Großbritannien Coronakrise kostet Hunderttausende Arbeitsplätze

So viele Jobs sind in Großbritannien zuletzt in der Finanzkrise verloren gegangen: Im Frühjahr sank ihre Zahl um 220.000. Steuerdaten deuten aber auf eine noch dramatischere Situation hin.
Bauarbeiter in London: Die Lage wird wohl noch schlimmer

Bauarbeiter in London: Die Lage wird wohl noch schlimmer

Foto: Hannah Mckay / REUTERS

Auf den ersten Blick scheint der britische Arbeitsmarkt der tiefen Corona-Rezession getrotzt zu haben. Im Zeitraum von April bis Juni ist die Arbeitslosenquote im Vereinigten Königreich unverändert geblieben - und das mit 3,9 Prozent auf niedrigem Niveau. Eine weitere Kennzahl, die das britische Statistikamt ebenfalls an diesem Dienstag bekannt gab, bildet das Geschehen der vergangenen Wochen allerdings besser ab: Im zweiten Quartal ist die Zahl der Beschäftigten um 220.000 gefallen.

Seit der Finanzkrise 2009 sind in Großbritannien nicht mehr so viele Jobs verloren gegangen. Dabei gaben so viele Selbstständige auf wie nie zuvor, während die Zahl der Angestellten zunahm, teilte das Statistikamt mit.

Dass die Arbeitslosenquote dennoch unverändert niedrig blieb, lässt sich mit den Kriterien der Statistik erklären: Viele Briten haben die Jobsuche mangels Erfolgsaussichten in der Coronakrise aufgegeben und wurden deshalb nicht als arbeitslos registriert. Zudem gaben etwa 300.000 Personen an, dass sie beschäftigt waren, obwohl sie nicht arbeiteten und keinen Lohn erhielten.

Auch die Steuerdaten für den Monat Juli deuten darauf hin, dass die Lage auf dem britischen Arbeitsmarkt schwieriger ist, als es die offizielle Statistik nahelegt. Demnach ist die Zahl der Beschäftigten auf den Gehaltslisten der Unternehmen seit März um 730.000 gesunken.

Notenbank rechnet mit Verdopplung der Arbeitslosenquote

Bald schon könnte sich der Jobabbau noch beschleunigen. Denn die britische Variante des Kurzarbeitergelds - das Job Retention Scheme - läuft nun Schritt für Schritt bis Ende Oktober aus. Übernahm der Staat zu Beginn außer 80 Prozent der Gehälter auch die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, müssen letztere seit August wieder von den Unternehmen selbst geleistet werden, in den beiden Folgemonaten zudem einen größer werdenden Teil der Gehälter. Spätestens im November, wenn es gar keine staatliche Unterstützung zum Joberhalt mehr gibt, könnte die Arbeitslosigkeit nach oben schnellen.

Die Notenbank geht davon aus, dass sich die Arbeitslosenquote bis Jahresende auf 7,5 Prozent in etwa verdoppeln könnte. "Mir war immer klar, dass wir nicht jeden Arbeitsplatz schützen können", sagte Finanzminister Rihsi Sunak. Die Hilfsprogramme der Regierung würden aber wirken. Dadurch werde sichergestellt, "dass niemand ohne Hoffnung bleibt".

Großbritannien befindet sich durch die Corona-Pandemie in einer schweren Rezession: Das Bruttoinlandsprodukt wird dieses Jahr um 9,5 Prozent schrumpfen, sagt die Bank of England voraus - ein Konjunktureinbruch, wie ihn Großbritannien seit rund hundert Jahren nicht mehr erlebt hat. Nächstes Jahr soll dann ein Wachstum von neun Prozent folgen.

fdi/Reuters
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