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29. Juni 2011, 18:36 Uhr

Griechischer Olivenbauer in der Krise

Der Ausgepresste

Aus Stylida berichten und Ferry Batzoglou

Nationales Kulturgut, wichtigste Exportware - und Symbol für den Niedergang der Wirtschaft: Griechische Oliven gibt es inzwischen zu Schleuderpreisen, unzählige Landwirte fürchten um ihre Existenz. Besuch bei einem Bauern, der fast alles verloren hat.

Fragt man dieser Tage einen ganz normalen Athener, wie es mit ihm und seiner Heimat denn weitergehen solle, antwortet er zumeist zwei Dinge. Erstens: "Die Politiker gehören verjagt, und zwar allesamt." Zweitens: "Wenn alle Stricke reißen und wir wirklich pleitegehen, kann ich immer noch Landwirt werden."

Der Athener sollte sich einmal mit Georgios Nikolaou aus dem weiter nördlich gelegenen Stylida unterhalten.

Der bärtige Bauer, optisch eine Mischung aus Charlton Heston und dem Weihnachtsmann, streift durch seinen Hain, als wäre es das Paradies. Verträumt berührt er die Bäume, tastet nach den dünnen Zweigen und preist die Oliven: Sie seien so gesund, so lecker, kurzum: die vollkommene Frucht. Und dann seufzt Nikolaou tief und erzählt eine Geschichte, die wohl kein Happy End hat.

Oliven sind für Griechenland mehr als nur ein Agrarprodukt, von dem das Land jährlich fast zwei Millionen Tonnen herstellt und das sein wichtigstes Ausfuhrgut ist. Sie sind das, was den Deutschen das Bier ist, ein kulinarisches Kulturgut, auf das jeder Bürger stolz ist und auf das er im Ausland mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angesprochen wird. Wenn man so will, ist die Olive der kleinste gemeinsame Nenner der Griechen - doch auch sie steckt tief in der Krise.

Die Rücklagen sind kontinuierlich zusammengeschmolzen

Das Problem sei, so sagt Bauer Nikolaou, dass die Händler den Wert dieses Lebensmittels nicht mehr zu schätzen wüssten, sondern nur noch nach Profit gierten. Sie drückten die Preise, tiefer und tiefer, und habe er vor Jahren noch drei Euro für jedes Kilo bekommen, seien es heute höchstens zwei und manchmal gerade noch 1,50 Euro. Verkauft würden seine Oliven dann in Athener Supermärkten für neun Euro pro Kilogramm.

"Das ist nicht richtig", empört sich der Bauer und beginnt zu rechnen: 2010 habe er 20.000 Euro ausgeben müssen, für seine Erntehelfer, den Treibstoff und Transport, aber gerade einmal 16.000 Euro verdient. Und so gehe es schon seit Jahren. Die Rücklagen aus seinem beruflichen Vorleben als Techniker in einer Weberei seien in den vergangenen Jahren kontinuierlich zusammengeschmolzen - von 80.000 Euro auf inzwischen 10.000 Euro. "Lange halte ich nicht mehr durch", klagt Nikolaou.

Manchmal, wenn er abends mit seiner Frau zusammen auf der Terrasse seines kleinen Hauses sitze, frage er sich, wofür er eigentlich gebuckelt habe. Warum er sich seit fast 20 Jahren in der Erntezeit jede verdammte Nacht um 4 Uhr aus dem Bett quäle, um 18 Stunden später erschöpft einzuschlafen? Weshalb er sich das alles noch antue, in seinem Alter, trotz Rückenschmerzen und Kreislaufproblemen?

Antworten auf seine Fragen findet er nicht, zumindest keine, die ihm große Hoffnung machen. "Ich liebe die Natur, die Bäume, die Oliven, aber ich muss ein großer Dummkopf sein", sagt Nikolaou bitter. Er klammert sich an die Vorstellung, dass sein ältester Sohn Thomas, 33, bislang Gitarrist in Athen, vielleicht eines Tages die Landwirtschaft doch weiterführen wolle. "Aber zurzeit könnte ich mir noch nicht einmal leisten, ihm meinen Besitz zu überschreiben." Die Steuer darauf sei zu hoch.

Hohe Mautgebühren zur nahen Olivenölpresse

Wie viele Griechen kommt auch Georgios Nikolaou richtig in Fahrt, wenn er auf die Mautgebühren auf der Autobahn angesprochen wird. In seinem Fall offenbart sich in den Abgaben tatsächlich die Absurdität mancher griechischer Verwaltungshandlung: Auf der Fahrt zur nahen Olivenölpresse passiert der Landwirt eine Bezahlstation, jeweils 2,60 Euro muss er dann auf dem Hin- und auf dem Rückweg entrichten. "In der Erntezeit fahre ich aber dreimal täglich dorthin", so Nikolaou. Und während die unmittelbaren Anwohner der Pkw-Kasse von den Abgaben befreit worden seien, wohne er leider ein paar Kilometer zu weit weg.

Ein ganzes Jahr lang hielt es der Bauer daher wie unzählige seiner Landsleute, er stemmte die Schranke hoch und fuhr darunter durch. Verboten war das nicht. Der Bürgermeister seines Ortes, ein bekannter Schauspieler, ließ sich sogar dabei fotografieren, wie er die Barrieren zersägte. Inzwischen aber, so sagt Nikolaou, sei Mautprellerei ein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung und könne mit bis 200 Euro Bußgeld sowie einem zehntägigen Fahrverbot geahndet werden. Also fügte er sich, zürnend.

Und die Oliven? Wie soll es für ihn und seine Frau weitergehen? Der Bauer zuckt mit den Schultern. Er habe noch 3000 Liter Olivenöl gebunkert, vielleicht steige der Preis ja wieder, oder es komme jemand aus dem Ausland, der seine Ware haben wolle, oder... Schweigen. Er weiß es nicht.

Eigentlich, so erzählt der Bauer noch, habe er immer gedacht, mit Mitte 60 könnten sie endlich etwas reisen, ein bisschen von der Welt sehen. "Aber wie, ohne Geld?" Es sei ihnen noch nicht einmal möglich, ihre drei Kinder und das einzige Enkelkind im mehr als 200 Kilometer entfernten Athen zu besuchen.

Warum nicht?

"Auf dem Weg liegen fünf Mautstellen."

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