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01. März 2012, 20:38 Uhr

Griechischer Schuldenschnitt

Pleite-Spekulanten könnten leer ausgehen

In die Verhandlungen um den Schuldenschnitt für Griechenland kommt Bewegung. Der Derivateverband Isda erklärte, dass private Gläubiger keinen Anspruch auf Kreditausfallversicherungen haben. Das könnte die Zockerstrategie einiger Hedgefonds durchkreuzen.

London - Diese Entscheidung dürfte die Euro-Retter aufatmen lassen: Der Internationale Derivateverband (Isda) sieht im Schuldenschnitt für Griechenland kein Kreditereignis. Das heißt, Inhaber griechischer Staatsanleihen werden im Fall des Forderungsverzichts privater Gläubiger zunächst nicht für ihre Verluste entschädigt - auch wenn sie Kreditausfallversicherungen abgeschlossen haben.

Das trifft professionelle Anleger, die sich gegen einen Staatsbankrott mit Hilfe von Credit Default Swaps (CDS) abgesichert hatten. Die Verbandsentscheidung verbessert die Chancen für Griechenland, dass der freiwillige Schuldenschnitt angenommen wird. Denn Isda nimmt den Investoren den Wind aus den Segeln, die darauf gesetzt haben, die Einigung scheitern zu lassen und damit eine Staatspleite Griechenlands hervorzurufen. Dann könnten sie ihre CDS ins Anspruch nehmen und bekämen hundert Prozent des Nennwerts zurück. Mit Blick auf Griechenland kauften manche Investoren Kreditausfallversicherungen, obwohl sie selbst gar keine griechischen Anleihen halten. Mit den CDS spekulieren sie auf Gewinne im Falle eines Staatsbankrotts.

Mit der Umschuldung über einen Anleihetausch sollen Banken, Versicherungen und Hedgefonds an der Rettung Griechenlands beteiligt werden. Weil manche Hedgefonds aber auf eine Pleite Griechenlands gewettet haben und ein Schuldenschnitt daher nicht in ihrem Interesse ist, war bisher nicht klar, ob diese Investoren bei der Einigung mitmachen.

Die Entscheidung in dem aus 15 Mitgliedern bestehenden Ausschuss sei einstimmig gefallen, erklärte der Verband Isda. Er ließ sich aber eine Hintertür offen: Die Lage in Griechenland könne sich ändern - je nachdem könne sich dann ein Kreditereignis ergeben, durch das die CDS fällig würden. Derzeit reiche die Sonderstellung der Europäischen Zentralbank (EZB) beim griechischen Schuldenschnitt aber nicht aus, um die CDS auszulösen.

Schlechte Erfahrungen mit der Lehman-Pleite

Weil CDS-Papiere bei der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 zu einem kolossalen Dominoeffekt und zur Beinah-Pleite des großen US-Versicherers AIG geführt hatten, sind ihre Auswirkungen gefürchtet. Das Volumen aller CDS auf griechische Staatsanleihen betrug zuletzt noch 3,25 Milliarden Dollar. Die Ansteckungsgefahren für das Finanzsystem sind Experten zufolge nicht mehr so groß wie vor einem Jahr. Bei den Plänen zur griechischen Umschuldung wurde bisher dennoch alles daran gesetzt, dass Kreditausfallversicherungen nicht fällig werden.

Die Grundlagen für den Schuldenschnitt stehen bereits fest: Die Banken wollen freiwillig auf 107 Milliarden Euro ihrer Forderungen an Griechenland verzichten und tauschen dafür ihre Staatsanleihen in neue Papiere mit 30-jähriger Laufzeit und mit geringeren Zinsen. Unter dem Strich müssen die Gläubiger 73 bis 74 Prozent abschreiben. Investoren sollen bis Ende kommender Woche entscheiden, ob sie das Tauschangebot annehmen.

Das zweite Hilfsprogramm über 130 Milliarden Euro für Griechenland soll anlaufen, sobald der Schuldenschnitt mit hoher Beteiligung privater Gläubiger erfolgt. "Jetzt liegt es nur noch an den Gläubigern, das Angebot anzunehmen", sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker sagte, alle notwendigen Spar- und Reformmaßnahmen habe Griechenland erfüllt.

mmq/Reuters/dpa

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