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26. Februar 2015, 06:55 Uhr

Am Fiskus vorbei

Die Tricks der griechischen Benzin-Schmuggler

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Aus dem Kampf gegen illegalen Kraftstoffhandel hofft Griechenland auf Erlöse von einer Milliarde Euro. Aber wie geht das eigentlich - Benzin schmuggeln? Die vier beliebtesten Tricks.

Es ist ein besonders brisanter Punkt auf Griechenlands Reformliste: "target fuel smuggling", den Benzinschmuggel bekämpfen.

"Die Regierung beabsichtigt, sich unverzüglich ehrgeizige Einnahmeziele auf diesem Gebiet zu setzen", schreibt Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis in dem Brief an Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem.

Wie man ein paar Stangen Zigaretten über die Grenze bringt, ist klar. Aber Benzin im Millardenwert? Wie geht das?

Fest steht: Wegen des Benzinschmuggels verliert Griechenlands Staatskasse ein Vermögen. Auf 25 Milliarden Euro werden die Einbußen geschätzt, die das Land in den vergangenen 20 Jahren durch illegalen Kraftstoffhandel und Spritpanscherei erfahren hat. Eine Regierung nach der anderen ist daran gescheitert, das Problem zu bewältigen. Denn dahinter stehen mächtige Interessengruppen, organisierte Verbrecherringe sowie korrupte Zollbeamte und Polizisten.

Griechische und internationale Schmuggelringe nutzen ausgeklügelte Wege, um den Staat zu betrügen. Einige der Methoden hat Dimitris Mardas, neuer Vize-Finanzminister, offengelegt, andere haben Insider aus dem griechischen Benzin- und Ölmarkt für SPIEGEL ONLINE enthüllt. Letztere möchten anonym bleiben - aus Angst um ihre Sicherheit.

Vier Tricks im griechischen Benzinschmuggel

1. An der Tankstelle

Bis zu zehn Prozent des Kraftstoffs, der in Griechenland verkauft wird, ist verpanscht. Das Problem ist besonders verbreitet in kleinen Städten und Dörfern. Die Anreize, zu betrügen, sind stark: Die Benzinpreise in Griechenland gehören zu den höchsten in Europa. Der Verkaufspreis besteht zu 64 Prozent aus Steuern und Gebühren.

Benzin ist in Griechenland oft mit Chemikalien verunreinigt. Teurere Spritsorten mit 100 Oktan werden mit günstigeren Sorten gepanscht. Außerdem mischen Spritpanscher legal gekauften Kraftstoff mit Benzin, das sie sich viel billiger auf dem Schwarzmarkt beschaffen. Populär ist auch folgende Methode: Tankstellen nutzen Mikrochips, um die Pumpen der Zapfsäulen zu manipulieren - und so die Autofahrer zu betrügen: Ein Element in der Größe eines Kugelschreibers kann in die Zapfsäule eingebaut werden, damit sie weniger Benzin abgibt als sie anzeigt.

2. Beim Schiffsdiesel

Unehrliche Tankstellenbesitzer sind kleine Fische. Und es gibt nur wenige von ihnen - im Vergleich mit den Schiffsdieselschmugglern. Auch für sie gibt es starke Anreize. Denn der Kraftstoff für Schiffe ist in Griechenland von allen Verbrauchssteuern befreit und deshalb viel billiger als Tankstellensprit.

Auch in diesem Bereich gibt es mehrere Möglichkeiten, den Staat zu betrügen - und oft auch die Schiffsbesitzer. Stellen Sie sich vor, ein Schiff ordert 20 Tonnen zollfreien Diesel, der 60 Cent pro Liter kostet. Jetzt machen Schmuggler einen Deal mit ihren Komplizen an Bord: Sie benutzen nur einen Teil des bestellten Diesels für das Schiff. Den Rest füllen sie in Tankwagen und bunkern ihn dann in einem der mehr als 200 illegalen Speichertanks in Griechenland, bevor dieser Kraftstoff auf dem heimischen Markt verkauft wird: als Diesel für Pkw oder als Heizöl im Winter. Der Zoll wird benachrichtigt, dass der Kraftstoff an ein Schiff geliefert wurde - und die Behörden kriegen den Schwindel gar nicht mit. Selbst wenn die Zollbeamten einen Tipp bekommen und Untersuchungen anstrengen, bleiben die oft ohne Erfolg. Denn die Beamten müssen die Hafenpolizei informieren. Und dabei bekommen die Schmuggler meist irgendwie Wind von den Ermittlungen.

