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Griechenland: Die beliebtesten Reiseziele

Foto: Yorgos Karahalis/ REUTERS

Ausbeutung in Griechenland Urlaub bis zum Umfallen

Griechenlands Hoteliers jubeln über Rekordumsätze - bei den Beschäftigten aber kommt wenig davon an. Tarifverträge werden ausgehebelt, Saisonkräfte hausen in Containern. Nun droht Streik zur Hochsaison.

Die griechische Tourismusbranche floriert. In diesem Jahr werden rund 30 Millionen Urlauber erwartet, mehr als jemals zuvor. Statistisch gesehen kommen damit 2017 auf jeden Griechen etwa drei Touristen.

"Jedes Jahr brechen wir neue Rekorde", sagte Premierminister Alexis Tsipras neulich hocherfreut vor Hotelmanagern. Sein Enthusiasmus ist nachvollziehbar. Der Tourismus wird Griechenland in diesem Jahr voraussichtlich 14 Milliarden Euro aus dem Ausland einbringen - eine überlebenswichtige Stütze für die krisengeschüttelte Wirtschaft des Landes.

Doch den Preis zahlen viele der mehr als 340.000 Beschäftigten der Branche. Die Arbeitstage sind lang, die Gehälter gering. Viele Griechen werden illegal beschäftigt, haben keinen Versicherungsschutz und können leicht gefeuert werden. "Die Rekorde und Gewinne basieren auf überarbeiteten, ausgebeuteten Angestellten, von denen viele umfallen vor Erschöpfung", sagt Kyriakos Tsaousis, Chef einer Touristik-Gewerkschaft im Norden Griechenlands.

Tourismus- und Gastronomie-Gewerkschaften haben für Donnerstag einen landesweiten Streik angekündigt, um auf die derzeitigen Zustände in der Branche aufmerksam zu machen. Es ist der erste Streik im Tourismussektor seit 2012. Panagiotis Prountzos, Präsident des Dachverbands der Tourismus-Gewerkschaften, glaubt an einen Erfolg des Arbeitskampfs: "Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich so schnell, wir können nicht länger schweigen."

Die Missstände öffentlich zu machen ist für viele Beschäftigte aber ein Problem. Sie fürchten um ihre Jobs. Diese Angst spiegelt sich in der Tatsache wider, dass von mehr als einem Dutzend vom SPIEGEL befragten Angestellten der Reisebranche kein Einziger bereit war, mit seinem Namen zitiert zu werden. "Ich habe eine Familie zu versorgen", sagen viele als Begründung.

Die Ausbeutung im Tourismussektor hat unterschiedliche Formen:

  • Unsicherheit und Überlastung: Eine Kellnerin eines Hotels in Chalkidiki, einem beliebten Reiseziel im Norden, arbeitet seit Beginn der Urlaubssaison 7 Tage die Woche und 12 Stunden pro Tag. "Ohne einen einzigen freien Tag", sagt sie. Wie viele ihrer Kollegen ist sie nur saisonal beschäftigt: Ende September wird sie wieder auf die Straße gesetzt. Den Rest des Jahres muss sie über die Runden kommen mit drei Monaten Arbeitslosengeld und dem, was sie über den Sommer von ihrem Monatsgehalt von 700 Euro beiseitelegen konnte.
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  • Stagnierende Löhne: Festangestellte haben mehr Sicherheit im Job. Doch auch sie beklagen geringe Gehälter und schlechte Arbeitsbedingungen. Die Löhne wurden 2012 um 15 Prozent gekürzt. Seither stagnieren sie, obwohl die Gewinne der Branche kontinuierlich steigen. Gewerkschaften schätzen, dass sich nur ein Prozent aller griechischen Hotels an Tarifverträge hält. Sie umgehen sie mit zahlreichen Tricks: Tarifabkommen sind verpflichtend nur für Mitglieder von Hotelvereinigungen. Viele Unternehmen ziehen sich deshalb aus den Verbänden zurück. Die größte Vereinigung - Heraklion auf der Insel Kreta - hat sich gerade auf Initiative der Mitglieder selbst aufgelöst. In einigen Hotels müssen inzwischen sogar hochqualifizierte Fachkräfte Verträge als ungelernte Arbeiter unterzeichnen. Sie bekommen nur den Mindestlohn von 586 Euro.
  • Viele Arbeitgeber nutzen Gesetzeslücken aus, um Mitarbeiter billig und zeitlich befristet anzustellen. Das Gesetz sieht Grenzen für vom Staat subventionierte Praktika vor: Sie dürfen nicht mehr als 17 Prozent der Lohnsumme eines Betriebs ausmachen und 40 Praktikanten pro Hotel nicht übersteigen. Viele Arbeitgeber setzen aber mehr ein. Ein Praktikant kostet Hotels nur 187 Euro pro Monat.

