgaben niedrig bleiben."

Man ist geneigt sich zu fragen, was aus Europa wird, wenn die Zahl der Konsumenten immer weiter zurückgeht und es nur noch Produzenten gibt. Wer wird die Rolle des Verbrauchers übernehmen? Lasst uns hoffen, dass die Chinesen weiter Mercedes und BMW lieben. Hoffentlich können sie außerdem ihre Laktoseintoleranz überwinden - und große Fans von Feta-Käse werden.

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking



insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
blaudistel 16.04.2012
1. Diese ganze Diskussion ist müssig
Zitat von sysopREUTERSFrüher haben Griechen über die deutsche Sparsamkeit gelacht, heute steht Knausern hoch im Kurs. In der Krise werden die Hellenen den Deutschen immer ähnlicher. Aber wer soll eigentlich noch den Konsum ankurbeln, wenn Europa bald nur noch aus germanischen Geizkragen besteht? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,827128,00.html
bei 400 Euro-Jobbern und 5 - 6 Euro Stundenlohn für einen Vollzeitjob mitten in Deutschland. Selbst wenn wir wollten ... wir könnten nicht ... wir heizen schon jahrelang wieder mit Holz, im Winter sind nur 2 von 5 Heizkörpern überhaupt in Betrieb und Wasser und Strom werden gespart. Der Fernseher hat 99 Euro gekostet und das Auto wurde abgemeldet. Konsum muss man sich leisten können Herr Christides!
Farina Blanco 16.04.2012
2. Ich bin nicht überzeugt...
Zitat von sysopREUTERSFrüher haben Griechen über die deutsche Sparsamkeit gelacht, heute steht Knausern hoch im Kurs. In der Krise werden die Hellenen den Deutschen immer ähnlicher. Aber wer soll eigentlich noch den Konsum ankurbeln, wenn Europa bald nur noch aus germanischen Geizkragen besteht? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,827128,00.html
...von einem von Überzeugung geprägten Sinneswandel über Nacht. Eher "der Not gehorchend, nicht dem eigenem Triebe..." Obwohl -freuen würde es mich für "die Griechen".
ullibulli09 16.04.2012
3. Die Revolution startet gerade in Griechenland ...
Die Griechen lernen nicht von den Deutschen, sie gehen ihren eigenen neuen Weg und das ist auch gut so. Die Demokratie ist in Griechenland entstanden und genauso ist Griechenland gerade der Ausgangspunkt einer neuen Art wirtschaftlichen Denkens. Wir stecken gerade in den Anfängen einer Revolution ein Beitrag des NDR verdeutlicht das sehr eindringlich ... NDR WELTBILDER - Griechen organisieren eine neue Art des Tauschhandels. ( 4:55 min ) - YouTube (http://youtu.be/9IJoF6p_N9I).
Themostikles 16.04.2012
4. Alles verprasst und jetzt fragen, wer den Konsum ankurbeln soll?
Zitat von sysopREUTERSFrüher haben Griechen über die deutsche Sparsamkeit gelacht, heute steht Knausern hoch im Kurs. In der Krise werden die Hellenen den Deutschen immer ähnlicher. Aber wer soll eigentlich noch den Konsum ankurbeln, wenn Europa bald nur noch aus germanischen Geizkragen besteht? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,827128,00.html
Das kann doch nicht wahr sein, soviel vorgebliche Ahnungslosigkeit! Ihr lieben Griechen, ihr habt schon alles, was für eure Zukunft vorgesehen war verprasst und nun lernt ihr sparen? Aber ihr fragt noch wie verzogene Kinder patzig, wer jetzt den Konsum ankurbeln soll? Den habt ihr doch vorverlegt. Die Riesenparty ist zu Ende, das Geld ist jetzt in der Schweiz. Ihr meint, wenn ihr ungezogen weiter quengelt, werden wir deutschen Steuerzahler ein Einsehen haben und euch noch mehr zum verprassen überweisen? Und wir tumben Germanen sparen das dann wieder aus dem Rücken unserer Kinder heraus, oder wie? Das dumme Konsumargument wird doch immer wieder und auch von "Experten" gebracht. Man kann sich nicht reich prassen. Man SPART und ARBEITET sich reich und erhält dann das seine und investiert klug weiter. Griechenland wird sich ebenfalls nicht durch sparen allein erholen, sondern durch Arbeit und vor allem mit INNOVATIONEN. Aber die Griechen haben noch nicht mal eine eigene Fahrradproduktion. Schlauheit und Korruption genießen das höchste Ansehen, wer arbeitet ist dumm. Das könnte man ändern, oder doch nicht? So germanisch werden die Griechen nicht werden können, da gibt es eine deutliche Schmerzgrenze.
salopp 16.04.2012
5. blah
Zitat von blaudistelbei 400 Euro-Jobbern und 5 - 6 Euro Stundenlohn für einen Vollzeitjob mitten in Deutschland. Selbst wenn wir wollten ... wir könnten nicht ... wir heizen schon jahrelang wieder mit Holz, im Winter sind nur 2 von 5 Heizkörpern überhaupt in Betrieb und Wasser und Strom werden gespart. Der Fernseher hat 99 Euro gekostet und das Auto wurde abgemeldet. Konsum muss man sich leisten können Herr Christides!
Man kann es auch mit der Aussage übertreiben. So schlecht geht es uns Deutschen nun wirklich nicht.
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