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24. September 2011, 10:52 Uhr

Griechische Beamte

Superstars außer Dienst

Aus Piräus berichten und Ferry Batzoglou

Ein Job beim Staat war in Griechenland wie ein Sechser im Lotto - bloß nicht so selten. Vetternwirtschaft und teure Wahlversprechen haben die Verwaltung aufgebläht, jetzt steht eine Radikalkur bevor. Doch der Absturz der Beamten könnte alle anderen mit in den Abgrund reißen.

Das buntgestreifte Hemd hat er bis zum Bauch aufgeknöpft, ein Goldkreuz baumelt im dichten Brusthaar und sein schmerzhaft-fester Händedruck zeugt von jahrelanger körperlicher Arbeit: Stamatis Koulouras, 50, ist der stellvertretende Chef der Hafenarbeitergewerkschaft von Piräus, ein griechischer Bud Spencer, ein Gemütsmensch mit Macho-Attitüde, den große Sorgen plagen. "Ich bin nur ein einfacher Arbeiter", seufzt er, "aber es ist mir ein Rätsel, wie wir diesen Sparwahn überleben sollen."

Die Regierung in Athen hat am Mittwoch weitere harte Einschnitte angekündigt. Demnach werden 30.000 Beamte und Angestellte des öffentlichen Diensts in eine sogenannte Arbeitsreserve versetzt. Sie erhalten ein Jahr lang nur noch 60 Prozent ihres Grundgehalts. Anschließend soll eine unabhängige Behörde entscheiden, wer entlassen wird. Die Gewerkschaften rechnen mit Zehntausenden Betroffenen und mit Gehaltseinbußen, die alles jemals Dagewesene übersteigen werden. Denn es rächt sich nun ein Fehler im System.

Immer weiter hatten Konservative und Sozialisten die ohnehin schon üppig bemessene griechische Verwaltung in den vergangenen Jahrzehnten aufgebläht. Stellen gegen Stimmen - das war der Deal. Pro Einwohner leistete sich das Land fünfmal mehr öffentlich Bedienstete als etwa Großbritannien. Der Apparat verschlang mehrere Dutzend Milliarden Euro im Jahr - Geld, das der Staat nie hatte. Das Bruttoinlandsprodukt Griechenlands ist nur etwas höher als das von Hessen.

Als die konservative Regierung im Herbst 2009 ankündigte, die Gehälter der damals fast 800.000 Staatsbediensteten einzufrieren, um Kosten zu sparen, brach ein Sturm der Entrüstung los. Der Führer der Sozialisten, Georgios Papandreou, setzte im folgenden Wahlkampf auf den Slogan: "Es gibt Geld." ("Lefta yparchoun.") Mit mehr als zehn Prozentpunkten Vorsprung gewann er und wurde Premierminister. Das Problem war nur: Er hatte gelogen.

Jahr für Jahr musste sich die Regierung an den internationalen Finanzmärkten viel frisches Kapital leihen. Milliarden, die sie ebenso munter wie großzügig unter die Leute brachte. Die Einführung des Euro erleichterte das Schuldenmachen sogar noch, denn mit dem Beitritt zur Gemeinschaftswährung sanken die Zinsen, die Griechenland bezahlen musste, auf ein nie für möglich gehaltenes Niveau. Dann aber platzte die Blase.

Einkommen der Beamten ist um 20 Prozent runter

Inzwischen muss Papandreou tun, was er im Wahlkampf noch weit von sich gewiesen hatte: Er muss sparen. Und zwar so radikal und kompromisslos wie niemals zuvor in der Geschichte seines Landes. Doch die jahrelange Vetternwirtschaft, der Klüngel, das "Rousfeti" haben dazu geführt, dass der Staat einer der wichtigsten Arbeitgeber in Griechenland geworden ist. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wird jeder vierte Arbeitnehmer von der öffentlichen Hand bezahlt. 22 Milliarden Euro kosten seine Beamten und Pensionäre den Staat dieses Jahr - das entspricht etwa zehn Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts.