3. Exportschwindel

Eine weitere einträgliche Schmuggelaktivität verbirgt sich hinter den Differenzen zwischen den griechischen Exporten und dem Wert der Importe, die Griechenlands Handelspartner deklarieren. Ein Beispiel: Im Jahr 2013 deklarierte Griechenland Kraftstoffexporte im Wert von 612,3 Millionen Euro in die Türkei. Doch wie durch ein Wunder hatten die türkischen Importe griechischer Kraftstoffe nur einen Wert von 418,8 Millionen Euro.

Das machen die Schmuggler so: Der griechische Fahrer eines Tankwagens deklariert beim Zoll die Kraftstoffmenge, die er für den - zollfreien - Export transportiert. Dann, nach ein paar Stunden, macht er eine Kehrtwende und fährt zurück nach Griechenland - weiterhin mit voller Ladung im Tank. Eine andere Methode: Ein griechischer Tankwagenfahrer kommt zum Zoll. Er deklariert, dass er eine volle Tankladung Kraftstoff exportiert. In Wahrheit ist sein Tankwagen aber nur halb voll. Der Rest ist sicher in Griechenland gebunkert, um ihn später auf dem heimischen Markt zu verkaufen.

4. Das Bermudadreieck

Besonders profitabel ist das sogenannte Bermudadreieck: Ein Grieche kommt zum Zoll. Er deklariert präzise die Benzinmenge, die er in seinem Tankwagen geladen hat, für den Export. Nach der Kontrolle gibt er den Anschein, als führe er in Richtung des Zollbüros im Nachbarland.

Aber irgendwo auf dem kurzen Weg dahin "verschwindet" der Tankwagen. Eine einzige Wagenladung mit 30.000 Litern zollfreien Benzins, das eigentlich für den Export bestimmt war, aber nicht exportiert sondern auf dem heimischen Markt verkauft wird, bringt jedem Beteiligten einen Erlös von bis zu 9000 Euro. Nicht schlecht, oder?

"Endlich eine Regierung, die das Problem ernsthaft angeht"

Wird das Linksbündnis Syriza Erfolge verzeichnen, wo andere Regierungen versagt haben? Immerhin hat Ministerpräsident Alexis Tsipras mit Dimitris Mardas einen Experten auf dem Gebiet des Benzinschmuggels zum Vize-Finanzminister ernannt - und damit zum Verantwortlichen für sämtliche Einnahmen der öffentlichen Hand. Mardas, bisher Wirtschaftsprofessor an der Universität Thessaloniki, sagt, er könne allein mit dem Kampf gegen den Benzinschmuggel kurzfristig eine Milliarde Euro erlösen.

Ist dieses Ziel realistisch? Ja, sagt Giorgos Asmatoglou. Asmatoglou ist Präsident des griechischen Verbands der Tankstellenbesitzer und Ölhändler, der Popek ("Panhellenic Federation of Fuel Station Owners and Oil Traders").

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zeigt sich Asmatoglou zuversichtlich: "Endlich haben wir eine Regierung, die das Problem ernsthaft angeht - falls sie die Maßnahmen umsetzt, die Herr Mardas vorschlägt: ein Kontrollsystem, das alle Schritte in der Lieferkette überwacht, moderne Überwachungssysteme für den Zoll, GPS-Systeme im gesamten Benzinvertriebsnetzwerk - von den Raffinerien bis zum Bestimmungsort - und harte Strafen für Gesetzesbrecher, die erwischt werden." Mit diesen Schritten könnten die Behörden 95 Prozent des Problems lösen und innerhalb von sechs Monaten spürbare Steuereinnahmen erzielen, sagt Asmatoglou.

Übertragen aus dem Englischen von Franziska Bossy

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