  • Arbeitgeber dürfen Beschäftigten unter 25 Jahren Gehälter unterhalb des Mindestlohns geben. Die Maßnahme war eigentlich dazu gedacht, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen (derzeit 46,6 Prozent). Doch Missbrauch ist einfach, die Regelung erlaubt, junge Arbeitskräfte für gerade einmal 511 Euro pro Monat einzustellen. Gewerkschaften schätzen den Anteil solcher Arbeitsverhältnisse auf mindestens 30 Prozent der Gesamtbeschäftigung in der Reisebranche.

  • Ein weiterer Trick besteht darin, ausländische Arbeitskräfte aus Russland oder Osteuropa anzuwerben, über Agenturen in Ländern wie Zypern. Diese "Trainees" arbeiten Vollzeit, leben in Sammelunterkünften und verdienen monatlich gerade einmal 300 bis 400 Euro. Es ist nicht unüblich, dass selbst in Luxushotels in beliebten Urlaubsorten kaum ein Angestellter Griechisch spricht.

  • Gehälter werden zurückgehalten: Selbst viele profitable Hotels schlagen Kapital aus der Zwangslage vieler Beschäftigter, indem sie die Auszahlung von Gehältern verzögern, teilweise um Monate. Beschwerden darüber sind selten, viele Beschäftigte fürchten Repressalien. Gewerkschaften berichten davon, dass Hoteliers erst Steuern, Sozialabgaben und Lieferanten bezahlen, bevor sie den eigenen Mitarbeitern Geld auszahlen. "Die Botschaft ist klar: Sei froh, dass du überhaupt einen Job hast. Also halt die Klappe, oder wir stellen jemand an deiner Stelle ein", sagt ein Hotelbediensteter aus Thessaloniki.

  • Verletzung von Gesundheits- und Arbeitsschutzrichtlinien: Angestellte beschreiben erschütternde Zustände, die Rede ist von Gluthitze in den Küchen, fehlenden Schutzausrüstungen, glitschigen Böden und fehlenden Sicherheitsverfahren. Unfälle sind häufig. Die Zahl der Arbeitsunfälle ist von 2009 bis 2016 um 580 Prozent gestiegen.

Der griechische Touristikverband SETE bezog auf am Mittwoch Stellung. "Die Hotelbranche ist in Griechenland der einzige große Arbeitgeber, der drei hintereinander folgende Tarifverträge unterzeichnet hat", so Verbandspräsident Giannis Retsos gegenüber SPIEGEL ONLINE. Der vereinbarte Mindestlohn liege mit 768 Euro zudem 30 Prozent über den landesweiten Mindestgehältern. Zu den Vorwürfen sagte Retsos, "jeder Fall schlechter Geschäftsführung und jede Verletzung der Arbeitsgesetze ist zu verurteilen".

Nach Angaben von Gewerkschaftsvertretern und Mitarbeitern gibt es auch Hoteliers, die alle Rechte der Mitarbeiter respektieren. Dabei handele es sich allerdings vor allem um Luxushotels in den Zentren Athen und Thessaloniki. Fünf-Sterne-Häuser machen allerdings nur rund fünf Prozent der etwa 10.000 Hotels in Griechenland aus. Auf sie entfallen weniger als 17 Prozent aller Betten.

In beliebten Tourismuszentren wie Mykonos, Santorin, Korfu oder Rhodos hingegen werden Beschäftigte oft ausgenutzt. Gewerkschaften verzeichnen zahlreiche Beschwerden aus diesen Ferienzentren. Manche Saisonarbeiter können sich keine eigene Unterkunft leisten. Sie leben in Gruppen von bis zu zehn Personen unter der brennenden Sonne in Metallcontainern.

"Die berühmten traumhaften Urlaubsorte", sagt Gewerkschafter Prountzos, "sind für viele Beschäftigte ein Albtraum."

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