Griechische Statistik Athens schöne neue Zahlen

Griechenlands Wirtschaft meldet ein Mini-Plus, die EU hofft auf eine Erholung des Pleitekandidaten. Doch die Statistik der Athener Regierung hatte oft wenig mit der Realität zu tun. Wie zuverlässig sind die neuen Angaben?

Eingangshalle der Athener Börse: Spott über "greek statistics"
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Eingangshalle der Athener Börse: Spott über "greek statistics"

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Hamburg - Der griechische Regierungschef ist eher für leise Töne bekannt, doch Ende vergangener Woche platzte ihm der Kragen. Unaufhörlich "prügelten" die Märkte auf sein Land ein, sagte Georgios Papandreou, dabei halte selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) die griechischen Schulden für tragbar. Auch die Medien förderten mit ihren Berichten über Griechenland eine "Kultur der Angst".

Es war ein guter Zeitpunkt für Papandreous Ausbruch. Am selben Tag hatte die europäische Statistikbehörde Eurostat Zahlen veröffentlicht, denen zufolge die griechische Wirtschaft im ersten Quartal um 0,8 Prozent gewachsen ist - genauso stark wie der gesamte Euro-Raum im Durchschnitt. "Die Wirtschaftsentwicklung in Griechenland ist ermutigend", sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn.

Ist also alles halb so wild? Ist Griechenland eigentlich längst auf dem Weg der Besserung und nur aufgrund von Spekulationen in Bedrängnis?

Zwar bezweifelt niemand, dass Papandreous Regierung die größten Reformanstrengungen seit Jahrzehnten unternommen hat, um eine Pleite des Landes abzuwenden. Doch Skepsis ist weiterhin angebracht.

Zunächst einmal bedeutet die positive Prognose fürs erste Quartal nicht, dass die griechische Wirtschaft auch übers Jahr gesehen wieder wächst. Die EU-Kommission sagt Griechenland in ihrer Frühjahrsprognose für 2011 erneut einen deutlichen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts voraus - um 3,5 Prozent. Zudem geht Brüssel von einem weiteren Anstieg der griechischen Schulden aus.

Aus 1,8 wurden 13,6 Prozent

Doch die viel heiklere Frage ist: Wie zuverlässig sind die griechischen Zahlen überhaupt? Schließlich waren Angaben zur griechischen Wirtschaft bislang notorisch aufgehübscht.

Der Ausdruck "greek statistics" galt in der EU bislang als Synonym für frisierte Finanzen. Schon der Beitritt zur Euro-Zone gelang Griechenland 2001 nur, weil das Land seinen Schuldenstand schönte. Auch später wurden immer wieder Tricks bekannt - dabei nahm die Regierung unter anderem die Hilfe der Investmentbank Goldman Sachs in Anspruch. Und noch bis in die jüngste Vergangenheit mussten die Statistiker von Eurostat immer wieder die griechischen Schuldenangaben nach oben korrigieren. Die Defizitquote für 2009 etwa setzte die Regierung von Ex-Premier Kostas Karamanlis zunächst mit 1,8 Prozent an - am Ende wurden es 13,6 Prozent.

Bei den jetzt gemeldeten Zahlen geht es zwar nicht um Schulden, sondern um Wachstum. Doch auch diese Angaben sind mit Vorsicht zu genießen. Es handelt sich um eine sogenannte Schnellschätzung, die im Nachhinein revidiert werden kann. Die Schätzung beruht zudem allein auf Angaben aus Athen.

"Eurostat selbst erhält die Angaben der Länder weniger als 24 Stunden zuvor und hat nur wenige Stunden, um die Berechnungen durchzuführen", erklärte das Statistikamt auf Anfrage. Deshalb seien zunächst nur "einfache Kohärenz-Tests" zur Validierung der übermittelten Zahlen möglich. Im Durchschnitt müssten die Schnellschätzungen aber im Vergleich zur ersten regulären Schätzung nur um 0,1 Prozent revidiert werden. Die Revision der griechischen Vierteljahres-Daten hätten "historisch gesehen nicht über denen anderer Mitgliedstaaten" gelegen.