Den Staatsbediensteten drohen Entlassungen, sie müssen jedoch schon jetzt mit enormen Gehaltseinbußen leben. Der Athener Professor für Sozialpolitik, Savvas Robolis, hat errechnet, dass das Einkommen der Beamten in den vergangenen zwei Jahren bereits um 20 Prozent gesunken ist. Das wiederum wirke sich verheerend auf die Binnennachfrage aus, die für die exportschwache griechische Wirtschaft von entscheidender Bedeutung sei.

"Es könnte ein Teufelskreis entstehen", warnt der Ökonomieprofessor Georgios Argitis. Die Wirtschaft könnte vollständig abgewürgt werden, die Arbeitslosigkeit werde steigen und mit ihr auch die Sozialausgaben. Gleichzeitig würden jedoch auch die Steuereinnahmen sinken. Argitis' Prognose: "Die Rezession wird sich vertiefen." Der wichtigste griechische Nachrichtensender Skai sprach deshalb bereits von "Maßnahmen ohne Maß". Ein soziales Chaos könnte ausbrechen. Die Kommunistische Partei ruft offen zu zivilem Ungehorsam auf.

Vom Traumjob in die Wäschekammer

Georgios Fotiadis, 51, war viele Jahre lang ein ebenso zufriedener wie stolzer Lokführer. Der Beamte steuerte auf der prestigeträchtigen Strecke zwischen Athen und Thessaloniki die Schnellzüge der Staatsbahn OSE. Es war sein Traumjob, der ihm netto bis zu 3500 Euro monatlich einbrachte. Fotiadis kaufte sich in Piräus eine Wohnung, vier Zimmer, 75 Quadratmeter, heiratete zum zweiten Mal und wurde wieder Vater. Dann kam die Krise.

Inzwischen arbeitet der zwangsversetzte Beamte in der Wäscherei eines Athener Krankenhauses und muss, wie er angewidert berichtet, die mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten verschmutzte Bettwäsche reinigen. Außerdem sei es seine Aufgabe, sämtliche Abwasserschächte von Ungeziefer zu befreien. Den beruflichen Abstieg begleitete ein finanzieller: Fotiadis bekommt nur noch etwas mehr als 1000 Euro, Tendenz sinkend. Wie er davon leben soll, weiß er nicht.

117 staatlich unterstützte Betriebe sollen in Griechenland nach übereinstimmenden Zeitungsberichten sobald wie möglich schließen. Im öffentlichen Dienst arbeiten noch etwa 700.000 Menschen, hinzu kommen die rund 200.000 Angestellten halbstaatlicher Unternehmen wie der Fernsehgesellschaft oder des öffentlichen Stromversorgers. Sie sind das finanzielle Rückgrat der Gesellschaft, das nun brechen könnte.

Seit 1911 ist es nicht mehr möglich, griechischen Beamte zu kündigen - so steht es in der Verfassung. Die sozialistische Regierung erwägt aber einen juristischen Winkelzug. Sie will sich auf eine Vorschrift berufen, die besagt: "Sie sind unkündbar, solange ihr Plan-Arbeitsplatz oder ihre Behörde existiert." Mit der Schließung von Ämtern und Dienststellen ließen sich die Entlassungen deshalb ermöglichen.

Auch die Hafenarbeiter von Gewerkschaftsboss Koulouras sind betroffen. Ihr durchschnittliches Einkommen als Angestellte des öffentlichen Dienstes fiel binnen zweier Jahre von 2400 auf 1600 Euro - und wird wohl noch weiter sinken, ein Ende des Schreckens ist nicht absehbar. Das fürchtet auch der Arbeiterführer und unkt: "Ich sage Ihnen, wir sind nur die Versuchskaninchen. Schon bald ist der Rest Europas dran."

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