Neue Standards haben noch Tücken

Zurückhaltender ist der IWF, der gemeinsam mit Vertretern von EU und Europäischer Zentralbank regelmäßig die griechischen Reformbemühungen überprüft. "Der Fonds leistet technische Beihilfe auf der Statistikseite", erklärt eine Sprecherin. Für weitere Fragen verweist sie auf Eurostat und das griechische Statistikamt Elstat.

Die beiden Behörden arbeiten seit April 2010 gemeinsam an einer Verbesserung der griechischen Statistik - dies ist Teil des mit EU und IWF vereinbarten Reformprogramms. Die jetzt veröffentlichten Quartalszahlen sind laut Elstat bereits mit verbesserten Methoden erhoben worden. Dass immer noch Zahlen zum griechischen Haushalt korrigiert würden, läge auch an der Umstellung auf diese neuen Standards. Allerdings weist Elstat von sich aus auf die vorerst noch begrenzte Zuverlässigkeit der neuen Berechnungen hin. Nutzer der Daten "sollten weiterhin vorsichtig mit diesen Ergebnissen umgehen, bis längere Zeitreihen erstellt wurden".

Dass die Zahlen - so wie früher - auf politischen Druck manipuliert werden, scheint inzwischen aber unwahrscheinlicher. Schon im vergangenen Jahr hat Griechenland eine neue Statistikbehörde gegründet, die im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin nur noch vom Parlament kontrolliert werden soll. "Es wird keine Weisungen mehr von der Regierung geben", sagte Behördenleiter Nikolaos Logothetits dem SPIEGEL.

Auf dieses Versprechen muss sich Eurostat aber nicht blind verlassen. Nach einer jahrelangen Blockade durch die Mitgliedstaaten haben die europäischen Statistiker seit August 2010 endlich mehr Kompetenzen. So dürfen sie bei ausreichendem Verdacht auch die Angabe eines Landes vor Ort überprüfen.

Ein solcher "Gesprächsbesuch" ist etwa erlaubt, wenn Daten "häufigen und umfänglichen Korrekturen unterliegen, für die keine klare und angemessene Rechtfertigung vorgebracht wird" - vorerst noch eine ziemlich treffende Beschreibung der "greek statistics".

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
mm01 16.05.2011
1. Athens schöne neue Zahlen
Die schönen Zahlen hatten wir doch schon mal beim Eintritt Griechenlands in die Eurozone. Aber unsere überaus fähigen Politiker glauben natürlich daran....
Gottes-Gehörgang 16.05.2011
2. Glaube, Liebe, Hoffnung
Zitat von sysopGriechenlands Wirtschaft meldet ein Mini-Plus, die EU hofft auf eine Erholung des Pleitekandidaten. Doch die Statistik der Athenner Regierung hatte*oft wenig mit der Realität zu tun. Wie zuverlässig sind die neuen Angaben? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,762870,00.html
Glaube keiner griechischen Statistik mehr - nicht mal den gefälschten. Vor allen Dingen - weder ein Mini-Plus noch ein grosses Plus in irgendeiner griechischen Statistik werden diesen griechischen Schlamperkarren aus dem Dreck ziehen können. Der Euro ist pleite.
UnitedEurope 16.05.2011
3. Wow!
Ist doch nichts neues. Das liegt ja in der Natur der Sache, dass man sich auf "Schätz"ungen nicht verlassen kann. Warum allewelt soviel darauf gibt, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.
gewgaw 16.05.2011
4.
Die Griechen streiken wie die Kesselflicker und dennoch erwirtschaften sie ein beeindruckendes Plus. Wenn die jetzt auch noch richtig arbeiten würden, erreichen sie chinesische Dimensionen.
busoph 16.05.2011
5. Sicher falsche Statistik
Wer einmal erlebt hat, wie in Griechenland gerechnet wird, der weiß: Keine einzige griechische Zahl stimmt. Das gilt auch für das Wirtschaftswachstum: Es geht eindeutig runter, nicht hoch. Das sind alles nur Versuche der griechischen Regierung zur Verschleierung. Die Inflation rast, die Leute haben kein Geld mehr, gekauft wird immer weniger. Griechenland ist platt.
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